Freitag, 10. Dezember 2010

Aarohi Medical Camp

Seit Oktober sind Amélie und ich Mitglieder einer sozialkulturell engagierten Studentenvereinigung namens Aarohi (a cultural uprising). Die seit zwei Jahren bestehende Gruppe veranstaltete zunächst Street Plays, mit denen unter den Studenten ein Bewusstsein für bestimmte gesellschaftliche Probleme geschaffen werden sollte. Seit diesem Semester initiiert Aarohi einmal im Monat ein Medical Camp: Zusammen mit zwei Ärzten, Dr. Murmu und Dr. Prasad, wird einen Sonntagvormittag lang in einem Schulgebäude in einem Slum in Delhi kostenlose medizinische Versorgung für die Bewohner der umliegenden Gegend angeboten.Die Aufgabe der Aarohi-Mitglieder ist es dabei hauptsächlich, während des Monats Spenden einzutreiben, von welchen Medikamente eingekauft werden können. Die Ärzte, welche ihren einzigen freien Vormittag in der Woche für diesen ehrenamtlichen Dienst opfern, untersuchen die Menschen auf alle möglichen Gebrechen: Brechreiz, entzündete Schnitte, beulenartige Geschwülste, Kopfschmerzen, Husten..
Ich war bisher bei einem der Camps dabei.. es fand im Oktober im Bhalasva Slum in Norddelhi statt. Die Fahrt dorthin war schon wie eine Reise in eine andere Welt.. oder zumindest eine andere Stadt. Die nördlich von unserer Heimat G.T.B. Nagar gelegenen Viertel Delhis sind Größtenteils sehr arm, teilweise dörfliche Strukturen verbinden sich mit heruntergekommenen Industrieanlagen und einer Menge Staub und Schlaglöchern. Der Bhalasva Slum hat neben einer tatsächlich ungewöhnlichen Menge Dreck und sehr kleinen, überraschend sauberen Häuschen vor allem eines aufzuweisen: Einen riesigen Müllberg. Die Siedlung zieht sich an den Füßen eines etwa 30 Meter hohen und mindestens 500 Meter langen Hügels aus Abfall entlang. Tümpel aus schwarzer, träger Brühe, in denen Müllfetzen herumtreiben, umgeben das Fort aus Unrat wie ein Burggraben. An den Ufern dieser Wasser liegt die Slumsiedlung, die ersten Behausungen finden sich direkt am Wasser.. eine ungesundere Umgebung kann es kaum geben! Als wir an diesem Szenario vorbei in den Slum hinein fuhren, schien es mir ziemlich zwecklos, hier Medikamente verteilen zu wollen.. in Anbetracht einer im Müll herumwatenden Wildschweinherde schien mir das Unterfangen fast wie Perlen vor die Säue. Wenn die Menschen zwischen all dem Abfall leben müssen, hilft auch die beste medizinische Versorgung auf Dauer nicht!

[ein Ausläufer des Müllbergs mit den ersten Häusern an einem der ekelig schwarzen Tümpel]

Das Camp wurde im Hof einer staatlichen Grundschule abgehalten, die mich stark an „meine“ Schule in Mumbai erinnerte. Meine Aufgabe war es, zusammen mit Shashi, einem Hindi-Honours-Gradierenden, die Patienten zu registrieren: Name, Alter und Gebrechen wurden in eine Liste eingetragen. Der Zweck dieser Maßnahme ist weniger das Anlegen einer Krankenakte als viel mehr, für ein bisschen Ordnung zu sorgen. Den Patienten wurden Nummern zugeteilt, sodass es in der langen Schlange der Wartenden nicht zu übermäßigem Gedrängel kommen konnte und zugleich auch, damit wir einen Überblick über die Zahl der Behandelten behielten.

[Dr. Murmu bei der Untersuchung eines Patienten]

[Nanda gibt Medikamente aus]

Was die Effizienz solcher Maßnahmen betrifft, so lässt sich darüber bestimmt streiten. Es ist natürlich nicht möglich, jedes Leiden bei der ersten Untersuchung gleich umfassend zu diagnostizieren, schon gar nicht mit den begrenzten Mitteln, die einem Arzt in einem provisorischen Camp wie diesem zu Verfügung stehen. Viele Krankheiten würden vermutlich auch mehr als lediglich eine Untersuchung benötigen und definitiv mehr als eine einzige Medikamentengabe. Noch dazu war auch die Auswahl an Arzneimitteln, die Aarohi im Voraus gekauft hatte, beschränkt, so dass nicht alle möglicherweise benötigten Tabletten verschrieben werden konnten. Darüber hinaus hatte ich bei manchen Patienten den Eindruck, dass sie ihr jeweiliges Gebrechen mehr oder weniger erfanden oder zumindest etwas aufbauschten (zum Beispiel durch lautes Husten in dem Moment, in dem sie nach Name und Alter gefragt wurden), um die kostenlose Untersuchung wahrnehmen zu können.. aber das ist nicht schlimm, denn das ist, glaube ich, genau das, was das Medical Camp den Menschen vor allem geben kann: Das Gefühl, Aufmerksamkeit zu bekommen und nicht vergessen zu sein. Einen außergewöhnlichen Sonntag, der Hoffnung und positive Gedanken stiften kann.

