Dienstag, 7. Dezember 2010

Golden Temple Amritsar

Nachdem wir den Nachmittag aufgrund gar widrigster Witterungsverhältnisse (kaltes Regenwetter!) mit Kartenspielen und warmem Essen zugebracht hatten, setzten Jonas und ich unsere Reise um 19 Uhr mit dem Zug gen Norden fort. Unser nächstes Ziel war Amritsar im Punjab. Sanyat hingegen bestieg einen Passenger Train in die entgegengesetzte Richtung, der ihn direkt nach Jodhpur bringen sollte.. dort waren seine Eltern gegen 11 Uhr nachts recht überrascht, ihren Sohn zum ersten Mal seit Monaten und unangekündigt vor ihrer Türe stehen zu sehen.. noch dazu ohne jegliches Gepäck. Nirjhar seinerseits traf seinen Vater in Jaipur selbst, wo dier ehemalige Offizier und derzeitige Verwaltungsangestellte der indischen Armee aktuell gepostet ist. So kam es, dass sich unsere kleine Reisegesellschaft genauso schnell wieder zerstreute wie sie sich gebildet hatte.
Auf der 10stündigen Fahrt machten wir Bekanntschaft mit ein paar sehr neugierigen Kindern.. sie wollten wissen, wer unser Lieblingsschauspieler ist und versuchten, uns einen Bollywood Song beizubringen. Jonas und ich revanchierten uns mit dem von uns schon oftmals gemeinsam rezitierten Partyklassiker „da hat das rote Pferd sich einfach umgekehrt..“, wobei unsere Anstrengungen, den Kleinen wenigstens die ersten zwei Zeilen einzubläuen, von wenig Erfolg gekrönt waren. Wer einen besonders großen Narren an Jonas gefressen hatte, war der kleine Adhiraj, der, nachdem er in Jonas‘ Haaren herumgewuschelt hatte, einfach mal feststellte: „Your hair is like a sparrow’s nest..“ :) haha!
Gegen 9 Uhr morgens erreichten wir Amritsar. Die Stadt ist berühmt für den Goldenen Tempel, das wichtigste Heiligtum der Sikhs. Es war das erste Mal, dass ich den Punjab bereist habe.. der Name bedeutet Fünfstromland und die Region gilt als Kornkammer Indiens. Nicht nur aufgrund seiner außergewöhnlich fruchtbaren Böden und der folglich sehr ertragreichen Landwirtschaft ist der Punjab der reichste Bundesstaat Indiens, sondern auch wegen seiner sehr ehrgeizigen und aufstrebenden Einwohner, die zu 60 % Sikhs sind – zum Vergleich: Sikhs machen nur 1,9 % der indischen Gesamtbevölkerung aus. Schon am Bahnsteig fiel uns also die erhöhte Turbandichte auf.. als wir uns per Riksha in die Altstadt begaben, um im erstbesten Guest House in Tempelsichtweite abzusteigen, bemerkten wir außerdem, dass die Straßen einen weitaus gepflegteren, saubereren Eindruck machen als man es sonst gewohnt ist. In unserer Bleibe angekommen, legte sich Jonas erstmal nieder und holte noch einige Ründchen Schlaf nach. Ich begab mich auf eine kleinere Erkundungstour, wobei ich alle paar Meter einige von einem Straßenhändler erstandene Sesam-Jaggery-Bällchen aus einer Zeitungspapiertüte in meinen Mund warf.. kam mir vor wie aus einer Salman-Rushdie Short Story.. „she was contendedly munching her chilli pakoras but she didn’t offer him any..“ :) Als Jonas dann gegen 14 Uhr ausgehbereit war, liefen wir zum Goldenen Tempel hinüber..

