Mittwoch, 11. August 2010

Criminal Court / Sadar Bazaar

Gestern war ein netter Tag.. erstmal ging es an der Law Faculty ordentlich voran.. seit letzter Woche habe ich eine Roll Number (plötzlich wurde mir einfach eine ausgestellt! sie klingt zwar sehr ungewöhnlich.. 515-A.. aber naja, immerhin!) und heute gelang es mir, Prof. Kaul, den Professor in Charge (auch PIC oder – von mir – kurz „Kauly“ genannt) zu erwischen und ihn zu zwingen, mir einige Authority Letters auszustellen. Kurz darauf durfte ich endlich mein Case Material im Materialbüro abholen (das war bisher trotz Roll Number wegen fehlenden Fees Deposit Slips unmöglich gewesen). Für jedes Fach bekommt man ein Buch mit den wichtigsten Fällen aus den letzten 150 Jahren, die man mehr oder weniger auswendig wissen muss.. ziemlich komisch. Aber auch nützlich, so ein Buch. Auffällig ist, dass die meisten älteren Fälle sehr britisch heißen und zum Teil auch tatsächlich aus Groß-Britannien stammen.. Ashby vs. White oder Glaucester vs. Grammar School und so. Des weiteren wird ab nächster Woche meine Attendance registriert werden – ein großer Schritt in Richtung sichere Anerkennung meiner Auslandssemester. Und irgendwie wird das ja dann doch nicht so streng sein, als dass ich nicht auch schwänzen und reisen könnte.

Nach den Vorlesungen ging ich mit Anasuya, Iti, Anshika, Sanyat und Satakshi zum Mittagessen in die Kantine des nahegelegenen Ramjas-Colleges.. werde da nie wieder essen! Sah alles dreckig-schäbig aus und das widerlichste war eine sehr dünne, räudige Katze, die keine Nase mehr hatte! Anstelle einer solchen war da nur ein fleischiges Loch in ihrem fiesen grauen Gesicht.. und mit diesem Loch schnupperte sie erst an meinem Rucksack und setzte sich dann vor mich und hat schon ihre Pfoten angehoben, als würde sie jederzeit auf den Tisch und meinen Teller springen! Beim Anblick ist mir fast der Appetit vergangen, vor allem als sie dann wirklich.. Männchen machte und sich meinem Essen näherte..uahh! Vom Ramjas-College aus spazierten wir zur Metro-Station. Am ersten Eis-Kiosk (lustige bunte Wägelchen am Straßenrand) kauften wir uns alle ein Eis am Stil. Schleckend und tropfend gingen wir weiter.. wir schleckten gerade die letzten Reste auf, als wir am nächsten Wägelchen angelangten. Ich glaube die sind strategisch klug positioniert, so dass man zwischen zwei Eiswagen genau ein Eis lutschen kann. Sanyat kaufte sich gleich das nächste und rechtfertigte sich mit irgendeinem „law of diminuishing returns“ von wegen.. je gesättigter der Markt ist, desto besser muss die Qualität sein, um den Kunden noch zu locken und da der erste Kisok Kwality-Eis anbot, der zweite aber das um Welten bessere Mother Dairy-Eis, ist in seinem Fall die Rechnung aufgegangen.. im Übrigen kaufte er sich dann am dritten Stand einige hundert Meter weiter noch eine dritte Portion Mango-Bar.

Eigentlich hatte ich gedacht, es stünde ein Nachmittag voller Langeweile bevor.. keine besonderen Pläne. Stattdessen fuhren Sanyat und ich mit einer bisher noch nicht erprobten Metro-Linie erst in den Nordwesten Delhis, als es dort nichts interessantes zu sehen gab, tingelten wir mit derselben Linie in den Nordosten. Zunächst spazierten wir ein bisschen um eines der Criminal Courts Delhis herum. Ich war sehr erstaunt, die Arbeitsbedingungen der dortigen Lawyers zu sehen! In kleinen hüttenartigen Büros, ausgestattet mit einem rostigen Standventilator und einer aus massivem Stahl bestehenden Schreibmaschine aus Urgroßvaters Zeiten kämpfen die Anwälte wie jeder übliche Dienstleistende, sei es ein Riksha-Wallah oder ein Obstverkäufer, schreiend um Kundschaft. Unfassbar! Ein bärtiger Alter rief Sanyat auf Hindi hinterher: „Sohn, was suchst du, brauchst du Hilfe in Heiratsangelegenheiten..!?“ Als ob! :D Sanyat erklärte mir, dass das Anwälte mit weniger guten bis mittelmäßigen Abschlüssen sind, die, statt in einer Law Firm unterzukommen, direkt in die Selbstständigkeit starten.. und in solchen Hütten dann eben auch mal für 30 Jahre verbleiben. Unglaublich. Die Arbeitsatmosphäre, falls man es so bezeichnen möchte, war aber sehr cool! Schattige, überdachte Veranden, wo Leute zusammensaßen und Unmengen an Chai konsumierten.. Anwälte, die sich gegenseitig in ihren Kabuffs besuchen wie altbekannte Nachbarn.. und ganz in der Nähe quäkten ein paar drollige Affen..

Nach dieser ungewöhnlichen Einführung in die juristische Realität Indiens kam uns die Idee, einen nahegelegenen großen Wholesale-Bazaar zu besuchen, um einen pressure cooker zu erstehen. Der Sadar Bazaar ist der älteste Wholesale-Markt Delhis. Genau wie in Old Delhi sind die Leute sehr einfach.. es sind hart körperlich arbeitende Kulis. Männer, die schweißüberströmt Handkarren mit zwei Meter hoch aufgetürmten Waren aller Art durch eine schlaglochübersäte navigieren – und dabei eigentlich die meiste Zeit zwischen allen möglichen anderen Fahrzeugen eingekeilt sind: von gewaltigen weißen Ochsen gezogene Wagen, Fahrradrikshas, Lastwagen, Kleintransporter, todesmutige Sikhs in flatterndem Gewand und mit leuchtendem Turban, die auf ihren knatternden Enfield-Motorrädern wie die Hell’s Angels Indiens durch das Chaos kurven.. dazwischen Massen an Fußgängern, Hunden und natürlich Kühen.. ich wurde wie so oft sehr neugierig beäugt aber Sanyat meinte, selbst er sei in diesem Teil Delhis ein Außenseiter. Wobei er natürlich etwas weniger auffällig war als ich. Die Menschen, die im Sadar Bazaar arbeiten, sehen sehr beeindruckend aus. Während unserer Rückreise zur Metrostation, die wir in einer im Stau steckenden Riksha verbrachten, hatte ich genügend Zeit, die schwitzenden Arbeiter zu beobachten. Viele haben eine bemerkenswert braungebrannte, runzelige Haut, auf der sich weiße Bartstoppeln abheben.. vermutlich sind sie wegen der harten Arbeit viel schneller gealtert und noch gar nicht so alt, wie sie aussehen. Irgendwie war das so ..bewundernswert.. diese Leute bei der Arbeit zu beobachten. Alles scheint so auswegslos und chaotisch, wie das niemals endende Wuseln in einem Ameisenhaufen.. keiner hat einen Überblick über dieses Treiben.. und es muss so unfassbar anstrengend sein, diese Warenmassen in der prallen Sonne durch diese sich rücksichtslos vorwärtsdrängenden Menschenströme zu bewegen.. und damit verdienen die Leute jahrzehntelang ihr Auskommen.. und noch drastischer erschien das alles, weil es wirklich in direkter Nachbarschaft zu einer der nobelsten residencial areas, den Civil Lines, liegt.. verlässt man das Bazaar-Gebiet, findet man sich unter sanft wedelnden Palmen und zwischen ruhig daliegenden weißen Häuserblocks wieder, die durch undurchdringbare Eisentore von der Straße und vor neugierigen Blicken abgeschirmt sind.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Tja. Vicky, da bist Du ja wieder so richtig in dem Indien angelangt, das wir schon ein wenig von Deinem ersten Aufenthalt kennen: Der krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich. Sicher werden wir hierzu noch mehr von Dir hören und sehen. Bin gespannt, was Du dann über Zivil- oder Sozialrecht zu berichten weißt (oder welches Recht da in Indien auch immer angewandt wird). Herzlichst Caddi

die Mama hat gesagt…

Richtige Wimmelbilder. Kreative Verlegung der Stromleitungen.

Doro hat gesagt…

Meinen besten Dank für Deinen Blog. Dass Du dies alles erlebst - Gewusel der Menschen, unfassbare Armut und immenser Reichtum direkt beieinander - was wir Altvorderen hier höchstens aus Büchern kennen ... das beeindruckt mich erneut sehr tief. Zumal Du ja wirklich dort "lebst" (nun ja, auf Zeit hoffentlich) und nicht nur wie ein gaffender Touri sozusagen in einem Mega-Zoo rumläufst! Übrigens: wenn Du einmal Richterin in Deutschland werden solltest, wirst Du Dir vielleicht wünschen, dass deutsche Rechtsanwälte auch lediglich mit einer mechanischen Schreibmaschine ausgerüstet wären. Dann müssten sie sich Ihre Schriftsätze wirklich reiflich überlegen und nicht einfach irgendwelche Gesetzestexte downloaden, in denen sie einen oder zwei Sätze zum aktuellen Fall verstecken. Dies hat sich berichtetermaßen zu einem Riesenübel für unsere Richter entwickelt, weil die sich den ganzen Müll immer durchlesen müssen bis sie irgendwann auf den Punkt kommen können. Na ja ...
Mach's gut!!