Nach dem Büchereiaufenthalt fuhren Sanyat und ich nach Old Delhi, das nördlich an den Connaught Place anschließt. Wir erkundeten die Gegend rund um die Metro-Station Chandni Chowk, den Mondscheinplatz. Nach wenigen hundert Metern kamen wir an einer großen Gurdwara (Tor zum Guru), dem Tempel der Sikhs, vorbei. Touristenvicky (nix mehr mit Schinkenchips, obwohl eine gewisse Piratigkeit anhält..) wollte dieser selbstverständlich einen Besuch abstatten. Zunächst mussten wir dafür ein weißes Taschentuch erstehen, denn der Kopf muss für den Besuch einer solchen Stätte bedeckt sein. Weil es unter den jungen Indern, die ich bisher getroffen habe, die Angewohnheit gibt, sich gegenseitig immer abwechselnd einzuladen („ok, I’ll treat you a coke“), meinte ich „ok, let me treat you a handkerchief now..“ und schon waren wir beide piratenmäßig mit Kopftüchern ausgestattet. Wir betraten das Gebäude, nachdem wir unsere Schuhe abgestellt und unsere Füße und Hände gewaschen hatten – der Eingang wurde von einem mit einer Lanze und einem Säbel bewaffneten, turbantragenden alten Mann bewacht. Innen ließen wir uns auf den dicken Perserteppichen nieder und lauschten der Musik und dem Gesang.. glücklicherweise war alles so laut, dass wir uns auch unterhalten konnten. Wir liefen auch ein wenig durch den verwinkelten, großen Komplex und verweilten eine Zeit lang auf einem Balkon, der eine gute Aussicht auf das wimmelnde Treiben in den Straßen bot. Dort sprach mich ein Junge (siehe Bild) an, woher ich komme.. Sanyat unterhielt sich eine Weile auf Hindi mit ihm.. er kommt aus Kalkutta, hat seine Schule nach der 7. Klasse abgebrochen, weil er aus der Schule geflogen ist.. nachdem er seinen Lehrer verprügelt hatte, der ihn wegen Zuspätkommens nicht an einer Prüfung teilnehmen lassen wollte (das hat er mehrmals stolz erzählt). Er hat uns sogar die Spuren der Strafschläge gezeigt.. mittlerweile kocht er abends Essen in einem kleinen Lokal in Delhi.. er fragte, ob ich Sikh sei.. und ob Sanyat mein guide sei.. und meinte, wenn ich ein bisschen schwärzer im Gesicht wäre, könnte ich Inderin sein :) für solche lustigen kleinen Gespräche würde ich gerne Hindi lernen.. es ist interessant zu wissen, was die Leute so treiben. Sanyat entpuppte sich auch tatsächlich als sehr motivierter guide.. er muss meine Fragen über den indischen Alltag ja sowieso ertragen, aber für diese Gurdwara-Tour hat er sich sehr ins Zeug gelegt und einen Kumpel angerufen, der Sikh ist, um alle Fragen beantworten zu können. Jetzt weiß ich ein bisschen besser bescheid.. der Sikhismus ist eine sehr junge Religion (gegründet um 1500) und monotheistisch. Hervorgehoben wird die Wichtigkeit einer Verinnerlichung spiritueller Weisheit, die auch im täglichen Leben gelebt werden soll. Daneben soll jeder Form von Egoismus entgegengewirkt werden – was sich beispielsweise darin widerspiegelt, dass man, anders als im Hindutempel, nicht für alles zahlen muss, sogar für die Aufgabe der staubigen Sandalen am Tempeleingang. Auch wird jeden Sonntag in den Gurdwaras Essen kostenlos an jeden verteilt, der es haben möchte.. das widerspricht ganz offensichtlich dem hinduistischen Prinzip, niemals in Gegenwart Angehöriger niedrigerer Kasten zu essen und auch keine von diesen Leuten zubereiteten Speisen anzunehmen. Nach Auffassung der Gurus des Sikhismus führt allein Egoismus zu Unfriede und sozialen Problemen, wird er überwunden, führt das zu Sicherheit und Zufriedenheit. Ein ziemlich einleuchtendes Prinzip, das die Sikhs scheinbar mehr leben als beispielsweise die Christen.. die Sikhfamilie, die unter uns wohnt, hat heute beispielsweise ihren Sohn losgeschickt, mir Briefmarken zu kaufen.. einfach so, nur weil ich mich einige Zeit zuvor nach einem Post Office erkundigt hatte. Und scheinbar macht sich die Befolgung dieser Regeln bezahlt, die Sikhs sind eine überdurchschnittlich erfolgreiche, gebildete, reiche Bevölkerungsgruppe. Allein 20 % aller Offiziere der indischen Armee sind Skihs, obwohl diese nur 2 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Ziemlich herausragend ist auch das Erscheinungsbild der Skihs, das durch das Tragen der fünf Kakars ausgemacht wird: kes (ungeschnittenes Haar, welches – das weiß man sogar in Deutschland, insb. als Jurastudent, gabs da nicht so einen Motorradhelm-BVerfG-Fall..? – unter dem Turban versteckt wird und laut Wikipedia eine Respektbekundung an die Natur darstellen soll), kangha (Kamm), kirpa (ein kleiner Dolch.. zu sehen auf dem Foto bei dem Mann, der sich gerade zum Wasser herabbeugt), kadha (Silberarmreif zur Abwehr von Schwerthieben) und kachera (lustige Kniebundunterhosen). War ziemlich krass, diese ganzen altertümlich bewaffneten Bartträger herumlaufen zu sehen.. irgendwie.. ehrwürdig. Im Alltagsleben sieht man das weniger.. aber der stets getragene Turban ist auch ein auffälliges Erkennungszeichen. Was übrigens die Helmpflicht anbelangt, so genügt es in Indien, wenn der Sikh einen Plastiksichtschutz mithilfe eines Gummibands vor seinen Turban spannt :)
Nachdem wir die Gurdwara verlassen hatten, wanderten wir ein bisschen durch die engen Gassen Old Delhis, mit indischer Begleitung gleich sehr viel entspannter als das letzte Mal. Als wir dann zurück zur Metro Station liefen, ging sogar gerade der Vollmond über dem Mondscheinplatz auf.. voll toll.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen