Sonntag, 16. Januar 2011

sun city Jodhpur.. to surya kaha hai?

Am 26. Dezember bestiegen wir gegen 16 Uhr einen rumpeligen Government Bus, mit welchem wir ins 300 Kilometer entfernte Jodhpur knatterten. Dort empfing uns Sanyat am Bombay Motors Circle wie damals im September Henni und ich auf unserer All-India-Pilgrimage von seine Cousine Gitika empfangen worden waren. Durch den unsere Ankunft bestimmenden, in Kombination mit einer vorherrschenden Eiseskälte doch recht garstigen Prasselregen büßte Jodhpur ein bisschen an Glaubwürdigkeit ein.. von wegen unmittelbar an der Grenze zur doch so trockenen Wüste Thar gelegen und „the sun city“ und so (vor allem weil es auch im September kurz vor Hennis und meiner Ankunft geregnet hatte..). Doch wir hatten ja gar keinen Grund, uns zu beschweren.. unser Privatfahrer lud uns, unser Gepäck und zwei gestrandete französische Backpacker kurzerhand in einen von Indiens gefühlten 500 Millionen Maruti Suzuki Wagon Rs (Fiat-Panda-mäßige Kiste) und nachdem die letzteren beiden Autoinsassen an einem nahegelegenen Hotel ausgesetzt worden waren, wurden wir Reisenden zur Einverleibung eines hervorragenden Abendessens ins Lodha’sche Anwesen komplimentiert. Ich saß während des Mahls wie auf brennenden Kohlen, weil ich die Heimkehr von Sanyats Eltern (sie befanden sich auf irgendeinem formellen Dinner) fürchtete.. weil Mama, Leonard und Sanyat unendlich langsam auf ihrem Bhindi Sabzi herumkauten, geschah es auch tatsächlich und wir stießen, gerade im Aufbruch befindlich, mit den nach Hause kommenden Eltern zusammen. Naja, die kurze Small-Talk-Situation war dann irgendwie doch nicht der Weltuntergang.. :) zusammen mit dem Koch fuhr Sanyat uns gegen 23 Uhr zu unserem Hotel. Dieses stellte sich als unfassbar luxuriös ausgestattetes ehemaliges Fort etwa 20 Kilometer außerhalb von Jodhpur heraus. Durch ein riesiges hölzernes Portal und über einen mit feinem Kies gestreuten Vorplatz, durch verschiedene in blütenreichen Gartenanlagen bestehende Innenhöfe wurden wir von einem turbantragenden Portier zu unserem Zimmer geleitet.. Wenig später schlummerten wir friedlich in unseren weichen Himmelbetten.

[erst im Licht des folgenden Tages nahmen wir die ganze Pracht des ehemaligen Forts wahr]

Am nächsten Morgen besichtigen wir das Meherangarh Fort in Jodhpur, wobei die die Festungsanlage umgebende Altstadt mit ihren verwinkelten Gässchen und den blau gestrichenen Gebäuden wie immer Bewunderung hervorrief. Auch die Besichtigung des Forts selbst war interessant, Elefantensattel, Schwerter und aus Glas und Gold gearbeitete Sänften kann man sich immer wieder anschauen.

Am Nachmittag spazierten wir durch die Altstadt, die nach wie vor eine der interessantesten und schönsten ist, die ich in Indien bisher gesehen habe. Auch Mama und Leonard gefielen die engen Straßen, in denen man kaum mit der schieren Überflutung an Reizen und Eindrücken aller Art umzugehen weiß.. an jeder Ecke gibt es etwas anderes zu sehen. In kleinen Werkstätten, kaum aus einem einzelnen, halbhohen Raum bestehend, gehen Männer den verschiedensten Handwerken nach.. aus Süßigkeitenläden strömen verlockende, süßsäuerliche Milchdämpfe durch die Gassen.. ab und zu muss man zur Seite springen, wenn eine aufdringlich hupende Riksha oder ein rücksichtslos heizendes Motorrad an einem vorbeidrängt.. dabei muss Rücksicht genommen werden auf Straßenhunde und Passanten, die große verschnürte Pakete auf ihren Köpfen balancieren.. und auf die an beiden Straßenseiten verlaufenden offenen Kanäle sollte man aufpassen, in denen sich Müll und Betelnussspucke angesammelt hat und aus denen hin und wieder eine Ratte neugierig hervorlugt.. der Ausflug führt vorbei an halb verfallenen, orientalisch verzierten Altbauten, in deren Erdgeschoss sich ein Handyladen angesiedelt hat.. an Gemüsehändlern, die auf ihren Handkarren Blumenkohl und Kürbisse anbieten.. an kleinen Tempeln, die sich unter die dicken Luftwurzeln eines 20 Meter hohen, jahrhundertealten Banyan-Baum ducken, welcher seine schweren Äste über die umliegenden Gassen reckt..

