Samstag, 16. April 2011

Kannan Devan Hills

Am nächsten Tag brachen wir nach einem wundervollen Frühstück, im Rahmen dessen wir uns durch das komplette Angebot einer kleinen Teestube probierten (frittierte Daal-Bällchen, Appam, Pakodas) zu einer Erkundung der Umgebung auf. Auf unbefahrenen Straßen wanderten wir durch eine fast vergessene Ruhe, dichte Vegetation soweit das Auge reichte und die frische Luft war wie Balsam für unsere an indische Feinstaub- und Smog-Pegel gewöhnte Bronchien.

Die erste Plantage Munnars wurde um 1880 von einem Briten gegründet, der das Land vom damaligen Feudalherrscher mietete. Nach Versuchen, Kaffee, Sisal und Kardamom anzubauen, stellte er nach einigen Jahren fest, dass sich die Hänge der Umgebung bestens für den Teeanbau eigneten. Die zahlreichen Elefantentracks, welche von den wild in den Bergwäldern der Nilgiris lebenden Dickhäutern zeugen, wurden befestigt und damit der Weg für den industriellen Anbau der Teepflanze geebnet. Im Jahre 1897 wurde die Kannan Devan Hills Produce Company gegründet, die heute zur Group of Tata Global Beverages gehört. Obwohl sich Tata mit allerlei Anschuldigungen bzgl. illegalen Land Encroachments (illegitime Vereinnahmung von Land, welches in Besitz der Regierung ist – und der Staat lässt es geschehen, da eine solche aggressive Expansion für die Industrialisierungspolitik ja äußerst förderlich ist) konfrontiert sieht, wird die Firma besonders in Munnar für ihre arbeiterfreundliche Unternehmensstruktur gelobt. Alle Arbeiter, vom Verwaltungsangestellten bis zum Teepflücker, sind Anteilseigner an der Kannan Devan Produce Company, haben Mitspracherechte im Unternehmensrat und genießen die Vorzüge von Einrichtungen wie Krankenhäusern, Schulen und Sportplätzen, welche exklusiv für die Angestellten zu Verfügung stehen.

Auf mehr als 8500 Hektar Land wird in Munnar grüner und schwarzer Tee angebaut, die jährliche Ernte beträgt 55.000 Tonnen der leuchtendgrünen Blätter. Munnar ist damit einer der Hauptanbauorte für Tee in Indien. Inder konsumieren übrigens jährlich durchschnittlich 750 Gramm Teepulver pro Kopf und liegen damit weit hinter dem Teetrinkweltmeister, der Türkei (durchschnittlicher Verbrauch von 2,7 Kilo im Jahr!!) zurück – ich hätte übrigens nicht erwartet, dass selbst wir Deutschen fast an die Inder heranreichen (700 Gramm per annum und capita), wird hier doch wenigstens einmal täglich ein Glas Chai genossen. Allerdings sind diese Gläschen relativ klein und Hauptzutaten sind auch eher Milch und Zucker als irgendetwas anderes, vielleicht ist das der Grund für das überraschend miserable Abschneiden der Nation.

Die Blätter der Teepflanze können vier Jahre nach ihrem Anbau geerntet werden. Sie werden hauptsächlich von Hand geschnitten, mit einer größenmäßig an die Geschichte vom Daumenlutscher erinnernden Schere mit integriertem Auffangbehälter, eine Art Handrasenmäher also. Dabei werden an jeder Pflanze alle fünf bis zehn Tage lediglich die hellgrünen, jungen Triebe an der Oberfläche des Busches geschnitten. Ein erfahrener tea leaf picker erntet so bis zu 30 Kilo der Blätter am Tag – was etwa 7 Kilo Teepulver ergibt.

Auf unserem Spaziergang durchquerten wir endlose Haine von Teebüschen, abgelegene verschlafene Dörfer und eine Tea Nursery, in welcher Tausende von Büschen aufgezogen werden. Als wir einen kleinen Bach passierten, tranken wir unbekümmert das klare, kühle Wasser.. es schmeckte so viel besser als die nicht trinkbare Brühe, die in Delhi aus dem Wasserhahn kommt!

Zum Mittagessen picknickten wir am Wegesrand und verspeisten exotische Früchte, die wir auf dem Obstmarkt erstanden hatten – eine Art süßer Tomaten, Passionsfrucht (erschreckend wabbelig, wie vegetarischer Kaviar), Guaven und Orangen ..und einige Idlis, die wir seit dem Hausbootaufenthalt mit uns herumschleppten. Nach mehrstündiger Wanderung kehrten wir nach Munnar zurück, wo wir versuchten, ein Motorrad für den nächsten Tag zu organisieren, was aufgrund unserer ungewöhnlichen Ansprüche (wir wollten früh aufbrechen und daher schon ab 6 Uhr morgens über das Gefährt verfügen können) einige Zeit in Anspruch nahm. Zum Abschluss und zur Feier des Tages schauten wir uns schließlich noch das Cricket World Cup Match India vs. England im Fernsehen an und verspeisten während der nicht enden wollenden Overs und Innings mal wieder eine kleine Ananas – dabei stellten wir fest, dass eine Scheibe dieser goldgelbsaftigen Frucht mit sofortiger Wirkung das Spinnrad Gandhis auf der Nationalflagge ersetzen sollte – the new Indian Chakra!

2 Kommentare:

Doro hat gesagt…

flllssssch - schlürf. Das war lecker! Die Berichte zu diesem Reiseabschnitt waren für mich besonders interessant, vielleicht, wegen der uns bekannten Inderin. Außerdem betrachte ich Deine Konterfeis und die Naturaufnahmen seit neuestem auf meinem (neuen) Laptop *freu*, und sehe Dich dabei viel besser. Gruss

die Mama hat gesagt…

Die beschnittenen Teesträucher sehen sehr malerisch aus, und das Foto mit den Wassertropfen und deinen zugekniffenen Augen ist nett! Der südindische Tee ist aber glaub ich qualitativ nicht so gut wie derjenige aus Darjeeling. Oder?