Wie jede andere Gurudvara, die ich bisher besucht habe, strahlt auch der Goldene Tempel eine große Ruhe aus. Erbaut wurde das Heiligtum Ende des 16. Jahrhunderts Im Auftrag von Guru Arjun Das, einem der zehn Gelehrten (Gurus) der Sikhs. Als Zeichen der Offenheit und Toleranz ließ er einen muslimischen Freund den Grundstein für den Bau legen und die Einweihungszeremonie durchführen. Der Sikhismus vereint meiner Laienmeinung nach sowieso auf ziemlich deutliche Weise Elemente des Hinduismus (von dessen ungerechtem, den Fortschritt hindernden und Fatalismus schürenden Kastensystem sich der Gründer des Sikhismus, Guru Nanak, abwenden wollte) und des Islam.. so basiert z.B. der Sikhismus auf fünf Säulen, die denen des muslimischen Glaubens ganz ähnlich sind und ist, wie der Islam, eine monotheistische Religion. Auch äußerlich sind die Sikhs der arabischen oder orientalisch-muslimischen Kultur ähnlicher als den Hindus (Bart, Kopfbedeckung, pluderhosenmäßige Kleidung..). Allerdings gibt es auch entscheidende Unterschiede zwischen den beiden Glaubensrichtungen und die Sikhs mussten sich jahrhundertelang gegen Zwangsmissionierung muslimischer Eroberer wehren. So wurde der Goldene Tempel auch mehrfach von den Moguln eingenommen und zerstört, jedoch jedes Mal auf den gleichen Grundsteinen wiedererrichtet. Der Harmandir, der „Tempel Gottes“ wie er in Punjabi heißt, ist wirklich ein außergewöhnlicher und außergewöhnlich angenehmer Ort.. und die Leute sind so freundlich! Wir hatten den großen Tümpel, den Amrit Sagar (Teich des Nektars der Unsterblichkeit), um den herum die Gebäude des Tempels angesiedelt sind, noch nicht einmal halb umrundet, als uns ein Mann mit rotem Turban ansprach. Als er uns fragte, ob wir uns auskennen und ob wir die Küche suchen, reagierten wir zunächst etwas wortkarg, da man durch die bereits zum Alltag gehörende Konfrontation mit pseudo-freundlichen Guides und aufdringlichen Ramschhändlern leider sehr misstrauisch wird. Glücklicherweise folgten wir dem Menschen dann aber doch, als er uns anbot, uns die kostenfrei angebotenen Schlafstätten für Pilger und die Gemeinschaftsküche zu zeigen..