[ein Ghee-verschmierter, glubschäugiger Weggefährte Ganeshas.. gesehen an einem roadside Tempel von der Größe eines Kühlschranks in einer der Altstadtgassen]

Ich hätte die Entdeckungstour noch stundenlang fortsetzen können, doch da es langsam dämmerte und unsere Magen grummelten, wechselten wir um 18 Uhr kurzerhand die Welten und fanden uns bald in einem noblen Restaurant wieder, wo wir von einem angenehm beheizten Saal aus in den von Lichtern beleuchteten, regennassen Garten schauen konnten. Begleitet von melodiösen Sitar- und Tabla-Klängen speisten wir eine von den Moguln eingeführte und damit muslimische Spezialität: Kabab. Diese indische Variante des Barbecue besteht ursprünglich aus rot mariniertem Fleisch oder, in der vegetarischen Form, aus gewürzten Gemüse- und Käsestückchen, die auf Spießen im Tandoor, dem traditionellen Lehmofen, gebacken werden. Dazu isst man grünes Minzchutney, rohe Zwiebeln und Brot.. sooo gut. Nach diesem sehr zufriedenstellenden Abendessen wurden wir netterweise auch noch in unser entlegenes Edelfort zurückgefahren. Damit endete ein wahrhaft royaler Tag :)

Samstag, 15. Januar 2011

Salim Singh ki Haveli


Am nächsten Tag besuchten wir die in der Altstadt Jaisalmers gelegene Singh ki Haveli. Haveli heißt möglicherweise in etwa sowas wie „luftiges Haus“ (von hava: Luft, Wind) und zwar aufgrund der Höhe des Gebäudes und der durch die aufwändigen Verzierungen quasi perforierten Wände. Im Internet steht aber auch, dass das Wort persischen Ursprungs ist und "umschlossener Ort" bedeutet..

Die Haveli wurde um 1815 von Salim Singh, dem damaligen Premierminister des Staates Jaisalmer erbaut. Der ehrgeizige Politiker wollte durch den ausgeklügelten Bau und sehr feinen Steinschnitzereien seine Macht architektonisch darstellen. Um seinen Einflussreichtum und seine Nähe zum im Fort lebenden Maharaja sichtbar zu manifestieren, plante er, eine Brücke vom obersten Stockwerk seines Hauses zu den auf gleicher Höhe doch einige hundert Meter entfernt befindlichen Fortmauern konstruieren zu lassen. Diese Pläne gefielen dem Maharaja natürlich wenig, weswegen er die oberen zwei Stockwerke des Gebäudes einreißen ließ. Dadurch blieb die Festungsanlage die höchste Erhebung in der Umgebung.

Die Besichtigung der Haveli war sehr interessant, weil der Führer allerhand über die Lebensweise ihrer früheren Bewohner zu erzählen hatte. So wurde zum Beispiel Wasser, welches in Jaisalmer natürlich knapp bemessen war, fünf Mal (oder noch öfter?) benutzt – zunächst für das Waschen des Körpers, der Wäsche, des Geschirrs, des Bodens, für die Toilette und schließlich zum Gießen und Düngen der Pflanzen (soweit ich mich erinnere). Überraschend war auch die Innenausstattung des obersten Zimmers, dessen Wände komplett mit aus Belgien importierten Spiegeln und Christbaumkugeln ausgeschmückt ist.

Beeindruckend ist, dass das Haus nach dem Baukastenprinzip erbaut ist. Die einzelnen Steinplatten und Säulen, Geländer und Arkaden sind alle ineinandergesteckt wie Puzzleteile und mit Eisenbolzen gesichert. Das Gebäude kann daher – das wurde uns auch vorgeführt – komplett auseinandergenommen und an anderer Stelle wiedererrichtet werden. Der Vorteil dieser Technik ist, dass sie die Errichtung der Haveli ermöglichte, ohne dass dafür ein einziger Tropfen Wasser (etwa für Mörtel) benötigt wurde.

