Dienstag, 7. Dezember 2010

Golden Temple Amritsar

Nachdem wir den Nachmittag aufgrund gar widrigster Witterungsverhältnisse (kaltes Regenwetter!) mit Kartenspielen und warmem Essen zugebracht hatten, setzten Jonas und ich unsere Reise um 19 Uhr mit dem Zug gen Norden fort. Unser nächstes Ziel war Amritsar im Punjab. Sanyat hingegen bestieg einen Passenger Train in die entgegengesetzte Richtung, der ihn direkt nach Jodhpur bringen sollte.. dort waren seine Eltern gegen 11 Uhr nachts recht überrascht, ihren Sohn zum ersten Mal seit Monaten und unangekündigt vor ihrer Türe stehen zu sehen.. noch dazu ohne jegliches Gepäck. Nirjhar seinerseits traf seinen Vater in Jaipur selbst, wo dier ehemalige Offizier und derzeitige Verwaltungsangestellte der indischen Armee aktuell gepostet ist. So kam es, dass sich unsere kleine Reisegesellschaft genauso schnell wieder zerstreute wie sie sich gebildet hatte.
Auf der 10stündigen Fahrt machten wir Bekanntschaft mit ein paar sehr neugierigen Kindern.. sie wollten wissen, wer unser Lieblingsschauspieler ist und versuchten, uns einen Bollywood Song beizubringen. Jonas und ich revanchierten uns mit dem von uns schon oftmals gemeinsam rezitierten Partyklassiker „da hat das rote Pferd sich einfach umgekehrt..“, wobei unsere Anstrengungen, den Kleinen wenigstens die ersten zwei Zeilen einzubläuen, von wenig Erfolg gekrönt waren. Wer einen besonders großen Narren an Jonas gefressen hatte, war der kleine Adhiraj, der, nachdem er in Jonas‘ Haaren herumgewuschelt hatte, einfach mal feststellte: „Your hair is like a sparrow’s nest..“ :) haha!
Gegen 9 Uhr morgens erreichten wir Amritsar. Die Stadt ist berühmt für den Goldenen Tempel, das wichtigste Heiligtum der Sikhs. Es war das erste Mal, dass ich den Punjab bereist habe.. der Name bedeutet Fünfstromland und die Region gilt als Kornkammer Indiens. Nicht nur aufgrund seiner außergewöhnlich fruchtbaren Böden und der folglich sehr ertragreichen Landwirtschaft ist der Punjab der reichste Bundesstaat Indiens, sondern auch wegen seiner sehr ehrgeizigen und aufstrebenden Einwohner, die zu 60 % Sikhs sind – zum Vergleich: Sikhs machen nur 1,9 % der indischen Gesamtbevölkerung aus. Schon am Bahnsteig fiel uns also die erhöhte Turbandichte auf.. als wir uns per Riksha in die Altstadt begaben, um im erstbesten Guest House in Tempelsichtweite abzusteigen, bemerkten wir außerdem, dass die Straßen einen weitaus gepflegteren, saubereren Eindruck machen als man es sonst gewohnt ist. In unserer Bleibe angekommen, legte sich Jonas erstmal nieder und holte noch einige Ründchen Schlaf nach. Ich begab mich auf eine kleinere Erkundungstour, wobei ich alle paar Meter einige von einem Straßenhändler erstandene Sesam-Jaggery-Bällchen aus einer Zeitungspapiertüte in meinen Mund warf.. kam mir vor wie aus einer Salman-Rushdie Short Story.. „she was contendedly munching her chilli pakoras but she didn’t offer him any..“ :) Als Jonas dann gegen 14 Uhr ausgehbereit war, liefen wir zum Goldenen Tempel hinüber..

Wie jede andere Gurudvara, die ich bisher besucht habe, strahlt auch der Goldene Tempel eine große Ruhe aus. Erbaut wurde das Heiligtum Ende des 16. Jahrhunderts Im Auftrag von Guru Arjun Das, einem der zehn Gelehrten (Gurus) der Sikhs. Als Zeichen der Offenheit und Toleranz ließ er einen muslimischen Freund den Grundstein für den Bau legen und die Einweihungszeremonie durchführen. Der Sikhismus vereint meiner Laienmeinung nach sowieso auf ziemlich deutliche Weise Elemente des Hinduismus (von dessen ungerechtem, den Fortschritt hindernden und Fatalismus schürenden Kastensystem sich der Gründer des Sikhismus, Guru Nanak, abwenden wollte) und des Islam.. so basiert z.B. der Sikhismus auf fünf Säulen, die denen des muslimischen Glaubens ganz ähnlich sind und ist, wie der Islam, eine monotheistische Religion. Auch äußerlich sind die Sikhs der arabischen oder orientalisch-muslimischen Kultur ähnlicher als den Hindus (Bart, Kopfbedeckung, pluderhosenmäßige Kleidung..). Allerdings gibt es auch entscheidende Unterschiede zwischen den beiden Glaubensrichtungen und die Sikhs mussten sich jahrhundertelang gegen Zwangsmissionierung muslimischer Eroberer wehren. So wurde der Goldene Tempel auch mehrfach von den Moguln eingenommen und zerstört, jedoch jedes Mal auf den gleichen Grundsteinen wiedererrichtet. Der Harmandir, der „Tempel Gottes“ wie er in Punjabi heißt, ist wirklich ein außergewöhnlicher und außergewöhnlich angenehmer Ort.. und die Leute sind so freundlich! Wir hatten den großen Tümpel, den Amrit Sagar (Teich des Nektars der Unsterblichkeit), um den herum die Gebäude des Tempels angesiedelt sind, noch nicht einmal halb umrundet, als uns ein Mann mit rotem Turban ansprach. Als er uns fragte, ob wir uns auskennen und ob wir die Küche suchen, reagierten wir zunächst etwas wortkarg, da man durch die bereits zum Alltag gehörende Konfrontation mit pseudo-freundlichen Guides und aufdringlichen Ramschhändlern leider sehr misstrauisch wird. Glücklicherweise folgten wir dem Menschen dann aber doch, als er uns anbot, uns die kostenfrei angebotenen Schlafstätten für Pilger und die Gemeinschaftsküche zu zeigen..

Fast eine Stunde lang führte er uns herum, in den großen Speisesaal und die Lagerhallen, die mit unfassbaren Haufen an Getreidesäcken und aufeinandergestapelten Buttertonnen gefüllt waren. Besonders beeindruckte uns, als dieser nette Sikh uns in ein uralt-feuchtes Gewölbe unterhalb eines der Gebäude geleitete.. dort waren wir komplett alleine und er erzählte von der Geschichte der Sikhs.. wie sie schon seit der Entstehung der Glaubensgemeinschaft um 1500 den indischen Subkontinent vor muslimischen Eroberern aus dem Westen beschützt haben, weil der Punjab das Einfallstor für aus Richtung Afghanistan kommende Angreifer darstellte. Abgesehen davon lebten die Sikhs ihre kämpferische Einstellung unter anderem auch in einer relativ extremen Unabhängigkeitsbewegung aus, deren Ziel es war (und bis heute ist, wenngleich die Bewegung an Anhängerschaft eingebüßt hat), den Punjab zu einem autonomen Staat, Khalistan, zu machen. Grund für diesen Wunsch nach Eigenständigkeit war einerseits natürlich der Wohlstand, der diesen Teil Indiens von anderen abhob, andererseits aber auch die Punjabis vereinende und vom Rest der Bevölkerung trennende Faktoren wie eine eigene Schrift, Sprache, Religion und Tradition, die eine Art Nationalgefühl begründet haben. Im Jahr 1984 wurde der Goldene Tempel Schauplatz des Unabhängigkeitskampfes, als sich der Fundamentalist Singh Bhindranwale mit seinen Anhängern in einem der Tempelgebäude verschanzte. Die indische Armee ließ nach einigen Monaten der Belagerung ganze Häuserzeilen der umliegenden Altstadt niederreißen, um die Operation Blue Star durchführen zu können: Mit Hilfe von Panzern und schweren Geschützen wurde der Goldene Tempel zum Großteil zerstört, um die Separatisten gefangen zu nehmen. Diese von der damaligen Premierministerin Indira Gandhi angeordnete Aktion führte verständlicherweise weltweit zu großen Protesten innerhalb der Sikh-Gemeinschaft. Die Ermordung Indira Gandhis vier Monate später, im Oktober 1984, durch zwei Angehörige ihrer Sikh-Leibgarde wird als Akt der Vergeltung angesehen. Das und Vieles mehr erklärte uns unser beturbanter Freund auf unserer Tour durch den Tempel.. und während der ganzen Zeit fragte ich mich, wie wir uns wohl voneinander verabschieden würden. Ich hatte ein bisschen Angst, dass er zum Abschied den gleichen Spruch bringen würde, wie so viele scheinbar freundliche Führer vor ihm: „Ok.. thank you.. you can give some money..“ Das hätte dann seine ganzen Ausführungen über den Dienst am Nächsten und ehrenamtliches commitment rückwirkend zunichte gemacht. Zum Glück trat diese Situation aber nicht ein, sondern wir sagten einfach Auf Wiedersehen (bessergesagt „Fir Milenge“) und gingen unserer Wege.. ein äußerst positives Erlebnis!

