Freitag, 16. Juli 2010

heut sieht die Welt schon wieder besser aus..

Irgendwie wusste ich ja auch gestern schon, dass meine Verzweiflung zu einem beachtlichen Teil meiner Übermüdung geschuldet war.. heute war ein sehr viel besserer Tag (auch wenn auch er mich zwischenzeitlich wahnsinnig gemacht hat) und ich fühl mich gerade, als könnte ich jedenfalls nicht mehr in ein solches Loch wie gestern fallen.
Gestern Abend war ich mit Amélie und ihren zwei französischen Freunden, die auch in Le Havre und nun in Delhi studieren, zu Abend essen. Sie heißen Gautier und Dilan und als ich sie eine Weile erlebt hatte, fühlte ich mich ganz stark an unsre colonial stories aus dem Englischunterricht erinnert.. also.. wo dekadent-fette Engländer mit tropischer Hitze und fremder Kultur nicht klarkommen und dann nur über die ungebildeten Wilden schimpfen. Obwohl die beiden schon seit zwei Wochen hier sind, scheinen sie sich immer noch nicht zurechtzufinden und sind total genervt.. vor allem der eine hat über alles gemeckert.. dass der Kellner ewig braucht, dass der Kaffee aussieht wie Milch, dass unser Makler nix kann, dass die Musik im Restaurant schrecklich sei (ja gut, es lief Ricky Martin..). Direkt beschwer hat er sich nicht, aber überheblich die Augen verdreht, weil seine Bestellung missverstanden wurde und so weiter.. war ein unangenehmes Gefühl und ich hatte echt keine Lust, mehr mit denen abzuhängen.. naja jedenfalls hab ich mir nach dieser Begegnung gesagt, dass ich so nicht enden will und hab mich ein bisschen zusammengerissen. Zum Glück ist meine Mitbewohnerin Amélie nicht so, sondern hat eine positive Einstellung.. sonst würd ich hier durchdrehen..
Heute haben wir grandioses Bananen-Mango-Sweetlime-Müsli auf unserem Balkon gefrühstückt und danach hab ich mich an das schwierige Unterfangen gewagt, mich beim Foreign Students Registry Office vorzustellen.. zunächst stellte es ein Problem dar, dass ich alleine das Haus verlassen wollte, da wir nach wie vor keine Schlüssel haben. Mein Zimmer hat einen direkten Zugang zum Treppenhaus, für den ich auch Schlüssel habe und den ich deswegen nutzen sollte. Jedoch war dieser von außen verriegelt und ich kurzzeitig im Haus eingeschlossen (Amélie war schon gegangen und hatte die Wohnungstür abgeschlossen), bis ich mich durch ein Fenster befreien konnte :) im Registry Office war es interessant.. ein paar buddhistische Mönche in typisch orangroten Kutten standen in der Schlange vor mir.. außerdem zwei Mädchen aus dem Senegal, eine Philippinierin, eine Chinesin.. Multikultigefühl! allerdings bin ich fast durchgedreht wegen der typisch indischen Bürokratiemanier.. ich sollte mich erstmal hinsetzen, während ein die Verwaltungsangestellte in verwelkten Blätterstapeln auf ihrem Tisch herumwühlte und anhand der Personalien Leute aufrief.. da ich jedoch noch nie dagewesen war, würde man von mir sicher niemals Notiz nehmen, es gab keinen verwelkten Zettel mit meinem Namen. Nach einer Weile erdreistete ich mich und drängelte zum Tisch vor.. und erfuhr, dass ich den Admission Letter der Uni Delhi vorlegen müsse. Deswegen musste ich also nochmal heimfahren. Bei meiner nächsten Fahrt teilte ich meinte Riksha (übrigens gibt es hier, anders als in Mumbai, Fahrradrikshas! die armen Fahrer tun mir immer total leid, die schwitzen bei 40° und bis zu vier Passagieren sowie teilweise sandigem Untergrund ziemlich unfassbar) mit einer Studentin, die ich ein bisschen über die Gepflogenheiten hier ausfragte.. sie wohnt seit 4 Jahren in Delhi in einem paying guest home for girls. Ein paying guest home ist ein Zimmer, das von einer Familie untervermietet wird. Befinden sich mehrere vermietete Zimmer in einem Haus oder gar in einer quasi-WG, muss man streng zwischen „for girls“ und „for boys“ unterscheiden, gemischtgeschlechtliches Wohnen unter einem Dach ist ohne Heirat nicht möglich. Das Mädchen meinte, die meisten Studenten leben in paying guest homes, WGs scheinen nicht so verbreitet zu sein. Sie sah übrigens weniger so aus, wie man sich eine typische Inderin klischeehaft vorstellt, sondern entsprach eher unserem Bild einer Chinesin.. solche sehr nordasiatisch aussehenden Typen sieht man hier überall (in Mumbai ist mir das nicht aufgefallen), die kommen aus den nordöstlichen Bundesstaaten wie z.B. Manipur. Von dort stammte auch meine Mitreisende, sie fährt nur zweimal im Jahr nach Hause!