Die Stimmung im Medical Camp war daher außergewöhnlich gut, sowohl unter Aarohi-Helfern, als auch unter Patienten wie Doktoren. Es entwickelte sich eine außergewöhnliche Arbeitsdynamik und ich fand alle Leute so unglaublich nett, ein richtiges Wir-Gefühl entstand, dabei traf ich die Leute alle zum ersten Mal! Ich mochte besonders die Haltung der Behandlungsbedürftigen.. auf der Straße kommt es häufig vor, dass mich Bettler im Vorübergehen am Ärmel ziehen, mir hinterherrennen und mich am Arm festhalten, wenn sie um Geld fragen.. gibt man ihnen dann ein paar Münzen, gucken sie mehr oder weniger entrüstet ob der geringen Summe und drehen sich wortlos um, ohne auch nur einen Blick oder eine Geste des Danks oder der Anerkennung sind sie verschwunden. Ich hatte mit Amélie eine Diskussion darüber.. sie meinte, wir geben ja schließlich auch nicht dafür, dass wir ein Danke bekommen.. sondern damit sich die Obdachlosen etwas zu essen kaufen können. Das stimmt zwar.. und ich bin auch nicht übermäßig beleidigt oder entrüstet.. aber ein bisschen krass finde ich’s schon, so einfach gar nichts zu sagen und zu verschwinden. Ein Danke würde ja auch keinem schaden.. naja, aber nützen auch nichts. Jedenfalls ist das im Medical Camp anders, vielleicht weil das ein tatsächlich freiwillig geleisteter Dienst ist, keiner, um den man betteln und bitten muss. Ein ernsthafter Versuch, etwas zu verbessern – kein halbherziges Kleingeldalmosen. Die Menschen wirkten dankbar und lächelten freundlich (vor allem ob meines madigen Hindis). Ein weißhaariger alter Mann begann bei der Registrierung sogar, mir seine komplette Krankengeschichte zu erklären. Vielleicht dachte er, ich wäre einer der Ärzte. Auch nachdem er schon behandelt worden war, kam er mit einem seiner Enkelkinder zu mir zurück und erzählte mir ausführlich von dessen Befinden.. Insgesamt war das Medical Camp wirklich ein Erfolg, es brachte durch einen konstruktiven Vormittag Menschen aus zwei voneinander getrennten Teilen der Bevölkerung zusammen und erzeugte eine gute Stimmung. Keine einzige Person wurde abgewiesen und als das Camp um 14 Uhr vorüber war, hatten Dr. Prasad und Dr. Murmu insgesamt 196 Menschen behandelt!

[auf der Heimfahrt begegneten wir einem wandernden Hanuman]

7 Kommentare:

die Mama hat gesagt…

Was ist denn eine Hanuman?
Werden die Schweine auch gegessen? Oder sind die tatsächlich wild? Kann ich mir gar nicht vorstellen.. aber laut deiner Erzählungen essen die Hindi kein Fleisch und die Moslems ja sowieso keine Schwein.

die Mama hat gesagt…

Findet das Medical Camp jedes mal am gleichen ort statt?
Oder anders gefragt, kann es tatsächlich Hilfe darstellen, wenn die Leute nur einmalig einen Arzt konsultieren können.
Aber sicher hast du auch damit Recht, dass es den Leuten einfach gut tut, wenn sich überhaupt mal jemand für sie interessiert und ihnen solch einen dienst bietet.
Übrigens gibt es ähnliche Einrichtungen auch in den USA für ärmere Bevölkerungsteile, die sich keine Krankenversicherung leisten kann. Habe ich mal eine Dokumentation im Fernsehen gesehen. Irgendwo in einem der ländlichen Staaten. Da sind die Leute zum Teil mehrere Hundert Kilometer angereist, um diese kostenlose Behandlung in anspruch nehmen zu können.
Da geht es uns in Deutschland doch verdammt gut! Nur weiß man das manchmal nicht zu schätzen.