Fast eine Stunde lang führte er uns herum, in den großen Speisesaal und die Lagerhallen, die mit unfassbaren Haufen an Getreidesäcken und aufeinandergestapelten Buttertonnen gefüllt waren. Besonders beeindruckte uns, als dieser nette Sikh uns in ein uralt-feuchtes Gewölbe unterhalb eines der Gebäude geleitete.. dort waren wir komplett alleine und er erzählte von der Geschichte der Sikhs.. wie sie schon seit der Entstehung der Glaubensgemeinschaft um 1500 den indischen Subkontinent vor muslimischen Eroberern aus dem Westen beschützt haben, weil der Punjab das Einfallstor für aus Richtung Afghanistan kommende Angreifer darstellte. Abgesehen davon lebten die Sikhs ihre kämpferische Einstellung unter anderem auch in einer relativ extremen Unabhängigkeitsbewegung aus, deren Ziel es war (und bis heute ist, wenngleich die Bewegung an Anhängerschaft eingebüßt hat), den Punjab zu einem autonomen Staat, Khalistan, zu machen. Grund für diesen Wunsch nach Eigenständigkeit war einerseits natürlich der Wohlstand, der diesen Teil Indiens von anderen abhob, andererseits aber auch die Punjabis vereinende und vom Rest der Bevölkerung trennende Faktoren wie eine eigene Schrift, Sprache, Religion und Tradition, die eine Art Nationalgefühl begründet haben. Im Jahr 1984 wurde der Goldene Tempel Schauplatz des Unabhängigkeitskampfes, als sich der Fundamentalist Singh Bhindranwale mit seinen Anhängern in einem der Tempelgebäude verschanzte. Die indische Armee ließ nach einigen Monaten der Belagerung ganze Häuserzeilen der umliegenden Altstadt niederreißen, um die Operation Blue Star durchführen zu können: Mit Hilfe von Panzern und schweren Geschützen wurde der Goldene Tempel zum Großteil zerstört, um die Separatisten gefangen zu nehmen. Diese von der damaligen Premierministerin Indira Gandhi angeordnete Aktion führte verständlicherweise weltweit zu großen Protesten innerhalb der Sikh-Gemeinschaft. Die Ermordung Indira Gandhis vier Monate später, im Oktober 1984, durch zwei Angehörige ihrer Sikh-Leibgarde wird als Akt der Vergeltung angesehen. Das und Vieles mehr erklärte uns unser beturbanter Freund auf unserer Tour durch den Tempel.. und während der ganzen Zeit fragte ich mich, wie wir uns wohl voneinander verabschieden würden. Ich hatte ein bisschen Angst, dass er zum Abschied den gleichen Spruch bringen würde, wie so viele scheinbar freundliche Führer vor ihm: „Ok.. thank you.. you can give some money..“ Das hätte dann seine ganzen Ausführungen über den Dienst am Nächsten und ehrenamtliches commitment rückwirkend zunichte gemacht. Zum Glück trat diese Situation aber nicht ein, sondern wir sagten einfach Auf Wiedersehen (bessergesagt „Fir Milenge“) und gingen unserer Wege.. ein äußerst positives Erlebnis!

[das ausgeklügelte Spül-System.. ein jeder schmutziger Teller durchläuft alle sechs Becken, bis er vollkommen sauber ist]

Nach unserem Tempelrundgang waren wir hungrig und begaben uns in den großen Speisesaal des Tempels, wo täglich 20.000 Pilger verköstigt werden.. es gab herrlich einfaches Essen, das auf dem Boden sitzend eingenommen wurde.. Dal Chawal, mal wieder.. und Milchreis! Ich genoss es sehr, ich weiß nicht ob manch anderem vielleicht eine gewisse Haferflockenkomponente fehlte. Nach dem Essen kletterten wir auf einen achtstöckigen, nahegelegenen Tempelturm und bewunderten im Inneren des menschenleeren Gebäudes sehr detailreiche Malereien und von der obersten Etage aus die Aussicht auf die Tempelanlagen und das umliegende Amritsar. Danach verbrachte ich fast zwei Stunden damit, in der großen, jedermann offen stehenden Gemeinschaftsküche Geschirr abzuwaschen. Andere Leute schälten Säckeweise Zwiebeln oder rollten am laufenden Band Fladenbrote aus.. das ganze System ist sehr offen, man schnappt sich einfach ein Messer und schnippelt los, keine Fragerei, keine Anmeldung, keine Einführung erforderlich. Jonas zog es dennoch vor, sich im Tempelgarten zwischen Kleingruppen diskutierender Männer zu sonnen.

Am Abend, als wir in unser Hotelzimmer zurückkehrten, erwartete uns eine böse Überraschung: Als wir die Tür zu unseren Räumlichkeiten öffneten und das Licht anknipsten, verschwand eine ganze Herde an schwarzen Wuseltieren in verschiedenen Zimmerecken und unter dem Bett. Sau eklig.. selbst unter dem Kopfkissen wartete eines der Insektenwesen! Innerhalb weniger Minuten war der Beschluss gefasst, dass wir uns eine andere Bleibe suchen mussten. Wir stiefelten hinaus und begaben uns ins schräg gegenüber gelegene Edelhotel, wo wir kurzerhand ein Zimmer der billigsten Preisklasse buchten.. aus unseren Plänen, uns am Abend noch ein wenig die Stadt anzugucken, wurde nichts. Wir duschten ausführlich und heiß und lagen dann so sauber wie seit langem nicht mehr in blütenweißen Leinendecken im Bett, um das indische Fernsehprogramm auszukosten „Wo ist die Sendung mit den twins..?“ „Ich will Shah-Rukh-Khan-Musikvideos!“ „Geil, das Beste ist die Werbung!“ „Fußball.. Stuttgart gegen Köln.. krank..“ Jonas nahm außerdem den Zimmerservice in Anspruch und bestellte einen Liter Milch für sein übliches Abendritual.. :)

[der Harmandir bei Nacht..]

