Dienstag, 17. August 2010

Tibetan Refugee Camp - Majnukatila



Letzte Woche sind mal wieder ein paar Vorlesungen ausgefallen, so dass wir eine lange Mittagspause hatten. Deswegen fuhren wir in ein nahegelegenes Tibetan Refugee Camp – ein Viertel, in dem tibetanische Vertriebene leben. Sie haben dort einen eigenen buddhistischen Tempel, es flattern Gebetsfahnen im Wind und an allen Ecken gibt es Stände mit tibetanischen Klamotten, mit Schmuck, tibetanischem Bier und natürlich klischeebuddhistischem Touristenramsch. Und: Momos! Das sind gedünstete oder frittierte Teigtaschen, gefüllt mit Gemüse oder Fleisch, die man trocken oder in einer Suppe oder mit Chillisauce essen kann.. so lecker :)


Mittwoch, 11. August 2010

Monsuuuun


Heute hat es unfassbar geschüttet.. und zum ersten Mal auch langanhaltend, mindestens zwei Stunden lang. Als ich aus der Bücherei kam (im oberen Foto, davor der "Fakultätsparkplatz".. Abhishek, der mit dem Auto kommt, muss manchmal bis zum Ende der letzten Stunde bleiben, auch wenn wir früher aus haben, weil einfach alle kreuz und quer parken und er nicht früher wegfahren kann), sah ich mich vor die Entscheidung gestellt: heimlaufen oder heimschwimmen? :)

Das Herumwaten in den Wassermassen hat eigentlich ziemlich Spaß gemacht.. ab und zu schwappten regelrechte Flutwellen auf den harmlosen Fußgänger zu, wenn ein Bus oder ein sonstiges Vehikel mit erhöhter Geschwindigkeit durch die Wassermassen walzte. Mofas cruisten wie Jets durch die braune Brühe.. ich fands lustig. Allerdings nur so lange, bis mir klar wurde, dass sich das ganze Regenwasser vermutlich auch mit dem Inhalt der Kanalisation vermischt.. brr!

Lal Qila


Zusammen mit Laura, einer Freundin Amélies, die für ein paar Tage bei uns residiert, bevor sie sich für ein Jahr nach Hyderabad aufmacht, besuchten wir am Samstag bei unfassbarer Hitze und prallem Sonnenschein das Rote Fort, Lal Qila. Dabei handelt es sich um einen im Jahre 1648 von Mogulherrscher Shah Jahan fertiggestellten Festungsbau aus rotem Sandstein von unglaublichen Ausmaßen: Es ist 360 Meter breit und 1,2 Kilometer lang! Im Inneren der gewaltigen Mauern gibt es verschiedene Haremspaläste, eine Empfangshalle mit einem großen marmornen Thron.. und die Moti Masjid (Perlenmoschee), die von Shah Jahans Nachfolger Aurangzeb erbaut wurde.

(Tür der Moti Masjid)

Anar


mmmh, Granatapfelzeit :)

Pooja, hamali naukarani [unsere maid Pooja]

Zweimal die Woche kommt Pooja zu uns, um den Boden zu wischen und unsere Wäsche zu waschen. Es ist ein unfassbar unangenehmes Gefühl, wie eine weiße Made oder vielleicht eine weiße Madame auf dem Sofa zu sitzen und zu lesen, während eine Person gleichen Alters um einen herum saubermacht. Vor allem, da wir große Kommunikationsschwierigkeiten haben. Aber letzte Woche hab ich mich über 40 Minuten mit Pooja unterhalten, mit Händen, Füßen und wenigen Hindibrocken, mein „Teach Yourself Hindi“-Buch immer griffbereit.. und wir haben eigentlich schon recht viel voneinander erfahren. Sie ist um die 20 (ich glaub sie weiß es gar nicht genau.. sie kann auch die Wochentage nicht auswendig..) und hat – unfassbar! – vier Kinder!! Drei Söhne und eine Tochter.. und ich glaube, die lernen Hindi in der Schule. Ihre Eltern kommen aus Delhi und wohnen in der Nähe.. sie selbst wohnt in einem Slum eine Straße von der unseren entfernt. In ihrer Wohnung gibt es elektrisches Licht und einen Ventilator.. ihr Mann arbeitet in der Nähe des Mukherjee Nagar (das Nachbarviertel). Seine Eltern kommen aus einem Dorf, das im Bundesstaat Utthar Pradesh liegt. Eine Zugfahrt dorthin kostet mehr als 300 Rupien pro Person, weswegen sie schon seit über einem Jahr nicht mehr zu Besuch dort waren.. Ich will unbedingt mein Hindi verbessern, nur um besser mit ihr reden zu können! Sie lächelt immer so nett und plappert mich auf Hindi voll.. und ich versteh kein Wort. Heute hab ich ihr bei Google Maps die Welt und Deutschland gezeigt und Delhi.. sie war mehr als beeindruckt, ich glaub sie hat noch nie einen Laptop gesehn.

