Am Mittwoch hatte ich meinen ersten Tag an der Uni. Die Einführungsveranstaltung für die freshers sollte um 10 Uhr beginnen. Überpünktlich fand ich mich an der Fakultät ein.. nur um alle Sitzplätze im Auditorium bereits belegt vorzufinden. Wenigstens war der Hörsaal in Schuss gebracht worden.. zwei Tage zuvor hatte ich zufällig einen Blick reingeworfen und war schockiert gewesen beim Anblick verdreckter Stühle, zerbrochener Fensterscheiben, versiffter Wände. Das hatte man alles ganz nett hindrapiert.. mit roten Teppichen all over und die Wände waren verhängt mit weißen Tüchern. Ich stellte mich ganz hinten hinter die Sitzreihen, wo schon an die 40 Leute an den Wänden lehnten (insgesamt müssen wir 200-300 Leute gewesen sein). Irgendwann ging es dann los.. ein paar Professoren und der Dean kamen rein und setzten sich an einen langen Tisch auf einer Bühne, der Dean mit leuchtend rotem Turban in der Mitte – ein lustiger Anblick. Als dann die erste Ankündigung gemacht wurde, kam das ungute Erwachen: Das Mikrophon war so crappy, dass man wirklich kaum was verstand. Erst wurde versucht, das zu ändern.. aber als die Versuche erfolglos blieben, schwangen die ehrenwerten Herren eine Rede nach der nächsten. Es war so schrecklich langweilig.. die Jungs neben mir, ungefähr die größten Chaoten im Saal, lachten die ganze Zeit, klatschten wenn besonders unschöne Geräusche aus den Lautsprechern drangen oder für die Zeitdauer von 5 Sekunden doch mal ein Halbsatz verständlich an unser Ohr drang.. dabei vergewisserten sie sich natürlich ab und zu, ob ich sie auch beachtete.. voll.. pubertär. Musste dann aber grinsen und irgendwann kamen wir ins Gespräch, da die Reden ja erstens unverständlich und wohl auch langweilig waren. Nach einer Weile war dann der Dean an der Reihe.. er redete von unermesslicher guilt, dass wir erstens stehen müssten und zweitens nichts hören konnten, deswegen mussten wir nach ganz vorne und uns auf den Teppich vor den Professoren setzen.. naja immerhin konnte ich verstehen, was geredet wurde. Jeder, der das Mirkophon ergriff, redete davon, wie sehr er die Fakultät liebt, dass sie die beste des Landes sei, eines Tages gar die beste der Welt sein wird. Ich erfuhr (ich weiß nicht, ob es stimmt), dass 80% der Richter an den High Courts (den obersten Gerichten in jedem Bundesstaat) Absolventen der Delhi University seien.. dass sie aber leider kein Geld zur Unterstützung senden, sondern stattdessen nur die National Law Schools unterstützen.. dass wir deswegen unter der sehr schlechten Ausstattung und Infrastruktur leiden müssen, denn die Uni erhält keinerlei Gelder vom Staat, sie finanziert sich lediglich über die Studiengebühren (etwa 3500 Rupees pro Semester..also.. 60 Euro). Trotzdem.. die beste Fakultät, die motiviertesten Studenten.. dann wurde ein wenig mehr Inhaltliches erklärt, z.B. dass es sehr viele Moot Courts und Seminare gibt. Aber so richtig gelernt hab ich nichts. Die Stundenpläne waren auch noch nicht fertig. Deswegen begab ich mich, nachdem die Veranstaltung beendet war, zusammen mit meinen neuen Bekanntschaften zum nahegelegenen Kamla Nagar, einer Gegend voller Restaurants und Süßigkeitenläden und Klamottengeschäften und und und.. und zwar chauffiert von einem private driver in einem AC-gekühlten Wagen.. wobei wir eine Distanz von etwa 5 Gehminuten zurücklegten. Am Kamla Nagar zeigte man mir die Noodle Lane (eine Gasse voller chinesischer Imbissbuden).. ganz in der Nähe betraten wir das „1935“, eine Art.. Restaurant, das aber so abgedunkelt war, dass es eher einer Kneipe glich.. innerhalb begaben wir in uns in einen noch dunkleren Raum, wo man bodennah auf Sitzkissen saß und Hookah rauchen konnte. Der Raum war so dunkel und es wurde derart lautstark beste Tangente-Mukke gespielt (wer das einschlägige Etablissement kennt, versteht), dass einem eine vollkommen andere Tages- bzw. Nachtzeit vorgegaukelt wird. Wir saßen dort drei Stunden lang, die anderen.. konsumierten heftig.. Nudeln mit Käse-Sahne-Pesto-Sauce, Paneer (einfach einen Haufen Käse haben sie zu Mittag gegessen!), dazu Cola und Red Bull..und Eiskaffee.. irgendwie glaube ich, dass.. diese obere Mittelschicht extrem konsumfreudig ist. Die kaufen einfach alles.. und haben halbvolle Teller zurückgehen lassen. Dazu haben wir 3 Hookahs geraucht (Pani-Tabak, also Betelnuss.. und grapes & pani, ganz nice).. und uns sehr gut unterhalten. Vor allem mit Sanyat (zumindest glaube ich, er heißt so), auf dem Foto rechts neben mir, konnte ich gut reden.. er kommt aus Rajasthan, hat seine graduation in engeneering in Alhallabad gemacht.. graduation, das ist sozusagen die Allgemeine Hochschulreife, die schließt sich an die High School, die bis zum 10th standard geht, an.. man besucht dazu ein College und macht eine Art.. spezialisierte Ausbildung.. weiß nicht, zB Philosophy, Engeneering, Business.. und danach studiert man an der Universität, die Studienfachwahl ist unabhängig von der graduation. Naja jedenfalls.. hat er so ein gutes Englisch, dass ich mir schäbig vorkomme und mich fast schäme, was zu sagen.. sein Vater ist Judge am High Court von Rajasthan.. er weiß jede Menge über die Geschichte Indiens, den traditionellen Hinduismus (die Veden.. Ramayana.. hat er alles gelesen, einfach aus Interesse)..ist aber (überraschend..) Atheist.. wir haben über Kinofilme geredet und darüber, dass er auf den Nikobaren Scuba Diving gemacht hat und gerne mal Bungee Jumping ausprobieren würde.. und er hat Mein Kampf gelesen und wäre gern Direktor einer Mercedes-Fabrik in Indien.. er spielt Tabla und 3 andere traditionelle indische Trommeln.. sehr cool, was man von ihm erfahren kann. Leider ist er irgendwie auch.. arrogant.. und.. wie gesagt, ich hab mich irgendwie auch.. inferior gefühlt in dieser Gesellschaft.