Montag, 10. Januar 2011

Jaisalmer - auf in die Wüste

Am Abend des 25. Dezember brachen Mama, Leonard und ich zu einem ausgedehnten Rajasthan-cum-Agra-cum-Haridwar-Nordindientrip auf. Zunächst fuhren wir mit unseren aufgrund großer Packdichte schwer auf uns lastenden Rucksäcken in einer zur schönsten rush hour-Zeit ebenso dicht bepackten Metro zum Busbahnhof Bikaner House, welchen wir einigermaßen komprimiert und zerfleddert erreichten (da ich mit meinem Gepäck zwischen einigen streitenden Sardarjis steckenblieb, gelang mir das Aussteigen nur aufgrund des geistesgegenwärtigen Zugreifens eines Passanten, der mich an den Armen aus dem Getümmel auf den Bahnsteig zog). Im uns von unserer Pushkar-Reise wohlvertrauten VOLVO verließen wir Delhi gen Westen.. die Reise war leider nicht ganz so luxuriös, da wir uns aufgrund der cineastischen Vorlieben einiger Mitreisender dem auf voller Lautstärke spielenden Abschaum der indischen Filmlandschaft ausgesetzt sahen (Golmaal 3.. der Film ist dermaßen schlecht, dass ich das Kino nach 20 Minuten verließ, als ich den Versuch unternahm, ihn mir anzuschauen.. glücklicherweise in einem von Riksha-Wallas frequentiertes Uraltkino mit wackeligen Holzsitzen und Ticketpreisen um die 30-50 Cent, da kann man so ein riskantes Unterfangen schon mal wagen). Sanyat reiste im selben Bus wie wir, stieg aber am nächsten Morgen gegen 6 Uhr in Jodhpur aus (Mission Heimaturlaub), wohingegen wir noch gute fünf Stunden weiterfuhren.. nach Jaisalmer.

Dort mieteten wir uns im mir schon seit Jahren bekannten Hotel Shahi Palace ein (wollte dort eigentlich schon 2008 wohnen, musste dann aber meine Reise nach Jaisalmer wegen der geographischen Nähe zu Pakistan und der daraus resultierenden vermeintlichen Terrorgefahr absagen). Am Nachmittag begaben wir uns auf eine Jeepsafari, wobei uns Dauer, Umfang und Destination selbiger aufgrund Sprachblockade unbekannt waren und jeder Zwischenstopp eine Überraschung darstellte.

[Leonard und Mama in der uns unverständlichen Grabmalanlage]

Zunächst besichtigten wir ominöse Grabstätten (Cenotaph?) und einen einigermaßen langweiligen Jain Temple.. dann bretterte der Fahrer stundenlang mit atemberaubenden Karracho durch die Wüste, um uns endlich an einem Wüstencamp abzusetzen. Dort bestiegen wir fröhlich (und wieder vollkommen ahnungslos) ein paar Kamele, welche ungerührt mit uns in Richtung einer massiven Sanddüne davontrotteten. Dort wurden wir von den camel drivers ab-, vielmehr ausgesetzt: In zwei Stunden würden die Führer mit ihren Kamelen zurückkommen und uns aufsammeln. Mit diesem knappen Hinweis wandten sie uns den Rücken und galoppierten von Dannen.

[Leonard hing wie ein nasser Sack auf seinem Kamel, das irgendwie eingegangen und wie eine Nummer zu klein aussieht..]