Anonym hat gesagt…

Hi Vicky, kann jetzt auch wieder Kommentare abgeben, nachdem mein Internetanschluß tagelang futsch war. Dein aktueller Bericht zeigt: Indien ist Kontrastprogramm. Und das ist meiner Meinung nach sehr schwer zu verkraften. Einerseits sind diese Menschen dort, wie Du berichtest, dankbar für jede Zuwendung und für eine ärztliche Behandlung, die wohl mehr eine Art Placebo ist, als eine fundierte Behandlung. Andererseits kann dies jedoch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein sein und ändert ja an den schlimmen Verhältnissen in den Slums und an der rudimentären kommunalen Verwaltung (Müllentsorgung wie bei uns vor 50 Jahren)nichts. Slums entstehen illegal und damit logischerweise im "Abseits", nämlich neben Müllhalden usw. Es ist immer derselbe, unentrinnbare "Teufelskreis" der Slumbewohner, dem so schwer zu entrinnen ist. Und es ist ein politisches Problem! Eine Gewissensfrage: Sind die Studenten mit ihrere Verbindung wirklich an der Lösung solcher Probleme interessiert und engagiert - oder hat das Ganze mehr eine Alibifunktion? Ja, ich weiß, ich stelle schon wieder sehr provokante Fragen, die man nur bereit ist zu beantworten, wenn man mit sich selbst ehrlich ist und genug Mut hat, dies auch zu äußern. Und wenn man an den Zu- und Umständen noch nicht zerbrochen ist. Ich wünsch Dir und Deinen indischen Freunden trotz allem viiiiiiiiel Zuversicht und Glaube an eine gute Zukunft. Herzlichst Caddi

Vicky hat gesagt…

hallo..! also das ist fürwahr eine gute frage, ob das aarohi-programm nicht mehr aus eigennützigkeit durchgeführt wird. zum teil.. ja. also es fühlt sich irgendwie gut an, dort ein bisschen zu helfen und da ist man fast so bequem, die augen vor der frage zu schließen, ob das wirklich so nützlich ist und ob man das nicht durch ein paar anstrengungen wenigstens etwas effektiver machen könnte.. solange man sich sagen kann "am sonntag war ich sozial engagiert" .. andererseits ist es aber auch aarohis erklärte absicht, durch die konfrontation mit sozialen problemen mehr das eigene bewusstsein für gesellschaftliche missstände zu stärken, als tatsächlich zu helfen. wir sind ja alle noch studenten, die meisten undergraduates (18-20 jahre) und für diese altersgruppe sind medical camps und blanket&cloth-donations (wurde vor 2 wochen durchgeführt..dabei hat aarohi fast 300 decken an obdachlose verteilt) doch schon immerhin etwas.. durch das erfahren "des leben der anderen", der lebensumstände in den ärmsten bevölkerungsteilen, soll vor allem eine wissensgrundlage geschaffen werden.. mithilfe welcher nach konstruktiveren lösungsansätzen gesucht werden kann.. naja, wobei es vllt schon stimmt.. wieso nicht jetzt schon mehr helfen?

Doro hat gesagt…

Ergebnis dieser Bewusstseinsschärfung:
1. Dankbarkeit
2. Demut
3. Erschütterung: Armut kann nicht
nachhaltig gelindert werden,
wird immer bleiben.
4. Bei Christen: konsequent den
10-ten Teil geben (mach ich
das? Eher einen viel kleineren
Prozentsatz, aber immerhin?
(*schäm*)).

Liebe Grüsse

Anonym hat gesagt…

Ich muß doch nochmals nachhaken zum Thema Nothilfe: Sicher ist es richtig und auch gut und lobenswert, wenn sich junge Menschen finden, die ihre Freizeit opfern, um wenigstens ein bißchen zu helfen. Ich finde es auch gut, daß die jungen Menschen nicht die Nase rümpfen und einen großen Bogen um "die Armut" machen, wahrscheinlich gibt es dafür in Indien auch zu viele Arme?? Aber als wohlhabender Inder kann doch Dankbarkeit für Wohlstand und Demut vor, ja vor was eigentlich? Demut vor Gott, der dies so gewollt hat? Demut vor diesen Armen, die trotz großer Anstrengungen nicht daraus herauskommen und immer Gefahr laufen zu resignieren? Oder zu rebellieren? Denn ich kann mir vorstellen, daß so viel Armut ein sozialer Sprengstoff ist. Wir wird man in Indien mit diesem Problem fertig? Hat sich dies nicht zum Beispiel bei jenem Theaterspiel, das Vicky beschrieben hat, geäußert?
Tausend Grüße Caddi

Doro hat gesagt…

Demut gegenüber den Mitmenschen, seien sie nun arm, krank, usw.