Nach einem schier endlosen Marsch durch die Märchenwelt Pushkars erreichten wir gegen 14 Uhr, in der größten Mittagshitze, den Messeplatz.. eine sandigstaubige Einöde hinter dem eigentlichen Ort, von wo aus man einen Blick auf das umliegende Hochtal und die selbiges eingrenzenden Bergrücken hatte. Wir ließen uns eine Weile von den schiebenden, drängenden Menschenmassen mitschleifen, wobei unsere Sinne von einer wahren Reizüberflutung stark in Anspruch genommen wurden. Riesenräder und Eisstände säumten den Weg, Haushaltswaren-Händler priesen Messer und Pfannen an, es gab Popcorn, Erdnüsse und Zuckerwatte. Durch all die Buden versuchten wir, uns zum anderen Ende des Jahrmarktes durchzuarbeiten, wo sich der eigentliche Viehmarkt anschloss.
Meinem Reiseführer zufolge werden hier jährlich bis zu 50.000 Kamele zum Verkauf angeboten, außerdem werden auch Pferde, Schafe, Ziegen und Traktoren ausgestellt. Die Tiere werden festlich aufgemacht, vor allem die Kamele sind behängt mit allerlei buntem Schmuck, manchen werden auch Muster ins Fell rasiert. Schon bald stießen wir auf einen Händler, der auch Kamelritte anbot.. Sanyat nahm die Preisverhandlungen auf und konnte den Preis auf ein humanes Niveau drücken, indem er unseren „last price“ in Marwari (dem in Rajasthan gesprochenen lokalen Hindi-Dialekt) festlegte.
[Amélie und Nirjhar auf ihrem treuen Johnny.. Johnny-Beta, idhar dekho!]
So ritten wir kurz darauf glücklich auf den zwei Kamelen Moti (Perle) und Johnny durch das trockene Tal. Einzig unser wahrhafter Johnny wurde dabei schmerzlich vermisst.. so entschloss ich mich, es war schließlich bereits 14 Uhr, den schläfrigen Genossen durch einen Weckruf ins Reich der Lebenden zurückzuholen.. er nahm jedoch leider den Hörer nicht ab. Nach einigen weiteren erfolglosen Versuchen riefen wir die Rezeption unseres Hotels an und baten darum, man solle einmal gehörig an die Tür von Zimmer 302 klopfen. Kurz darauf erhielten wir einen Rückruf, dass sich in benanntem Zimmer trotz anhaltendem Gehämmer nichts gerührt habe. Obgleich wir uns bewusst waren, dass es sich hier schließlich um den berüchtigten Jonas L. handelte, setzten wir unsere Wüstenschiffschaukelpartie nun leicht beunruhigt fort. Gegen 15 Uhr erhielten wir glücklicherweise eine SMS von dem verloren Geglaubten, dass er nun bereit sei, zu uns zu stoßen. Ganz alleine gelang es Jonas im Anschluss, seinen Weg vom immerhin 20 Kilometer entfernten Ajmer nach Pushkar und uns im unvorstellbar unübersichtlichen Getümmel der Pushkar Mela zu finden.. ganz schön mutig, bedenkt man doch, dass er erst seit 3 Tagen in Indien weilte!
[Sanyat und ich mit Moti..]
[auch am nächsten Tag ließen wir uns nicht um den Genuss eines kleinen Ausritts bringen.. vor allem auch damit der diesmal anwesende Jonas diese Erfahrung sammeln konnte, schließlich waren wir hauptsächlich dafür nach Pushkar gereist.. KAMEL.]
Den Rest des Nachmittags verbrachten wir damit, das Volksfest zu erkunden. Zunächst kauften wir geschätzte zwei Meter Zuckerrohr, welches mit den Zähnen geschält und zernagt werden muss, will man den süßen Saft heraussaugen. Hin und wieder kleine Holzfasen und wahre Späne der harten Schale in Richtung des Wegesrandes ausspuckend, zogen wir durch den Jahrmarkt. Zunächst gönnten wir uns eine Runde im Riesenrad, welches von einem kleinen und übertrieben lauten Dieselgenerator angetrieben wurde.. die kleinen Zwei-Personen-Körbchen baumelten lässig an der Stahlkonstruktion und schaukelten wild, als wir hineinkletterten. Unablässig Holzfaserteilchen auswerfend beschauten wir von weit oben die Menschenmassen und die Wüstenlandschaft der näheren Umgebung. Im Unterschied zum europäischen Riesenradritt rotiert das gemeine indische Riesenrad mit großer Geschwindigkeit, so dass einem das Herz in die Hose und der Magen in die Kehle rutscht, wenn man am höchsten Punkt für kurze Zeit der Schwerkraft entkommt. Vollkommen ohne Benimm versuchten wir, mit kleinen Zuckerrohrteilen andere Körbchen, vor allem das unserer Reisebekanntschaften zu bombardieren.. dass dabei vor allem unbeteiligte Riesenradreisende getroffen wurden, musste in Kauf genommen werden.