Freitag, 3. Dezember 2010

Amber Fort, Jaipur

Am Montagmorgen, nachdem wir Chamélie am Bahnhof abgesetzt hatten, von wo aus sie mit dem Zug nach Delhi zurückkehrte, begab ich mich mit Sanyat, Jonas und Nirjhar per Bus zurück nach Jaipur. Dort nutzten wir die knapp bemessene Aufenthaltszeit, um das 10 Kilometer außerhalb der Stadt gelegene Amber Fort anzuschauen, das um 1600 erbaut wurde. Auf dem Weg dorthin begegneten wir einem wahrhaft fettleibigen Elefanten.. sehr beeindruckender Anblick, der war so riesengroß und rund!! Das Fort war aber auch nicht schlecht.. es ist umgeben und schroffen Bergrücken, auf welchen sich wie ein spitzer Grat eine von Horizont zu Horizont reichende Mauer entlangzieht.. wir fühlten uns mit einem Mal in das China unserer Kindheitsvorstellungen versetzt, selbst die auf den umliegenden Gipfeln gelegenen, aus gelblichen Steinen erbauten Festungsanlagen wirkten irgendwie fernöstlich. Das Innere des Hauptpalastes, den wir uns anschauten, machte einen sehr verwinkelten Eindruck, das Gebäude schien einzig aus engen Treppenaufstiegen, niederen Fluren und verschlungenen Gängen zu bestehen.. gewöhnliche Räume gab es nicht, wann immer man mal ein kleines Zimmerchen am Ende einer der Gänge entdeckte, handelte es sich um eine der ungewöhnlich zahlreich vorhandenen königlichen Latrinen.

Pushkar Mela

Nach einem schier endlosen Marsch durch die Märchenwelt Pushkars erreichten wir gegen 14 Uhr, in der größten Mittagshitze, den Messeplatz.. eine sandigstaubige Einöde hinter dem eigentlichen Ort, von wo aus man einen Blick auf das umliegende Hochtal und die selbiges eingrenzenden Bergrücken hatte. Wir ließen uns eine Weile von den schiebenden, drängenden Menschenmassen mitschleifen, wobei unsere Sinne von einer wahren Reizüberflutung stark in Anspruch genommen wurden. Riesenräder und Eisstände säumten den Weg, Haushaltswaren-Händler priesen Messer und Pfannen an, es gab Popcorn, Erdnüsse und Zuckerwatte. Durch all die Buden versuchten wir, uns zum anderen Ende des Jahrmarktes durchzuarbeiten, wo sich der eigentliche Viehmarkt anschloss.

Meinem Reiseführer zufolge werden hier jährlich bis zu 50.000 Kamele zum Verkauf angeboten, außerdem werden auch Pferde, Schafe, Ziegen und Traktoren ausgestellt. Die Tiere werden festlich aufgemacht, vor allem die Kamele sind behängt mit allerlei buntem Schmuck, manchen werden auch Muster ins Fell rasiert. Schon bald stießen wir auf einen Händler, der auch Kamelritte anbot.. Sanyat nahm die Preisverhandlungen auf und konnte den Preis auf ein humanes Niveau drücken, indem er unseren „last price“ in Marwari (dem in Rajasthan gesprochenen lokalen Hindi-Dialekt) festlegte.

[Amélie und Nirjhar auf ihrem treuen Johnny.. Johnny-Beta, idhar dekho!]

