Montag, 20. Dezember 2010

Azadpur Sabzi Mandi

Letzte Woche unternahm ich mit Sanyat einen frühmorgendlichen Ausflug. Einen Monat zuvor hatte ich bei meiner Heimkehr aus Amritsar bei Tagesanbruch ein geschäftiges Treiben in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Zuggleisen beobachtet… neugierig geworden merkte ich mir den Namen des nächstgelegenen Bahnhofs, um bald zum Zwecke ausführlicher Entdeckungstouren zurückzukehren. So brachen wir dann jenes frischen Wintermorgens ins zwei Metrostationen nördlich des North Campus gelegene Azadpur auf.

In diesem Arbeiterviertel, dessen Bewohner vor allem in kleinen Werkstätten und der Handwerksindustrie beschäftigt sind, findet man Indiens (einigen Quellen zufolge gar Asiens) größten Gemüsemarkt. Von Knoblauchzehen über rote Beete und Kartoffeln, Spinat und Ingwer bis hin zu grünen Chilischoten wird dort jedes erdenkliche Grünzeug feilgeboten – und zwar in Großabnehmervolumina. Das Angebot besteht aus 68 Gemüse- und mehr als 50 Fruchtsorten, von welchen im Geschäftsjahr 2005 auf dem Azadpur Sabzi Mandi insgesamt etwa 4,5 Millionen Tonnen umgesetzt wurden. Über 3000 Lastwagen transportieren jede Nacht unvorstellbare Massen verschiedener landwirtschaftlicher Produkte in den mehr als 80 Acre fassenden Verkaufsbereich… ein Acre sind übrigens 4840 Quadratyards.. insgesamt erstreckt sich der Markt also über eine Fläche von 3,2 Hektar. Gegründet wurde der Sabzi Mandi 1977 von der Delhi Development Authority (DDA) und 2004 wurde er zu einem „Market of National Importance“ ernannt, da er als größter von Indiens 709 Gemüsegroßmärkten als landesweiter Umschlagplatz für Pflanzenkost dient. Im Jahr 2007 belief sich der Gesamtumsatz der etwa 1700 Großhändler auf 650 Millionen Euro.

Der Handel läuft noch fast genauso ab wie bei Gründung des Marktes in den 70ern: Die Waren werden per Lastwagen aus den verschiedenen Gegenden Nordindiens angeliefert und dann auf Handkarren und Schultern in die verschiedenen Lagerhallen transportiert. Rund um die Uhr finden Auktionen statt, im Rahmen derer kleinere Händler und Einzelhandelskaufleute mit Handzeichen ihre Einkäufe machen. Digital unterstützte Lagersysteme, Computerauktionen oder ausgeklügelte Kühlketten gibt es nicht. Schätzungen zufolge verderben übrigens aufgrund der wenig ausgefeilten Technik bis zu vierzig Prozent der Bodenerzeugnisse, bevor sie den Verbraucher erreichen. Schließlich findet das Gemüse – oftmals durch die Hände mehrerer Zwischenhändler – seinen Weg zum vorletzten Glied in der Nahrungskette: dem Ladenbesitzer bzw. oftmals auch dem Straßenhändler.. nur 5-10 % aller Lebensmittel werden in Indien vom organisierten Einzelhandel (also Ladenketten) umgesetzt. Der Nachteil an der Zwischenschaltung verschiedener Händler ist, dass diese den Großteil des Gewinns einstreichen und aufgrund ihrer monopolartigen Machtstellung einen großen Preisdruck auf den kleinen Bauern ausüben können. Bisher 16 Staaten Indiens haben daher bisher auf Anregung der Unionsregierung Gesetze erlassen, welche es den Farmern erlauben, ihre Produkte direkt an Läden oder die Industrie zu verkaufen, wodurch sie in der Lage sind, die Endpreise selbst zu bestimmen und auch den diesen entsprechenden Gewinn zu machen.

Der Besuch des Markts war sehr interessant, wieder einmal hab ich eines der vielen verschiedenen Gesichter Delhis (und Indiens) kennengelernt. Die dort arbeitenden Menschen waren irgendwie von einem anderen.. gemeinsamen Schlag.. sie sahen sich durch ihre Arbeitskleidung sehr ähnlich und waren scheinbar gut aufeinander eingespielt. Alle Arbeitsabläufe wirkten routiniert, die Prozesse folgten einer nicht nachvollziehbaren Ordnung wie in einem Ameisenhaufen. Obwohl ich wie ein vollkommener Außenseiter schon eine gewisse Aufmerksamkeit erregte, wurde ich nicht besonders häufig angesprochen oder unangenehm gemustert, sondern eher mit einer Art leichten Interesses, einer unerschütterlicher Ruhe gedämpften Überraschung wahrgenommen. Dadurch kam ich mir gar nicht so sehr wie ein Eindringling vor, wie ich erwartet hatte, und konnte mich relativ unauffällig im Strom der ihres Weges gehenden Arbeiter treiben lassen und die Atmosphäre unverfälscht wahrnehmen. Es war wirklich ein besonderes Erlebnis, zu solch früher Stunde in der ersten Morgensonne diesen ganz ursprünglichen Teil Delhis zu erkunden und unter den Arbeitern einen Frühstücks-Chai zu trinken.

4 Kommentare:

die Mama hat gesagt…

Sehr interessant! Einerseits müssen viele Leute hungern, andererseits wird aufgrund der schlechten Organisation hingenommen, dass 40% der Ware verdirbt.
Da gibt es doch massig Verbesserungsbedarf. Und ich habe bei uns gelernt, dass oftmals kleine Änderungen schon großen Effekt bringen.

Doro hat gesagt…

Sehr interessant!

Anonym hat gesagt…

Hi Vicky, bei uns geht der Trend auch wieder hin zu regionalen Lebensmitteln und zur "verweigerung" von sog. Flubobst, also Früchte, die per Flubzeug aus Übersee hertransportiert werden, damit wir an Weihnachten z. B. Erdbeeren und Spargel essen können.
Übrigens, Weihnachten!!! Wo hast Du denn das Fest verbracht? War Dir denn so familiär-festlich-besinnlich zu Mute, wie hier in Deutschland? Gibt es in Dehli auch eine christliche Kirche? Und wie werden die Christen in Indien geachtet? Liebe Grüße Caddi

Steffen hat gesagt…

Der morgendliche Dunst gibt den Bildern eine tolle Atmosphäre! Toller Bericht!