Sanyat hatte am Vortag einen Helm von Aneesh, seinem Moot-Court-Kollegen, ausgeliehen, den ich nun trug. Als wir nach kurzer Fahrt auf einen Highway auffuhren und das Tempo beschleunigten, lernte ich die immense Effizienz schätzen, mit welcher diese Plastikschale mein Hirn zu schützen vermochte: Das für mein Schädelvolumen viel zu große Teil wurde vom Fahrtwind von meinem Kopf geblasen und nur dank eines relativ locker sitzenden Halteriemens verblieb es in Körpernähe, wie ein lächerliches Häubchen flatterte es umher und strangulierte mich dabei nahezu.. mit geschwindigkeitsbedingten Tränen in den Augen bat ich Sanyat schreienderweise, anzuhalten ,als wir eine Mautstation passierten. Zufälligerweise hatte sich am staubigen Straßenrand ein Motorradhelmhändler niedergelassen, dessen Angebot ich nun inspizierte. Relativ schnell entschied ich mich für ein geschlossenes Modell inklusive Visier in meiner Größe zum sagenhaften Preis von drei Euro.. ich will gar nicht wissen, wieviel die lächerliche Suppenschüssel gekostet haben muss, die ich zuvor getragen hatte.. vermutlich nicht mehr als 50 Cent. Wie wirksam der neue Helm meinen Kopf schützen würde, schien zwar ein wenig fraglich, aber zumindest hielt er den Wind sehr viel besser ab und diente dadurch nicht nur als standesgemäßes Dekor, sondern trug doch auch erheblich zum Reisekomfort bei. Doch trotz aller getroffener Vorkehrungen konnte nicht verhindert werden, dass wir uns nach kürzester Zeit sehr kniestig und staubig fühlten, Sand und andere Partikel unbekannter Herkunft knirschten zwischen unseren Zähnen und unsere Haare waren staubig und mit einer Art Rußschicht belegt, welche uns ein reichlich ungepflegtes Äußeres verlieh.
Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichten wir Tughlaqabad, welches eine der sagenhaften sieben Hauptstädte darstellt, die innerhalb des Gebiets des heutigen Delhis gelegen sind. Sie soll als dritte Stadt in der Geschichte Delhis um 1320 von Tughlaq, einem Eroberer türkischen Ursprungs, gegründet worden sein. Tughlaq war zwar Muslim, gehörte aber nicht der bekannten Mogul-Dynastie an, sondern wird der sogenannten Epoche des Sultanats von Delhi zugeordnet, welches zwischen 1200 und 1500 unter verschiedenen Herrschern bestand. Der erste Muslim, der einige Hindukönigkreiche in Nordindien unterwarf und die über 500jähirge Fremdherrschaft einläutete, war Aibak, ein ehemaliger Sklave. Seine Familie wurde von der Tughlaq-Dynastie abgelöst, welche ihrerseits wiederum schon etwa 100 Jahre nach Machtergreifung von mongolischen Angreifern besiegt wurde, die das Königreich unterwarfen. Erst über 200 Jahre später wanderten die aus der Türkei stammenden Moguln ein, unter denen die Blütezeit der muslimischen Herrschaftsperiode eintreten sollte.
Obwohl innerhalb des Tughlaqabad-Forts keine Gebäude erhalten geblieben sind, war unser Spaziergang ganz interessant. Die dicken, aus massigen Steinklopsen errichteten Außenmauern, die zu großen Teilen vollkommen intakt scheinen, umfassen mit einer Gesamtlänge von sechs Kilometern eine gewaltige Fläche, innerhalb welcher die damals dicht besiedelte Hauptstadt des Königreichs lag. Wie sich bei unserem Spaziergang durch die mit Dornenbüschen bewachsene Landschaft herausstellte, wird das ehemalige Fort von den Bewohnern des nahegelegenen Dorfes Tughlaqabad (einer Art ländlich anmutendem Slum) sowohl als Sportplatz als auch als Toilette benutzt.. die Gegend ähnelte einer Mischung aus Cricket- und Tretminenfeld.