So ritten wir kurz darauf glücklich auf den zwei Kamelen Moti (Perle) und Johnny durch das trockene Tal. Einzig unser wahrhafter Johnny wurde dabei schmerzlich vermisst.. so entschloss ich mich, es war schließlich bereits 14 Uhr, den schläfrigen Genossen durch einen Weckruf ins Reich der Lebenden zurückzuholen.. er nahm jedoch leider den Hörer nicht ab. Nach einigen weiteren erfolglosen Versuchen riefen wir die Rezeption unseres Hotels an und baten darum, man solle einmal gehörig an die Tür von Zimmer 302 klopfen. Kurz darauf erhielten wir einen Rückruf, dass sich in benanntem Zimmer trotz anhaltendem Gehämmer nichts gerührt habe. Obgleich wir uns bewusst waren, dass es sich hier schließlich um den berüchtigten Jonas L. handelte, setzten wir unsere Wüstenschiffschaukelpartie nun leicht beunruhigt fort. Gegen 15 Uhr erhielten wir glücklicherweise eine SMS von dem verloren Geglaubten, dass er nun bereit sei, zu uns zu stoßen. Ganz alleine gelang es Jonas im Anschluss, seinen Weg vom immerhin 20 Kilometer entfernten Ajmer nach Pushkar und uns im unvorstellbar unübersichtlichen Getümmel der Pushkar Mela zu finden.. ganz schön mutig, bedenkt man doch, dass er erst seit 3 Tagen in Indien weilte!

[Sanyat und ich mit Moti..]

[auch am nächsten Tag ließen wir uns nicht um den Genuss eines kleinen Ausritts bringen.. vor allem auch damit der diesmal anwesende Jonas diese Erfahrung sammeln konnte, schließlich waren wir hauptsächlich dafür nach Pushkar gereist.. KAMEL.]

Den Rest des Nachmittags verbrachten wir damit, das Volksfest zu erkunden. Zunächst kauften wir geschätzte zwei Meter Zuckerrohr, welches mit den Zähnen geschält und zernagt werden muss, will man den süßen Saft heraussaugen. Hin und wieder kleine Holzfasen und wahre Späne der harten Schale in Richtung des Wegesrandes ausspuckend, zogen wir durch den Jahrmarkt. Zunächst gönnten wir uns eine Runde im Riesenrad, welches von einem kleinen und übertrieben lauten Dieselgenerator angetrieben wurde.. die kleinen Zwei-Personen-Körbchen baumelten lässig an der Stahlkonstruktion und schaukelten wild, als wir hineinkletterten. Unablässig Holzfaserteilchen auswerfend beschauten wir von weit oben die Menschenmassen und die Wüstenlandschaft der näheren Umgebung. Im Unterschied zum europäischen Riesenradritt rotiert das gemeine indische Riesenrad mit großer Geschwindigkeit, so dass einem das Herz in die Hose und der Magen in die Kehle rutscht, wenn man am höchsten Punkt für kurze Zeit der Schwerkraft entkommt. Vollkommen ohne Benimm versuchten wir, mit kleinen Zuckerrohrteilen andere Körbchen, vor allem das unserer Reisebekanntschaften zu bombardieren.. dass dabei vor allem unbeteiligte Riesenradreisende getroffen wurden, musste in Kauf genommen werden.

