Dienstag, 7. Dezember 2010

Wagah, die Grenze zu Pakistan

Am folgenden Tag, nach einem späten Tempel-Frühstück, fuhren wir in einem shared taxi gemeinsam mit einigen indischen Touristen ins 30 Kilometer entfernte Wagah, an die indo-pakistanische Grenze. Über das dortige allabendliche Torschließungsritual hört man ja nur das Beste und entsprechend hatten wir große Erwartungen. Diese wurden aber bereits übertroffen, als uns, kaum waren wir am Grenzparkplatz aus dem Auto geklettert, ein kleiner Junge entgegengerannt kam, der kleine Indienflaggen verkaufte. Ob unserer vor Verzücken strahlenden Gesichter und der begeisterten Rufe („unfassbar.. ein verdammter Traum!“) lachte auch der Kleine hocherfreut.. wir kauften beide ein Fähnchen für überteuerte 20 Rupien, das war uns der Spaß wert! Außerdem erstanden wir ein bisschen Knabberkram, um dieses Spektakel gebührend zu feiern und reihten uns in die Horde Schaulustiger ein, die Richtung Grenze walzte.

[Johnny als stolzer Supertourist]

Bedrohlich finster starrende berittene Soldaten sorgten für Ordnung und eine schnurgerade Warteschlange, aufs Genauste wurden wir gefilzt und unsere Taschen durchsucht. Auf Anraten unseres Taxifahrers wandten wir uns kurz vor dem Eingang zur Grenze nach links, wo es „VIP Entry“ hieß.. zeigt man hier seinen Reisepass, wird man als Ausländer auf die VIP-Loge ganz nah am eigentlichen Grenzübergang vorgelassen. Jonas hatte leider weder Reisepass noch sonstigen ID-Proof am Mann. Was bei jeder nichtigen Angelegenheit sonst ein Riesenproblem darstellt (SIM-Karte kaufen / Bücherei benutzen / Museum besuchen ohne Ausweis? unmöglich!), wurde hier zur Nebensächlichkeit und fröhlich wurden wir durchgewinkt.. den Grund für dieses überraschende Entgegenkommen erahnten wir kurz darauf: Diese Grenzparade ist einfach die geisteskrankeste Zurschaustellung von Nationalstolz, die ich je erlebt habe! Auf beiden Seiten des Grenztors sind Tribünen aufgebaut und indische bzw. pakistanische Flaggen zieren die an ein Stadium erinnernde Kulisse. Auch die Stimmung wirkt wie beim Endspiel der Fußballweltmeisterschaft.. patriotische Sprachgesänge, wehende Fähnchen, aufgeregte Schulklassen.. ein Anheizer animiert die Massen per Mikrofon zu Jubelschreien und fordert besonders dann vollen Einsatz, wenn von der pakistanischen Seite laute Freudenrufe zu hören sind. Die ganze Zeremonie gestaltet sich nämlich als eine Art Wettkampf: Wer hat die volleren Tribünen (und Indien kann da sogar mit ausländischen Touristen auftrumpfen, die schön in der ersten Reihe zur Schau gestellt werden), wer singt lauter, wo ist die Stimmung besser? Der Animateur winkte sogar ein paar Gruppen junger Mädchen auf die Grenzstraße, wo sie sich bereitwillig dazu bringen ließen, einen Freudentanz durchzuführen. Die pakistanische Seite sah dagegen tatsächlich ziemlich traurig aus, nur wenige Ränge der Tribünen waren besetzt.. ich frage mich, wie sich das anfühlen muss. Das eigentliche Schauspiel war dann weitaus weniger spektakulär als gedacht: Zunächst brüllte ein indischer Soldat anhaltend in ein Mikrophon, wie lange er die Luft anhalten konnte war schon recht beeindruckend. Ein pakistanischer Soldat schrie auf der anderen Seite des Tors zeitgleich ebenfalls in ein Mikrophon – es ging darum, wer länger und lauter schreien kann, nehme ich an. Welche Nation die längerschreienden Soldaten hat, weiß ich leider nicht, denn wann immer der indische Soldat verstummte, brach – auf Aufforderung des Show Masters hin – allgemeines Jubelgeschrei aus, so dass man von Pakistan herüber nichts vernehmen konnte.

Richtig lächerlich war ein kurzes Intermezzo, welches aus einem mit Vollgeschwindigkeit von Indien Richtung Pakistan über die Grenze rasenden vollklimatisierten Luxusreisebus bestand, welcher vermutlich als symbolisch letztes Gefährt für den jeweiligen Tag den Grenzübergang passieren darf. Nach einer Weile des Rufens und Singens marschierten dann die vermutlich größten Soldaten der indischen Armee (die waren alle annähernd zwei Meter groß), die mit auffallenden Kopfbedeckungen verziert waren, auf das Tor zu, wobei sie ihre Füße auf Augenhöhe hochrissen. Dasselbe Imponiergehabe wurde auf der pakistanischen Seite ausgeführt. Die Pakistanis waren ebenfalls riesengroß und trugen sogar die gleiche Uniform (sowohl Indian als auch Pakistani Army sind ja aus der British Indian Army hervorgegangen, vermutlich deswegen), nur dass sie im Gegensatz zur indischen nicht beige sondern komplett schwarz war.. dadurch sahen diese hünenhaften Soldaten wie unheimliche orientalische Kämpfer oder vielleicht die angsteinflößende Leibgarde Saurons aus. Zu den übertrieben lauten Tönen feierlicher Hintergrundmusik holten beide Länder dann ihre Fahnen ein und das Tor zwischen den verfeindeten Nationen wurde geschlossen. Damit war das Schauspiel vorüber.. leider fehlte der Choreographie jegliche Spannungskurve und Jonas beklagte, dass alles viel zu friedlich über die Bühne gegangen sei. Um dem Publikum ordentlich was zu bieten und die andere Seite richtig zu beeindrucken, hätte man durchaus einige Panzer heranrollen lassen können oder Langstreckenraketen zur Schau stellen können..

3 Kommentare:

Doro hat gesagt…

Schon ganz schön fremd! LG

Anonym hat gesagt…

Mein Gott Vicky, sei doch froh, wenn sich die Völkerschaften nur in solchen Schaustellereien ergehen, die sind wenigstens nur harmlos. Gruß Caddi

Francis hat gesagt…

Hahaha sehr lustig geschrieben. Wir haben uns das Schauspiel vor zwei Wochen auch angesehen. Leider gab es bei uns keine berittenen Soldaten - das wäre noch das Highlight gewesen. Aber es ist wirklich albern, was die dort abziehen...

Liebe Grüße aus dem Himalaya,
Francis