Der zweite Besuch im Foreign Students Registry Office verlief wie der erste.. ich saß in einer Ecke, ohne dass Notiz von mir genommen wurde. Drängelversuche scheiterten an der blindtauben Ignoranz der Bearbeiterin (man wollte mich nicht drannehmen, wobei mir eine Bearbeitungsreihenfolge oder sonst irgendeine Logik aber nicht aufgefallen ist). Nach zwei Stunden wurde dann ein kritischer Blick auf meinen Admission Letter geworfen.. erst dachte ich, der sei vielleicht gar nichts wert. Dann wurde mir zum Glück gesagt, dass ich als Teilnehmer an einem Exchange Programme hier gar nichts verloren habe, sondern mich direkt an den Dean for International Relations wenden solle. Also wanderte ich weiter.. Das Conference Center, in dem der Dean sitzt, erstaunte mich.. im Gegensatz zu den Unigebäuden, die ich bisher gesehen hatte (netter 50er-Jahre-Stil mit holzvertäfelten Wänden, Schwarz-Weiß-Fotos von ernst dreinblickenden behornbrillten Würdenträgern überall), war es top-modern, eine Riesenhalle.. ich kam sofort dran, saß nicht in einem stickigen Kämmerchen, sondern plauderte mit der Sekretärin in einem klimatisierten Hochglanzbüro.. meine Studienbescheinigung (die brauche ich dringend für die innerhalb von zwei Wochen fällige Anmeldung beim Foreign Residents Registration Office, juhu noch mehr Formalien!) darf ich morgen abholen, ich bekam einen Hinweis, wo ich alles weitere organisieren sollte und durfte sogar alle Fragen stellen, die mir noch so kamen. Zum Glück hab ich geistesgegenwärtig nach einem Plan des Campus-Geländes gefragt.. bisher musste ich den Weg von einer Fakultät zur anderen nämlich notgedrungen per Riksha zurücklegen, weil ich absolut verwirrt war.
Meinen nächsten Stopp legte ich an der juristischen Fakultät ein. Bisherige Wahrnehmung: es gibt in Indien keinen Juristendresscode. Zumindest ist er mir bisher noch nicht aufgefallen, aber vielleicht benötigt es dafür ein subtileres Gespür für die hiesige Kleidermode. Ich bleibe wachsam :) Ich besuchte den Dean of Law, Prof. Dr. Gurdip Singh. Wie der Name schon vermuten lässt, ist er Sikh und ich hatte bei meiner Unterhaltung mit ihm erstmals die Gelegenheit, diese Bart-in-den-Turban-Wickeltechnik aus nächster Nähe zu betrachten! Übrigens gibt es hier in Delhi sehr viele Sikhs, in unserem Haus wohnen außer uns fast ausschließlich Sikh-Familien.. das liegt daran, dass diese Religion hauptsächlich im Delhi umschließenden Bundesstaat Punjab verbreitet ist und Delhi mehr oder weniger die Hauptstadt des Punjab darstellt (nicht offiziell.. aber faktisch bestimmt.. also wirtschaftlich gesehen.. vielleicht). Prof. Singh war sehr nett, jedoch verwirrt und ich glaube von meiner Ankunft hat bis heute niemand etwas geahnt. Er war ziemlich froh, als ich meinte, ich hätte überhaupt keine Ahnung und mich daraufhin mit einer Hochglanzbroschüre mit Vorlesungsverzeichnis zufriedenstellen konnte :) Ab nächstem Mittwoch studiere ich nun im Campus Law Center als IIIrd-Term-LL.B.-Student! Von den Law Centers gibt es drei: das Campus Law Center (die Kurse finden vormittags statt), das Law Center I (Nachmittagskurse) und das Law Center II (Vorlesungen finden statt auf dem Nord- auf dem Südcampus statt). Grund für diese Unterteilung ist die große Anzahl an Studenten. Am Montag hab ich für meine Kurswahl und Vergabe einer Roll Number (oha) ein appointment mit einem gewissen Prof. Kaul, absolut verrückter Mensch, der mich mit „hi“ und Handschlag begrüßte. Nach einigen Minuten, in denen mindestens fünf Männer in Prof. Singhs Büro gerufen und bzgl. der Angelegenheit Austauschstudent Victoria Otto konsultiert wurden, wurde uns Chai serviert. Dann plötzlich erinnerte jemand Prof. Singh an ein Meeting.. und alle verschwanden, bis auf einen Professor, der sich sehr nett mit mir unterhielt, während er im Sofa saß und ich am Riesenschreibtisch des Deans. Der servant brachte dann noch ein Tässchen Chai, wir ließen uns nicht beirren – lustige Situation. Der Prof wollte wissen, ob es in Deutschland ein welfare system gibt und war erstaunt darüber, dass wir dort Deutsch reden und nicht einmal die Vorlesungen auf Englisch gehalten werden. Außerdem müsse ich unbedingt in den Himalaya reisen und ich solle mich nicht unwohl fühlen, man treffe immer auch nette Menschen, die einem weiterhelfen. Hat Spaß gemacht, sich bei einer netten Unterhaltung in dem klimatisierten Büro zu entspannen. Nun bin ich erschöpft.. fünf Stunden Herumgefahre und –gelaufe und –gewarte.. aber immerhin wird man als Exchange-Student echt sehr bevorzugt behandelt, die free mover, die im Foreign Students Registry Office stundenlang ignoriert werden, müssen mindestens viermal dort antanzen, bis alles geregelt ist (das weiß ich von meiner koreanischen Mitbewohnerin Helen).
Und heute Abend schlag ich den Franzosen vor, mal in die Innenstadt (bzw.. noch weiter innen liegende Innenstadt) zu fahren und was zu erleben.. bzw wenigstens fürs Dinner :) ich muss diesen Leuten beistehen und ihnen ihre schlechte Laune austreiben!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hallo Vicky! Cool! Der Anfang wäre geschafft! Gratulation und: wir sind stolz auf Dich, echt!
Gruss DE
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