Anschließend erweckte eine weitere Attraktion unser Interesse: Von außen stellte sie sich als ein etwa 30 Meter hoher Holzzylinder mit einem Durchmesser von ebenfalls 30 Metern dar. Einige zwielichtige Gestalten warben mittels eines Megaphons Schaulustige an.. neugierig und nur leise ahnend, was uns erwarten würde, zahlten wir den Eintritt von 20 Rupien und kletterten über eine Treppe auf eine Galerie am oberen Rand des Holzbaus. Von dort aus konnten wir in das Innere der Konstruktion schauen.. es handelte sich um eine Art hölzerne Trommel, auf deren mit Schotter bedecktem Boden drei Kleinwagen und zwei Motorräder geparkt waren. Obwohl uns erklärt wurde, was hier gleich stattfinden würde, konnte ich mir das Schauspiel nicht vorstellen, bis es dann vor meinen Augen stattfand.. nach einer langen Weile des Wartens, während der die Motoren der Fahrzeuge dauerhaft zum Heulen gebracht wurden, um noch mehr Zuschauer anzulocken, ging es endlich los! Zunächst bestieg ein junger Mann eines der Zweiräder und fuhr einige Meter in gemäßigtem Tempo in dem kleinen Kreis herum, bis er – scheinbar mühelos – an der unten leicht abgeschrägten Holzwand emporzuklettern begann! Mit gar nicht mal allzu großer Geschwindigkeit fuhr er eine Runde nach der nächsten auf der senkrechten Wand. Kurz darauf starteten die beiden Motorräder ebenfalls und so rasten die drei Fahrzeuge gemeinsam im Kreis herum. Die Fahrer machten dabei allerlei Faxen.. fuhren freihändig (wie kann man denn da noch Gas geben?) und im Damensitz und näherten sich so weit an die obere Kante der Holzwand an, dass sie die Hände der auf den Galerien stehenden Zuschauer erreichen und Geldscheine entgegennehmen konnten! Absolut wahnsinnig wurde das Spektakel, als die zwei Kleinwagen und drei Motorräder alle gleichzeitig ihre Runden zogen, wobei die Fahrer der Autos sich aus den Fenster lehnten und sich sogar gegenseitig die Hand gaben, wobei sich ihre Gefährte zweitweise gegenseitig berührten!! Ich hatte total Angst, dass irgendein Fahrzeug irgendwie über die Oberkante der senkrechten Fahrbahn hinaus in die Zuschauer rasen könnte (falls das physikalisch möglich ist?) oder irgendjemand vor meinen Augen stirbt.. !! Ich frag mich, bis wann solche Praktiken auch in Deutschland noch erlaubt waren.. diese Attraktion ist zweifelsohne geisteskrank und viel zu gefährlich.. aber das macht es ja gerade so spannend.. setzt definitiv mehr Adrenalin frei als Dosenwerfen!

[geisteskrank.. der gelbe Typ, der da gerade lässig aus dem Fenster klettert, ist übrigens ganz nebenbei - Linksverkehr! - der Fahrer!]

Montag, 29. November 2010

Pushkar

Den Samstagvormittag verbrachten wir in unserem Hotelzimmer.. auf drei aneinandergeschobenen Betten und auf dem Boden schliefen die müden Lustreisenden im von flirrenden Sonnenstrahlen aufgeheizten Zimmer, die typischen Geräusche der langsam erwachenden Stadt drangen von der direkt unterhalb unseres Fensters liegenden Hauptstraße zu uns herauf. Gegen 12 Uhr entschloss man sich zum Aufbruch.. nur der müde Johnny konnte nicht dazu bewegt werden, sich von seiner Ruhestatt zu trennen, weswegen er zurückgelassen werden musste. Mit einem unfassbar überfüllten Kleinbus fuhren wir ins etwa 15 Kilometer von Ajmer entfernte Örtchen Pushkar, wo wir von Southside-Erinnerungen hervorrufenden Menschenmassen, sehr zu unserer Enttäuschung nicht jedoch von den erwarteten Kameltrossen empfangen wurden. Die Stadt machte einen wahrlich zauberhaften Eindruck auf uns.. hellblau gestrichene, uralte Häuser säumten die engen Gassen, links und rechts des Weges wurde an kleinen Ständen buntes Gemüse zum Verkauf angeboten und die unzähligen flanierenden Menschen waren allesamt in ihre farbenfrohschillerndsten und buntesten Festtagstrachten gekleidet. Durch den im Gegensatz zum bereits winterlich matten Licht, in welchem Delhi seit einiger Zeit dahindämmert, blendend hellen Sonnenschein wirkte die Umgebung noch kontrastreicher und dadurch künstlicher, als sie es ohnehin durch die märchenhafte Kulisse schon tat.