Criminal Court / Sadar Bazaar

Gestern war ein netter Tag.. erstmal ging es an der Law Faculty ordentlich voran.. seit letzter Woche habe ich eine Roll Number (plötzlich wurde mir einfach eine ausgestellt! sie klingt zwar sehr ungewöhnlich.. 515-A.. aber naja, immerhin!) und heute gelang es mir, Prof. Kaul, den Professor in Charge (auch PIC oder – von mir – kurz „Kauly“ genannt) zu erwischen und ihn zu zwingen, mir einige Authority Letters auszustellen. Kurz darauf durfte ich endlich mein Case Material im Materialbüro abholen (das war bisher trotz Roll Number wegen fehlenden Fees Deposit Slips unmöglich gewesen). Für jedes Fach bekommt man ein Buch mit den wichtigsten Fällen aus den letzten 150 Jahren, die man mehr oder weniger auswendig wissen muss.. ziemlich komisch. Aber auch nützlich, so ein Buch. Auffällig ist, dass die meisten älteren Fälle sehr britisch heißen und zum Teil auch tatsächlich aus Groß-Britannien stammen.. Ashby vs. White oder Glaucester vs. Grammar School und so. Des weiteren wird ab nächster Woche meine Attendance registriert werden – ein großer Schritt in Richtung sichere Anerkennung meiner Auslandssemester. Und irgendwie wird das ja dann doch nicht so streng sein, als dass ich nicht auch schwänzen und reisen könnte.

Nach den Vorlesungen ging ich mit Anasuya, Iti, Anshika, Sanyat und Satakshi zum Mittagessen in die Kantine des nahegelegenen Ramjas-Colleges.. werde da nie wieder essen! Sah alles dreckig-schäbig aus und das widerlichste war eine sehr dünne, räudige Katze, die keine Nase mehr hatte! Anstelle einer solchen war da nur ein fleischiges Loch in ihrem fiesen grauen Gesicht.. und mit diesem Loch schnupperte sie erst an meinem Rucksack und setzte sich dann vor mich und hat schon ihre Pfoten angehoben, als würde sie jederzeit auf den Tisch und meinen Teller springen! Beim Anblick ist mir fast der Appetit vergangen, vor allem als sie dann wirklich.. Männchen machte und sich meinem Essen näherte..uahh! Vom Ramjas-College aus spazierten wir zur Metro-Station. Am ersten Eis-Kiosk (lustige bunte Wägelchen am Straßenrand) kauften wir uns alle ein Eis am Stil. Schleckend und tropfend gingen wir weiter.. wir schleckten gerade die letzten Reste auf, als wir am nächsten Wägelchen angelangten. Ich glaube die sind strategisch klug positioniert, so dass man zwischen zwei Eiswagen genau ein Eis lutschen kann. Sanyat kaufte sich gleich das nächste und rechtfertigte sich mit irgendeinem „law of diminuishing returns“ von wegen.. je gesättigter der Markt ist, desto besser muss die Qualität sein, um den Kunden noch zu locken und da der erste Kisok Kwality-Eis anbot, der zweite aber das um Welten bessere Mother Dairy-Eis, ist in seinem Fall die Rechnung aufgegangen.. im Übrigen kaufte er sich dann am dritten Stand einige hundert Meter weiter noch eine dritte Portion Mango-Bar.

Eigentlich hatte ich gedacht, es stünde ein Nachmittag voller Langeweile bevor.. keine besonderen Pläne. Stattdessen fuhren Sanyat und ich mit einer bisher noch nicht erprobten Metro-Linie erst in den Nordwesten Delhis, als es dort nichts interessantes zu sehen gab, tingelten wir mit derselben Linie in den Nordosten. Zunächst spazierten wir ein bisschen um eines der Criminal Courts Delhis herum. Ich war sehr erstaunt, die Arbeitsbedingungen der dortigen Lawyers zu sehen! In kleinen hüttenartigen Büros, ausgestattet mit einem rostigen Standventilator und einer aus massivem Stahl bestehenden Schreibmaschine aus Urgroßvaters Zeiten kämpfen die Anwälte wie jeder übliche Dienstleistende, sei es ein Riksha-Wallah oder ein Obstverkäufer, schreiend um Kundschaft. Unfassbar! Ein bärtiger Alter rief Sanyat auf Hindi hinterher: „Sohn, was suchst du, brauchst du Hilfe in Heiratsangelegenheiten..!?“ Als ob! :D Sanyat erklärte mir, dass das Anwälte mit weniger guten bis mittelmäßigen Abschlüssen sind, die, statt in einer Law Firm unterzukommen, direkt in die Selbstständigkeit starten.. und in solchen Hütten dann eben auch mal für 30 Jahre verbleiben. Unglaublich. Die Arbeitsatmosphäre, falls man es so bezeichnen möchte, war aber sehr cool! Schattige, überdachte Veranden, wo Leute zusammensaßen und Unmengen an Chai konsumierten.. Anwälte, die sich gegenseitig in ihren Kabuffs besuchen wie altbekannte Nachbarn.. und ganz in der Nähe quäkten ein paar drollige Affen..

