Sonntag, 30. November 2008
..und jetzt?
Also, was unsere Reiseplaene in Indien betrifft.. wollte ich euch mal updaten.. es ist ziemlich schwer, da eine Entscheidung zu treffen. In den letzten drei Tagen hab ich mich so ungefaehr im 3-Stunden-Rhythmus umentschieden.. einerseits gibt es jetzt bestimmt ein erhoehtes Sicherheitsrisiko.. andererseits existierte eine Gefahr durch Terroranschlaege auch schon vor den Mumbai Blasts und man sollte sich davon wirklich nicht in Panik versetzen lassen. Dann wiederum ist diese neue Art des Terrors, die sich gegen Ziele von internationalem Interesse richtet, unberechenbar und erschreckend.. manchmal hab ich Angst und denk, ich sollte fuer diese Reise keinesfalls mein Leben aufs Spiel setzen. Dann wieder hab ich mich so lang darauf gefreut und die Gelegenheit kommt bestimmt nicht wieder.. - aber man sollte nicht seine ganze Zukunft von einem Urlaub abhaengig machen.. wirklich scheisse. Das beste waer es bestimmt, einfach heimzukommen. Aber eigentlich muss man von Anfang an mit gewissen Gefahren rechnen, wenn man in ein Land wie Indien reist. Wir sind deshalb jetzt nen Kompromiss eingegangen (zumindest sieht es zum momentanen Zeitpunkt so aus) und streichen den Teil unserer Reise, der uns in den Norden bis nach Jaisalmer, das nur 50 Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt liegt, fuehren sollte. Auch wenn das bestimmt nicht leicht fiel, denn auf diese Wuestenstadt hatte ich mich fast am meisten gefreut.. scheiss Terroristen. Ist irgendwie echt ne ganz andere Erfahrung, so richtig am eigenen Leib zu erfahren (zum Glueck nicht in Form von Kugeln oder sonstwas), wie solche hirnlosen Aktionen das eigene Leben willkuerlich lahmlegen (keine Schule, Ausgangssperre, Angst, Nervositaet..) - was natuerlich nichts ist im Vergleich mit den Schicksalen, die andere wegen dieser Fanatiker erleiden mussten.
eine indische Hochzeit
Also, trotz der Terroranschlaege geht das Leben in Mumbai (jetzt wieder) weiter.. zur Zeit befinden wir uns in der Hochzeitssaison, die Sharmas haben fuer die naechsten Wochen vier Einladungen! Ich war gestern Abend auch auf einer traditionellen rajasthanischen Trauung - allerdings muss ich jetzt mal mit den europaeischen Vorstellungen aufraeumen. Es stimmt zwar, dass zu einer Hochzeit gut und gerne mal 500 bis 600 Gaeste eingeladen sind (daher auch diese Haeufung an Einladungen), aber diese nehmen keinesfalls an der kompletten Zeremonie (die sich in manchen Kulturen auf 12 Tage erstrecken kann) teil. Wir z.B. haben gestern nur der Reception beigewohnt, bei welcher die Gaeste dem Brautpaar gratulieren, es werden Fotos gemacht und eventuell Geschenke ueberreicht.. danach begibt man sich zum riesenriesengrossen Buffet und isst nach Herzenslust. Schade nur, dass es in der Festhalle gestern keine Sitzgelegenheiten gab und alle mit ihren Tellern rumstanden und versucht haben, ihr Gemuese zwischen anderen Gaesten durchzubalancieren. Ich war auf der Feier ueberraschenderweise eine ziemliche Attraktion, obwohl ich gut "getarnt" dort aufgekreuzt bin: traditionelles Kleid, Dupatta (obligatorischer Seidenschal) und sogar ein Bindi (der bekannte Stirnpunkt). Verschiedene Leute haben mich angeredet, unter allen moeglichen "Vorwaenden" ("Excuse me.." und "Don't you want to try this sweet?" und ein Kellner hat mir 3mal Nachtisch nachgegeben, gegen meinen Willen! "This is very tasty!"). Nach dem Essen sind wir wieder heimgegangen und haben die Hauptzeremonie, die spaet in der Nacht in Anwesenheit der Verwandten und engsten Freunde stattfindet, gar nicht miterlebt, ich durfte sie aber auf dem Hochzeitsvideo der Sharmas angucken. Dabei wird das Gewand der Braut an einen Guertel des Braeutigams gebunden (daher die Bezeichnung "tie the knot") und zusammen laufen sie 7mal um ein heiliges Feuer, das zuvor vom Priester geweiht wurde. Trotz allem war die Hochzeit interessant und naechste Woche findet sogar noch eine statt, diesmal wird ein Jain-Paar verheiratet, mal sehen wie das da ablaeuft..
Auf dem Foto von rechts nach links: Mr. Sharma's Bruder, Dr. Ganshyam Sharma und Dev, Brautmutter und Braut, Braeutigam, Brautvater, Dr. Sharmas Schwaegerin und ihr Sohn. Die Gesichter des Brautpaars sehen recht angespannt aus, was einerseits am Trend liegt, auf Fotos ernst zu gucken, andererseits wohl daran, dass man nach 500 Fotos nicht mehr ganz so frisch ist...