Der in einem Wüstenhochtal situierte See, an welchem Pushkar gelegen ist, gilt den Hindus als heilig und ist daher eine der wichtigsten Pilgerstätten Rajasthans. Ähnlich wie in Varanasi gibt es Ghats, an denen Gläubige Waschungen im (nicht ganz so) reinen Wasser vornehmen.

Reise nach Ajmer

Am Samstagmorgen, so war der Plan, sollten wir uns per Zug nach Rajasthan begeben, um im beschaulichen Wüstenörtchen Pushkar die Pushkar Mela, die weltgrößte Kamelmesse, mitzuerleben. Freitagabend stellte ich dann fest, dass ich beim Buchen der Fahrkarten mal wieder einiges vermasselt hatte (déjà vu).. glücklicherweise befanden wir uns gerade in Nirjhars Auto und damit auf höchst komfortable Weise in der Nähe des sog. Bikaner House, dem Busbahnhof des rajasthanischen Tourismusverbands. Wir hielten also dort an und ich buchte kurzerhand Tickets für den nächsten Morgen – für Amélie, Jonas und mich. Wieder im Auto bei den anderen kam mir plötzlich in den Sinn, dass man ja auch einen Nachtbus noch am selben Abend nehmen könnte, daylight saving time! Und wieso eigentlich ein Trip zu dritt.. Sanyat und Nirjhar, kommt mit! Die kurz aufkeimenden Zweifel wurden niedergemäht, die soeben gebuchten Tickets gecancelt, eine Reise für den selben Abend eingefädelt. Der Bus sollte um 23.30 Uhr abfahren, es blieben uns damit fast drei Stunden.. das mag nach einem ausreichenden Zeitraum klingen, um kurz mal 3 T-Shirts und eine Zahnbürste zusammenzupacken. Jedoch muss der Indienlaie bedenken, dass die Bewegung im innerstädtischen Nahverkehr auf diesem Subkontinent äußerst zeitkonsumierend ist! So brach schon gleich zu Anfang unseres wahnwitzigen Unterfangens (gegen 20.45 Uhr) eine gewisse Hektik aus..die sich später zu einer regelrechten Panik hochschaukeln sollte. Zunächst fuhren wir mit dem Auto ein Stückchen gen Norden.. nachdem irgendjemand eine grobe Zeitrechnung aufgestellt hatte, wurde klar, dass wir uns beeilen mussten. Sanyat wechselte ans Steuer, da allgemein angenommen wurde, er könne durch seinen geisteskrank-rücksichtslosen Fahrstil noch etwas herumreißen.. das Einzige was er jedoch tatsächlich herumriss, war das Lenkrad (Vollgas, zwischen zwei Fahrzeuge schlängeln, Vollbremsung, Vollgas, scharfe Linkskurve, Vollbremsung, Vollgas, anhaltendes Hupen..) und vielleicht unsere Nackenmuskulatur.. oder so. Darüber hinaus war sehr fraglich, ob es für Nirjhar praktikabel sein würde, uns in den Norden zu fahren, da er selbst im Osten Delhis wohnt (in etwa 20 km Entfernung) und selbst auch noch packen musste. Als wir dann auch noch im Feierabendverkehr steckenblieben, entschlossen wir, Nirjhar mit dem Auto seinem Schicksal zu überlassen und stiegen kurzentschlossen aus. Unsere Annahme, in der Nähe einer Metrostation zu sein, bestätigte sich unglücklicherweise nicht.. mittlerweile hatten einige der Beteiligten eine leicht panisch kieksende Stimme angenommen, andere wirkten äußerlich ruhig und kicherten nur ab und an ungläubig in sich hinein.. nach einer wahren Hetzjagd erreichten wir die Metro und quetschten uns mit dem schönsten Rush-Hour-Pulk in die schlecht ventilierte Untergrundbahn. Gegen 5 vor 10 erreichten wir unsere Wohnung.. spätestens um 22.15 Uhr mussten wir wieder aufbrechen, wollten wir unseren Bus erwischen. In Windeseile wurde das Allernotwendigste (vor allem Haferflocken) zusammengepackt, wobei auch einige Wolldecken nicht fehlen durften, da es selbst in Indien mittlerweile ziemlich herbstlichkalt ist. Mitten im Trubel (wir waren gerade damit beschäftigt, Essensreste aus der Küche zu entfernen, um den bei uns seit neustem heimischen Kakerlaken über das Wochenende keine zusätzliche Tummelstätte zu bieten) erreichte uns eine Hiobsbotschaft von Sanyat: Er hatte keinen Schlüssel dabei und sein Room Mate war ausgeflogen.. ohne Zugang zu seiner Behausung hatte er sich daher notgedrungen darauf Verlegt, einige Kleidungsstücke und Geschirrtücher von der Wäscheleine in eine Plastiktüte zu packen.. desweiteren war er bargeldlos und daher darauf angewiesen, von uns aufgesammelt zu werden :) die ganze Hals-über-Kopf-Aktion nahm ungeahnt chaotische Züge an! Gegen 22.30 Uhr brachen wir endlich Richtung Central Delhi und Bikaner House auf, noch überwiegend zuversichtlich, fast pünktlich zu sein. Die Metro spielte uns dann selbstverständlich auch noch einen Streich, indem unsere Bahn an zwei Haltestellen scheinbar grundlos für jeweils fünf Minuten hielt.. höchst nervös versuchten wir zu kalkulieren, ob es nun schneller sei, sofort auszusteigen und mit der Riksha weiterzufahren.. dabei wurden auch Faktoren wie die Rikshadichte der entsprechenden Gegend nicht außenvorgelassen. Risikobereit entschieden wir uns für diesen Transportmittelwechsel und erreichten schließlich 3 Minuten vor Abfahrt den Busbahnhof! Belohnt für die schweißtreibende Anreise wurden wir mit einer superluxuriösen Nachtbusfahrt im noblen VOLVO-Bus (indienweit bekannt als das non-plus-ultra-Vehikel schlechthin). Jonas bereitete sich noch seelenruhig seine Schüssel Haferflocken zu.. und bald schlummerten wir alle friedlich.