[das ausgeklügelte Spül-System.. ein jeder schmutziger Teller durchläuft alle sechs Becken, bis er vollkommen sauber ist]

Nach unserem Tempelrundgang waren wir hungrig und begaben uns in den großen Speisesaal des Tempels, wo täglich 20.000 Pilger verköstigt werden.. es gab herrlich einfaches Essen, das auf dem Boden sitzend eingenommen wurde.. Dal Chawal, mal wieder.. und Milchreis! Ich genoss es sehr, ich weiß nicht ob manch anderem vielleicht eine gewisse Haferflockenkomponente fehlte. Nach dem Essen kletterten wir auf einen achtstöckigen, nahegelegenen Tempelturm und bewunderten im Inneren des menschenleeren Gebäudes sehr detailreiche Malereien und von der obersten Etage aus die Aussicht auf die Tempelanlagen und das umliegende Amritsar. Danach verbrachte ich fast zwei Stunden damit, in der großen, jedermann offen stehenden Gemeinschaftsküche Geschirr abzuwaschen. Andere Leute schälten Säckeweise Zwiebeln oder rollten am laufenden Band Fladenbrote aus.. das ganze System ist sehr offen, man schnappt sich einfach ein Messer und schnippelt los, keine Fragerei, keine Anmeldung, keine Einführung erforderlich. Jonas zog es dennoch vor, sich im Tempelgarten zwischen Kleingruppen diskutierender Männer zu sonnen.

Am Abend, als wir in unser Hotelzimmer zurückkehrten, erwartete uns eine böse Überraschung: Als wir die Tür zu unseren Räumlichkeiten öffneten und das Licht anknipsten, verschwand eine ganze Herde an schwarzen Wuseltieren in verschiedenen Zimmerecken und unter dem Bett. Sau eklig.. selbst unter dem Kopfkissen wartete eines der Insektenwesen! Innerhalb weniger Minuten war der Beschluss gefasst, dass wir uns eine andere Bleibe suchen mussten. Wir stiefelten hinaus und begaben uns ins schräg gegenüber gelegene Edelhotel, wo wir kurzerhand ein Zimmer der billigsten Preisklasse buchten.. aus unseren Plänen, uns am Abend noch ein wenig die Stadt anzugucken, wurde nichts. Wir duschten ausführlich und heiß und lagen dann so sauber wie seit langem nicht mehr in blütenweißen Leinendecken im Bett, um das indische Fernsehprogramm auszukosten „Wo ist die Sendung mit den twins..?“ „Ich will Shah-Rukh-Khan-Musikvideos!“ „Geil, das Beste ist die Werbung!“ „Fußball.. Stuttgart gegen Köln.. krank..“ Jonas nahm außerdem den Zimmerservice in Anspruch und bestellte einen Liter Milch für sein übliches Abendritual.. :)

[der Harmandir bei Nacht..]

4 Kommentare:

Doro hat gesagt…

Vicky, Du bis 'ne Motte!

die Mama hat gesagt…

Hej Hej, wie üblich eine überaus blumige und bilderreiche Sprache.

Sehr interessant, erlebst ja tolle Sachen.


allmählich von Reisfieber geplagt grüßt dich

Anonym hat gesagt…

Der beleuchtete Tempel bei Nacht ist schon beeindruckend, auch wenns wohl hauptsächlich für die Touristen ist. Auch die meist floralen Muster an den Tempelwänden gefallen mir gut. Sind das Bemalungen oder Fayence? Sind es traditionelle Muster?
Gruß Caddy

Anonym hat gesagt…

Übrigens, das Mosaikmuster auf dem Tempelboden taucht bei uns in jedem klassischen Patchworkheft auf - sehr schön.