Wir spazierten also durch die schön anzuschauende Landschaft und bewunderten die Formen des Sandes, Pillendreherkäfer, Erdwurmlöcher und Wüstenbüsche. Nachdem wir den Sonnenuntergang (irgendwie unspektakulär) abgewartet hatten, transportierten uns die Kamele zum Camp zurück, wo wir stunden in der Kälte ausharrten, um ein kulturelles Abendprogramm dargeboten zu bekommen.. dem Kältetod nahe sahen wir uns an, wie ein Mädchen traditionelle rajasthanische Tänze vorführte, wobei sie ziemlich lustlos wirkte (kein Wunder, wenn man jeden Abend ohne Grund einfach so vor einer Gruppe halbherzig Interessierter herumspringen muss). Die Tatsache, dass sie barfuß auf dem kalten Betonboden herumwirbelte, verstärkte meine Gänsehaut noch erheblich.. Nach dem Abendessen (der eigentliche Grund für unser Warten), welches eine lustige grasartige, sehr sauer schmeckende Wüstenbohnenart beinhaltete, rasten wir mit dem Jeep ins Hotel zurück.. dabei schlief ich dauernd für Zeitspannen von einigen Sekunden ein, obwohl wir aufgrund der wieder recht ansehnlichen Geschwindigkeit ab und zu von unseren Sitzen abhoben.. als wir ausstiegen und uns ins Hotel begaben, fragte Leonard: „Hast du dem jetzt Trinkgeld gegeben?“ „Nee.. die Safari war ja teuer genug und der wird hier bestimmt gut bezahlt.. wieso denn überhaupt?“ „Hm, ich glaub.. dass er die ganze Zeit erzählt hat, wie hart er arbeiten muss und dass viele Gäste im deswegen was extra geben, war ein Wink mit dem Zaunpfahl..“ „Was? Hat der sowas gesagt..?“ „Äh.. ja. Und du hast auch drauf geantwortet..?“ Muss ich irgendwie verpennt haben :)

Delhi kompakt

Während der Zeit bis zum ersten Weihnachtsfeiertag versuchte ich, meinen beiden Besuchern Delhi ein bisschen näher zu bringen. Frohgesinnt klapperten wir mein Standardset an Must-See-Lokalitäten in Nord und Süd ab, von Majnu Ka Tila über Bangla Sahib bis zu Safdarjang.. außerdem wurden so viele verschiedenartige kulinarische Neuigkeiten in den Tagesablauf miteingeplant wie irgend möglich.

Weihnachten at Outram Lines

Einen Tag vor Heiligabend traf ein lange sehnsüchtig erwarteter Besuch hier in Delhi ein.. trotz von immensen Schneemassen stark behindertem Flugverkehr schafften es Mama und Leonard, überraschenderweise sogar pünktlich am Indira Gandhi International Airport anzugelangen.

Schon auf der Fahrt vom Flughafen in die heimatlichen Outram Lines fielen den beiden erste frappierende Unterschiede zu den im Vergleich doch etwas ordentlicheren deutschen Gefilden auf.. vor allem die dank des ständigen Hupens sehr unangenehme Geräuschkulisse schien die beiden Indien-Greenhorns (ganz wie meine anderen Besucher) zu verunsichern und überreizt wie scheue Waldbewohner klammerten sie sich an den Haltegriffen des Taxis fest. Zitat Leonard: „.. mhm.. und die Autokennzeichen malt man sich selbst oder?“ :)

Der Weihnachtsabend wurde dank feierlich geschmücktem Christbaum, welche ich keine Mühen scheuend im fernen South Delhi auf einem kleinen Bazaar für sündhaft teures Geld erstanden und dann in der Rush-Hour-verstopften Metro nach Haus transportiert hatte, ganz stilecht begangen. Auch ein wahres Festmahl wurde der werten Familie bereitet: Zur Vorspeise servierten Sanyat und ich Bhel Pur (Puffreis-Zwiebel-Granatapfel-Chutney-Salat), der Hauptgang setzte sich aus Kichadi, Ajaar und Papad zusammen, wozu Rettich und Gurken mit Chunky Chaat Masala gereicht wurden. Schließlich tischten wir zum Nachtisch Sewaiya auf: haardünne Hartweizennudeln, mit Rosinen und Mandeln in Milch gekocht – eine muslimische Süßspeise, die vor allem zu Eid, dem Fastenbrechen am Ende des Ramadan, gegessen wird.

[Bhel Puri.. so leckooo!]

Die Bescherung unterm Tannenbaum fiel sehr schokoladen- und wollsockenlastig aus, umfasste jedoch auch nie gesehene Highlights wie einen traditionell-rajasthanischen Violinenverschnitt namens Sarangi, von Ratten beknabberte Second-Hand-Lektüre und einen goldenen Kompass. Nachdem alle Geschenke ausgepackt waren, spielten wir unter billigen, sich stark aufheizenden China-Made-Lichterketten noch so lange Maumau, bis uns die vor Kälte starren Finger das Kartenmischen nicht mehr erlaubten. Ein schöner Weihnachtsabend :)