Nach dieser ungewöhnlichen Einführung in die juristische Realität Indiens kam uns die Idee, einen nahegelegenen großen Wholesale-Bazaar zu besuchen, um einen pressure cooker zu erstehen. Der Sadar Bazaar ist der älteste Wholesale-Markt Delhis. Genau wie in Old Delhi sind die Leute sehr einfach.. es sind hart körperlich arbeitende Kulis. Männer, die schweißüberströmt Handkarren mit zwei Meter hoch aufgetürmten Waren aller Art durch eine schlaglochübersäte navigieren – und dabei eigentlich die meiste Zeit zwischen allen möglichen anderen Fahrzeugen eingekeilt sind: von gewaltigen weißen Ochsen gezogene Wagen, Fahrradrikshas, Lastwagen, Kleintransporter, todesmutige Sikhs in flatterndem Gewand und mit leuchtendem Turban, die auf ihren knatternden Enfield-Motorrädern wie die Hell’s Angels Indiens durch das Chaos kurven.. dazwischen Massen an Fußgängern, Hunden und natürlich Kühen.. ich wurde wie so oft sehr neugierig beäugt aber Sanyat meinte, selbst er sei in diesem Teil Delhis ein Außenseiter. Wobei er natürlich etwas weniger auffällig war als ich. Die Menschen, die im Sadar Bazaar arbeiten, sehen sehr beeindruckend aus. Während unserer Rückreise zur Metrostation, die wir in einer im Stau steckenden Riksha verbrachten, hatte ich genügend Zeit, die schwitzenden Arbeiter zu beobachten. Viele haben eine bemerkenswert braungebrannte, runzelige Haut, auf der sich weiße Bartstoppeln abheben.. vermutlich sind sie wegen der harten Arbeit viel schneller gealtert und noch gar nicht so alt, wie sie aussehen. Irgendwie war das so ..bewundernswert.. diese Leute bei der Arbeit zu beobachten. Alles scheint so auswegslos und chaotisch, wie das niemals endende Wuseln in einem Ameisenhaufen.. keiner hat einen Überblick über dieses Treiben.. und es muss so unfassbar anstrengend sein, diese Warenmassen in der prallen Sonne durch diese sich rücksichtslos vorwärtsdrängenden Menschenströme zu bewegen.. und damit verdienen die Leute jahrzehntelang ihr Auskommen.. und noch drastischer erschien das alles, weil es wirklich in direkter Nachbarschaft zu einer der nobelsten residencial areas, den Civil Lines, liegt.. verlässt man das Bazaar-Gebiet, findet man sich unter sanft wedelnden Palmen und zwischen ruhig daliegenden weißen Häuserblocks wieder, die durch undurchdringbare Eisentore von der Straße und vor neugierigen Blicken abgeschirmt sind.

ISKCON Temple Delhi


Am Freitagnachmittag rasten Amélie und ich stundenlang in einer Riksha durch Central Delhi, weil wir uns den abseits jeglicher Metro-Stations gelegenen Hare Krishna Tempel anschauen wollten. Der von der internationalen ISKON-Gesellschaft (International Society for Krishna Consciousness) unterhaltene Bau beeindruckte durch seine Lage auf einem kleinen Hügel.. im Inneren erschreckten Gemälde, die auf merkwürdig römisch-katholisch-anmutende Weise Szenen aus Krishnas Leben darstellten. Das hier präsentierte Beispiel lässt mich an einen kleinen Michael Jackson denken.. dem weißen Gott laufen unterwürfig indischgebräunte Normalsterbliche hinterher.. genau wie in Bollywood-Movies und auf jedem Werbeplakat wird dadurch die indische Präferenz für hellere Hauttypen deutlich..