Freitag, 28. November 2008
Mumbai 26/11
Die Anschlaege begannen am Mittwochabend, 21.50 Uhr Ortszeit. Mit Kalashnikovs bewaffnete Maenner stuermten erst den Bekannten Backpacker- und Travellers-Treffpunkt “Café Leopold” in Colaba, in dem Carsten und ich auch schon Kakao getrunken haben.. danach griff eine andere Gruppe das bekannteste Nobelhotel der Stadt, das Taj Mahal Hotel, an, in dem ich auch schon war. Zwei Granaten wurden gezuendet, eine Bombe sprengte einen Teil der Kuppel auf dem Dach des Hotels, welches daraufhin Feuer fing und bis Donnerstagabend noch nicht geloescht war. Ausserdem drangen bewaffnete Maenner in das Hotel ein, in dem u.a. auch eine Gruppe von EU-Abgeordneten untergebracht war, und nahm Geiseln, von denen sich immer noch 50 in der Gewalt der Unbekannten befinden. Bei Feuergefechten wurden mindestens 10 Personen getoetet, darunter der beruehmte Chefkoch des Taj, Vijay Kumar Bhanja. Auch in anderen Teilen Mumbais wurden zeitgleich Bomben gezuendet, am Hauptbahnhof (von welchem aus wir naechste Woche unsere Reise nach Rajasthan antreten wollen) wurden Granaten geworfen und mindestens 5 Railway Officers getoetet. Das juedische Zentrum Nariman House ist auch zum jetzigen Zeitpunkt besetzt, eine ungewisse Zahl an Geiseln wird festgehalten (darunter mehrere Israelis und ein Rabbi Gavriel Holtzberg). Zwei weitere international bekannte Hotels, das Oberoi und das Trident, beide in der Innenstadt gelegen, wurden ebenfalls angegriffen. Insgesamt wurden laut den Hindustan Times bisher 127 Menschen getoetet, darunter 7 Auslaender und der bekannte Chef der Anti-Terror-Einheit. 327 Personen wurden verletzt.
Fuer diese Reihe von Anschlaegen wird eine pakistanische, Al-Qaeda-inspirierte Gruppe von Mujahideens verantwortlich gemacht, die sich Lashkar-e-Tayyeba nennt. Die fidayeen (Selbstmordattentaeter) waren Augenzeugenberichten zufolge alle zwischen 20 und 25 Jahre alt und assen waehrend der Gefechte ausschliesslich Nuesse und Schokolade – ein meiner Meinung nach sehr bizarres Detail der Berichterstattung.
Ich selbst konnte es am Donnerstagmorgen gar nicht glauben, als ich davon erfuhr. Zwar hatte ich die ganze Zeit damit gerechnet, dass nach anderen Grossstaedten, in denen in den letzten Wochen Anschlaege stattgefunden haben (in Delhi sogar zwei), auch Mumbai an der Reihe sein wuerde. Aber diese Attacken unterscheiden sich von allen vorangegangen. Waren normalerweise dicht bevoelkerte Bazaare oder Bahnhoefe die Ziele der Attentaeter, so befanden sich diese in Mumbai “auf Auslaenderjagd” und waehlten fuer ihre Bomben Orte von internationalem Interesse aus – um dadurch mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Dies ist ihnen auch eindeutig gelungen, da sie es sogar in Europa auf die Titelseiten der Zeitungen geschafft haben.
In Mumbai war gestern das oeffentliche Leben so gut wie lahmgelegt, saemtliche Schulen und Colleges blieben geschlossen, die meisten Arbeiter blieben ebenfalls daheim. Das Ganze hat mich ziemlich bedrueckt, vor allem als auch noch alle moeglichen besorgten Verwandten aus Deutschland angerufen haben.. irgendwie musste ich dann weinen.. und Priti Sharma, bei der ich fuer die letzten zwei Wochen meines Mumbaiaufenthaltes eingezogen bin, hat mich – wie sich das fuer eine gute Ersatzmama gehoert – in den Arm genommen.
Auch heute bleiben die Schulen geschlossen. Daher wollte ich die Gelegenheit nutzen, um zu Ushas Haus zurueckzukehren und ein paar vergessene Sachen zu holen.. als ich dort eintraf, war das ganze Haus leer, im Wohnzimmer lagen ueberall Matratzen.. dann kam Sharad die Treppe runter und ich meinte, was denn hier los waer.. Sharad hat’s mir dann erzaehlt.. in Ville Parle, einem sehr weit noerdlich gelegenen Stadtteil, der nur 5 Kilometer von Charkop entfernt ist, ist gestern eine Taxibombe hochgegangen. Der Taxifahrer hat durch seine intelligente Fahrweise (er hat eine rote Ampel ueberfahren) Schlimmeres verhindert, die Bombe detonierte und toetete laut Sharad nur den Attentaeter, den Fahrer und einen anderen Fahrgast – Ushas Bruder. Heute findet die Beerdigung seines Kopfes statt. Als ich das erfahren hab, hat’s mir irgendwie den Rest gegeben..
[Auf dem Foto seht ihr Charkop im Morgengrauen, aufgenommen heute um 6.30 Uhr, als ich mit Priti aufs Dach unseres 8stoeckigen Gebaeudes geklettert bin, um dort den Surya Namaskar (Sonnengruss) zu vollfuehren.]
Rajasthanisches Festtagsgewand
Sonntag, 16. November 2008
Pest Control
Salonis 18. Geburtstag
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