Heute war der zweite Tag an der Uni, ich bin um halb 9 dort aufgekreuzt, mit der schwachen Hoffnung, die Stundenpläne wären fertig. Waren sie auch tatsächlich, es gab genau einen pro section (jedes Semester ist unterteilt in bis zu 10 Sections.. etwa Klassen.. von je 30-40 Studenten), sie waren jeweils war am schwarzen Brett ausgehängt .. man kann sich also vorstellen: Vor jedem schwarzen Brett tummelten sich um die 50 Menschen, die versuchten, einen Blick zu erhaschen. Ich kämpfte mich wahllos zu verschiedenen Stundenplänen vor und schrieb irgendwas auf, stellte dann einigermaßen randomly irgendwelche Fächer nach Interesse zusammen. Eigentlich hätte ich einfach alle Kurse einer section des 3. Semesters besuchen sollen.. da ich jedoch wenig Lust z.B. auf taxation habe, hab ich mir einfach was zusammengebastelt. Zufällig traf ich Sanyat, Abhishek (er hat in New York in engeneering graduiert, sehr nett) und Drew (auf dem Foto links von mir) und sie begrüßten mich freundlich, was mich erfreute, da ich ansonsten allein und einigermaßen bestarrt zwischen den anderen Menschen herumwanderte. Wir gingen einen Kaffee trinken, ich belegte spontan ihr nächstes Fach und begab mich dann mit ihnen in den Vorlesungsraum.. auch dort waren die Stühle während der Semesterferien komplett eingestaubt (mit eklig schwarzem Smog-Feinstaub) und wir mussten sie erstmal mit Zetteln äh..reinigen. Dann begann die Stunde, erstmal allgemeines Kennenlernen blabla hi my name’s Vicky I’m from Germany bla.. ich war sehr begeistert von der Akustik in diesem Klassenzimmer.. an der Decke rotierten 10 Ventilatoren, weswegen ich die leise Stimme der Unterrichtenden (sie ist wenig älter als wir, hat ihr LL.B. abgelegt) kaum verstand.. erschwerend kam der indische Akzent hinzu..einigermaßen uncool.. ab morgen setz ich mich besser in die erste Reihe.. naja, die Stunde war ganz interessant, aber ich glaube, es wird schwierig, die englische Fachterminologie zu verstehen. Saß zum Glück neben meinen fresher-Freunden, die manchmal was erklärten und übrigens selbst kaum was verstanden (wegen des Krachs). Außer mir waren von den schätzungsweise 35 Studenten nur 7 weiblich.. hätte ich nicht erwartet, wo doch so viele weibliche Profs an der Fakultät sind. Naja, mal sehen wie’s morgen weitergeht.. auf dem Stundenplan stehen Labour Law und Constitutional Law.
4 Kommentare:
Oh Vicky. Das klingt alles so spannene:) Welche Vorlesungen wirst du noch so besuchen?
hallo vicky, 2. versuch,dir zu schreiben,der 1. kommentar ging nicht raus,weiß auch nicht wareum, doro hat hilfestellung gegeben. also, deine berichte gelesen, bilder angeschaut und voller bewunderung, wie du dich schon in diesem großstadtmoloch zurechtfindest. wenn es dann an der uni auch so klappt muß man sich keine Sorgen machen, daß du verloren gehst. eure Bleibe nimmt ja so allmählich auch wohnliche züge an, daß du und deine freundin ein nettes refugium habt. auch das ist wichtig.
also ich bin gepannt auf deinen nächsten bericht.
liebe grüße deine oma.
23.07.2010
klingt ja richtig gut und spannend... ;D
Der Kommilitone auf dem oberen Foto links von Dir sieht aus, als wäre er aus der Municipal School in Mumbai, an der Du 2008 unterrichtet hast, entsprungen und in eine Zeitmaschine geraten, in der er um 12 Jahre gealtert wurde, um Dir jetzt in Delhi wieder über den Weg zu laufen. Ist doch so, blättere mal in Deinen alten Posts nach.
Gruss Doro
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