[ein riesiges Wasserreservoir ..wozu wohl diese über die Kanten des Beckens herausragenden Steinpfeiler gut waren? ..dienten sie vielleicht als königliches Einmeterbrett, je nach Wasserstand vielleicht auch Dreimeterbrett?]
Nachdem wir uns ein paar Stunden gesonnt hatten, preschten wir auf der Stunner in den Norden, nach Saket, wo wir trotz miserabler Aufmache in einer der Megamalls eine herrliche Steinofenpizza bestellten.. dieser Ausflug stellte sich wenig später als Fehlentscheidung heraus, als wir nämlich feststellen mussten, dass wir uns reichlich verspätet hatten. Um 15.30 Uhr sollte Sanyat nämlich Aakashi am Flughafen abholen, die für ein einmonatiges Praktikum nach Delhi kommen sollte. So schnell wie möglich versuchten wir, gen Süden und zum Flughafen zu gelangen, was durch die übliche Verkehrsdichte sowie ebenfalls recht typischen Orientierungsverlust verkompliziert wurde.. solange wir uns am Qutab Minar orientieren konnten, ging alles noch halbwegs gut, doch unmittelbar hinter dem fünfstöckigen Turm verfuhren wir uns und fanden uns – wie genau, ist uns schleierhaft – kurz darauf in der Altstadt des Viertels Mehrauli wieder. Die engen Gassen des belebten Bazars waren komplett verstopft mit Rikschas, Motorrädern und vor allem Fußgängern, welche drückend und drängelnd versuchten, von der Stelle zu kommen. Kühen und Lastenfahrzeugen ausweichend rollten wir langsam vorwärts, sich vor uns auftuende Lichtungen für ein etwas schnelleres Vorankommen ausnutzend. Sanyat war vor allem erpicht darauf, den ersten Gang zu vermeiden, da dieser ein wenig zu klemmen schien, weswegen das Motorrad mehrmals abwürgte, noch dazu auf einer Straße mit leichtem Gefälle und schwerem Schlaglochbefall.. dass das Motorrad nicht umkippte, wirkt im Nachhinein wie ein Wunder, vor allem weil Sanyat nach einer Weile im Stop-and-Go noch die Idee hatte, seinen Cousin anzurufen, damit dieser Aakashi in Empfang nähme. Mit einer Hand das Telefon haltend manövrierte er das Motorrad in Schrittgeschwindigkeit bergauf zwischen ein paar Kulis hindurch, während ich hinter ihm herumzappelte, um während der Fahrt Fotos zu machen.. den krönenden Abschluss stellte mein Versuch dar, Sanyat nach Beendigung des schreiend ausgeführten Telefonats seinen Helm wieder aufzusetzen: Dabei misslang es mir, das Ding über seinen Schädel zu zwängen, wodurch es auf eine Weise steckenblieb, welche ihm jegliche Sicht nahm und er somit für einige Meter vollkommen blind durch Schlaglöcher und Gruppen von Fußgängern hoppelte. Zu meiner Erleichterung musste er darüber genauso sehr lachen wie ich.. und nach einigen Minuten der nervenaufreibenden Slalomfahrt gelangten wir glücklicherweise auf eine breitere, offene Straße, auf welcher wir im Affenzahn gen Flughafen rasten.
Der Kontrast zum eben erst zurückgelassenen Marktviertel war dabei enorm.. auf weiten mehrspurigen Highways und unter hochbahnartigen Metro-Tracks und Fly-Over-Konstruktionen hindurch kehrten wir zurück in die hypermoderne Büro-, Einkaufs- und Geschäftsgegend Gurgaon und erreichten schließlich sogar noch rechtzeitig den Flughafen.

2 Kommentare:
Am meisten berührt mich der Anblick des Rucksacks, den Sanyat da trägt. Wie oft bin ich diesem doch fahrradfahrenderweise gefolgt oder habe mich suchend nach der schönen blau-braunen Kombination in der Uni umgesehen...
Deine Art zu schreiben ist so lebendig und erfrischend, ich habe mich krümmelig gelacht
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