[superkomfortabel sauber leise schnell.. nie bin ich Indien auch nur annähernd so luxuriös gereist!]

Schon gegen 5 Uhr morgens erreichten wir Jaipur. Dort fanden wir uns im gänzlich nachtschwarzen Busbahnhof wieder.. dort tranken wir den obligatorisch sirupsüßen Chai und hatten eine Art sehr frühes Frühstück, bestehend aus Dal Chawal.. Linsensuppe vor Sonnenaufgang, man gewöhnt sich echt an alles.. angenehm wärmend war es allemal. Anschließend stiegen wir in einen weiteren Bus, der uns nach Ajmer bringen sollte.. die im fahl-rosigen Dämmerlicht liegende, einödig-trockene Wüstenlandschaft, die wir dabei durchquerten, wirkte irgendwie gespenstisch und zugleich beruhigend menschenleer. Um 8 Uhr kamen wir schließlich in Ajmer an..

[am Busbahnhof Ajmer genehmigten wir uns ein zweites Frühstück, diesmal bestehend aus Poha (gedünsteten und plattgewalzten Reisflocken).. mmmh :) das lustige (roadside-) Essen ist doch eine der tollsten Sachen am Reisen!!]

[mit der Autorikshaw fuhren wir von der Bushaltestelle in die Stadt.. und wenn Johnny-Beta erst groß ist, wird er auch mal Riksha-Walla!]