Sonntag, 3. April 2011

von Alappuzha nach Munnar

Am nächsten Morgen erwachten wir gegen 6 Uhr früh vom ohrenbetäubenden Geschnatter und Gezeter unzähliger Vögel, die in den Palmwipfeln oberhalb unserer Kajüte den neuen Tag begrüßten. Dekadent in unseren Liegestühlen liegend beobachteten wir vom Vorderdeck, wie die Umgebung langsam erwachte.Im blassgraublauen Licht und der angenehmen Kühle des anbrechenden Tages glitt ein schmaler Fährkahn lautlos über das Wasse, um die ersten Frühaufsteher von einer Seite des Backwasser-Kanals zur anderen zu transportieren. Nach einer Weile sprangen wir unternehmungslustig von Bord und begaben uns zur Anlegestelle des Wasserbusses, um nun selbst zum andern Ufer überzusetzen. Der alte Mann, der mit dem typischen südindischen Lungi (an ein kariertes Handtuch erinnernder, knielanger Wickelrock) bekleidet war, stocherte das Gefährt mit einem langen Holzstab behände über das Wasser. Als wir dem Fährkapitän als Fahrtpreis zehn Rupien entgegenstreckten, nahm er das Geld mit einem Stirnrunzeln an und warf einigen am Ufer stehenden alten Männern leicht belustigte Blicke über so viel Unverständnis zu.. Wir bemerkten, dass wir die einzigen waren, die überhaupt ans Zahlen dachten. Vielleicht ist der Fährdienst eine Gemeindeeinrichtung und der Mann wird aus dem Budget des Gram Panchayat (sowas wie ein Gemeinderat, die kleinste indische Verwaltungseinheit, quasi) bezahlt..? Wie dem auch sei..

Nach einem ausgesprochen idyllischen Spaziergang durch einen Palmenhain kehrten wir nach einer halben Stunde zu unserem Schiff zurück, wo in der Zwischenzeit das Frühstück bereitet worden war: Idlis, und nicht zu wenige! Trotz unserer Versuche, den Steuermann zu überzeugen, dass wir noch nicht zum Festland zurückkehren wollten, legte das Hausboot unverzüglich ab und tuckerte durch eine wahre Schwemme von anderen Hausboote jeder Größe und jeglichen Kalibers zurück zu dem Punkt, an dem unsere Reise am Tag zuvor begonnen hatte. Es war allerdings erst acht Uhr morgens und die von uns gezahlten 22 Stunden damit noch keineswegs abgelaufen – wieder fühlten wir uns vom skrupellosen Kartell der Tourist Offices und Hausbootvermieter ziemlich verarscht! Um noch das letzte aus unserem Aufenthalt rauszuholen, machten wir uns ohne Rücksicht auf Verluste über die Idlis her! Sanyat stopfte sich, mit beiden Händen agierend, 16 der 30 Reiskuchen in den Rachen, ich verspeiste weitere 5.. die verbleibenden 9 ließen wir uns selbstverständlich einpacken!! Erst bei Ankunft am Landungssteg verließen wir im Schneckentempo das Deck und begannen, zu duschen und unsere Rucksäcke zu packen.. so schnell würde man uns nicht loswerden! Naja, am Ende half alles nichts und wir hatten wieder festen Boden unter unseren Füßen. Alles in allem war die Hausboottour jedenfalls ziemlich idyllisch!

Nun stellte sich uns die Frage, wo wir uns als nächstes hinbegeben sollten. In Alappuzha selbst zu bleiben, schien wenig verlockend, doch Alternativen fielen uns spontan auch nicht ein. Wir buchten also zunächst ein Zimmer bei den betrügerischen KTDC Menschen.. doch damit wirtschafteten wir ja quasi dem Feind in die Tasche und außerdem entschieden wir 15 Minuten später, man könne auf gut Glück in Richtung Munnar, einer nahegelegenen hill station, aufbrechen. So machten wir kurz darauf die Zimmerreservierung mittels einigen aggressiven Gebarens rückgängig und nahmen uns ein herrlich wackeliges Ambassador-Taxi (nur echt mit fellbestücktem Armaturenbrett), mit welchem wir gen Norden davondüsten.

Munnar liegt in den Western Ghats, dem sich den indischen Subkontinent entlang erstreckenden Bergkette, welche im Süden des Landes auch Nilgiris (blaue Berge) genannt wird, da sie aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit oftmals von Wolken verhangen und daher sehr diesig und fast von dunkelblauer Farbe erscheint. Je höher unser Ambassador die Serpentinen der Bergstraße emporächzte, desto dichter und grüner wurde die uns umgebende Vegetation und desto dusterer wurde der Himmel über uns und ehe wir uns versahen, fanden wir uns in einem prasselnden Tropenregen wieder. Als sich das Wetter bereits nach 20 Minuten wieder etwas lichtete, hatten wir mit einem Mal freie Sicht auf links und rechts der Straße angelegte Teeplantagen, die die steilen Hänge aller umliegenden Berge bedeckten. Zwar hatten wir gewusst, dass Munnar für seinen Teeanbau bekannt ist, doch waren wir von der Schönheit dieses Anblicks wirklich begeistert!

Gegen 18 Uhr erreichten wir Munnar und mieteten uns in ein superbilliges Guest House ein, welches bei einem Spottpreis von 9 Euro pro Nacht über Warmwasser, Farbfernsehen und Fenster verfügte – einzig die vor Dreck starrende Fließdecke stellte ein kleineres Manko dar. Bei Ankunft schmissen wir voll Elan unsere Rucksäcke ins Zimmer und begaben uns prompt nach draußen, um die neue Umgebung zu erkunden. Die Vegetation war unwahrscheinlich üppig und lebendig, eine Unzahl von knallbunten Blüten aller Größe und Form rankte um Bananenstauden, über Mauern und Büsche.. ich glaube, es war meine erste Konfrontation mit wahrlich tropischer Fauna – und das an einem solch unwirklichen Ort in einer Höhe von 2400 Metern über NN. Inmitten der uns einschließenden dunkelblauen Berggipfeln, die teils von dichten Wolkenfetzen verdeckt waren, machte das im schwächer werdenden Tageslicht nur zu erahnende Munnar einen fast unheimlichen Eindruck.

1 Kommentar:

Doro hat gesagt…

Hallo Vicky, danke für den schönen Bericht. Unsere indische Bekannte, die seit Jahrzehnten mit der Kirchengemeinde in Rosswag im Kontakt steht und hier neben anderen Orten immer fund-raising für ihren eigenen Lebensunterhalt und den ihrer sozialen Projekt betreibt, lebt genau dort in einer Stadt bei den Nilgiris-Bergen. Offenbar leben in dieser abgelegenen Gegend auch noch ²Naturvölker².