Anschließend erweckte eine weitere Attraktion unser Interesse: Von außen stellte sie sich als ein etwa 30 Meter hoher Holzzylinder mit einem Durchmesser von ebenfalls 30 Metern dar. Einige zwielichtige Gestalten warben mittels eines Megaphons Schaulustige an.. neugierig und nur leise ahnend, was uns erwarten würde, zahlten wir den Eintritt von 20 Rupien und kletterten über eine Treppe auf eine Galerie am oberen Rand des Holzbaus. Von dort aus konnten wir in das Innere der Konstruktion schauen.. es handelte sich um eine Art hölzerne Trommel, auf deren mit Schotter bedecktem Boden drei Kleinwagen und zwei Motorräder geparkt waren. Obwohl uns erklärt wurde, was hier gleich stattfinden würde, konnte ich mir das Schauspiel nicht vorstellen, bis es dann vor meinen Augen stattfand.. nach einer langen Weile des Wartens, während der die Motoren der Fahrzeuge dauerhaft zum Heulen gebracht wurden, um noch mehr Zuschauer anzulocken, ging es endlich los! Zunächst bestieg ein junger Mann eines der Zweiräder und fuhr einige Meter in gemäßigtem Tempo in dem kleinen Kreis herum, bis er – scheinbar mühelos – an der unten leicht abgeschrägten Holzwand emporzuklettern begann! Mit gar nicht mal allzu großer Geschwindigkeit fuhr er eine Runde nach der nächsten auf der senkrechten Wand. Kurz darauf starteten die beiden Motorräder ebenfalls und so rasten die drei Fahrzeuge gemeinsam im Kreis herum. Die Fahrer machten dabei allerlei Faxen.. fuhren freihändig (wie kann man denn da noch Gas geben?) und im Damensitz und näherten sich so weit an die obere Kante der Holzwand an, dass sie die Hände der auf den Galerien stehenden Zuschauer erreichen und Geldscheine entgegennehmen konnten! Absolut wahnsinnig wurde das Spektakel, als die zwei Kleinwagen und drei Motorräder alle gleichzeitig ihre Runden zogen, wobei die Fahrer der Autos sich aus den Fenster lehnten und sich sogar gegenseitig die Hand gaben, wobei sich ihre Gefährte zweitweise gegenseitig berührten!! Ich hatte total Angst, dass irgendein Fahrzeug irgendwie über die Oberkante der senkrechten Fahrbahn hinaus in die Zuschauer rasen könnte (falls das physikalisch möglich ist?) oder irgendjemand vor meinen Augen stirbt.. !! Ich frag mich, bis wann solche Praktiken auch in Deutschland noch erlaubt waren.. diese Attraktion ist zweifelsohne geisteskrank und viel zu gefährlich.. aber das macht es ja gerade so spannend.. setzt definitiv mehr Adrenalin frei als Dosenwerfen!
[geisteskrank.. der gelbe Typ, der da gerade lässig aus dem Fenster klettert, ist übrigens ganz nebenbei - Linksverkehr! - der Fahrer!]
4 Kommentare:
Diese Attraktion gab's in unserer Kindheit auf dem Cannstatter Volksfest auch immer, nur war der Zylinder viel enger. Dein Opa und Markus und auch wir anderen Kinder fanden das immer ganz toll, ein echter Nervenkitzel, aber laut Opa offenbar nicht so gefährlich, wie es aussieht. Vielen Dank für Deine schönen Berichte. Dir alles Gute. Bei uns ist zur Zeit tiefster Winter, sehr kalt, viel Schnee, eigentlich fast ungewöhnlich für Anfang Dezember. Ich freue mich, dass Du bald Besuch von Deiner Mama und Deinem Bruder bekommst, so wird sich das zu erwartende Weihnachts-Heimweh vielleicht gar nicht einstellen oder zumindest in Grenzen halten!
hallooo! danke für die info,hatte mich wirklich gefragt, ob diese wahnsinnsattraktion noch zu menschengedenken auch in deutschland zu finden war.. und was das heimweh betrifft,so habe ich gerade eine phase verstärkter nostalgie fast unbeschadet hinter mich gebracht, ich glaube, es geht gerade aufwärts :) werde daheim und roßwag im schnee trotzdem vermissen.. viele liebliche grüße!
Ja, Vicky, an die Fahrerei in einer engen "Tonne" kannich mich auch noch erinnern - und an den Krach, den die gemacht haben! Und dann gabs da noch eine große liegende, sich drehende Tonne, die war innen mit sisal-Fußabtreter-Material ausgeschlagen, durch die mußte man durchlaufen, was bei der Drehbewegung natürlich nicht gelingen konnte - also machte man dann Bekianntschaft mit dem kratzigen Sisal. Und das Teufelsrad gab es auch noch - eine riesige, sich drehende Scheibe, auf die man sich stellen und möglichst lange halten mußte, der Fliehkraft trotzend. Im Kreismittelpunkt hatte man noch die besten Karten, aber es zog einen unweigerlich immer mehr an den Rand unf von dort flog man dann ziemlich schnell ganz runter. Rummelplatzvergnügungen!!
Tausend Grüße an Dich und Indien, Caddi
und diejenigen, die sich recht lange auf der rotierenden Scheibe halten konnten wurden dann mit einem riesigen Sack, der wie ein Pendel über die scheibe schwang, heruntergegholt.
Freu mich schon sehr! Auf unser Wiedersehen und unseren Abenteuertrip mit Kamelen und Elefanten, Palästen aus 1001 Nacht etc
Kommentar veröffentlichen