Wir begaben uns also am Montagmorgen von Delhi nach Mumbai. Zum ersten Mal bestieg ich einen domestic flight, welcher innerhalb von nur zwei Stunden die Distanz von 1500 Kilometern zuruecklegte. Zwischen den beiden Metropolen besteht ein Unterschied, welcher ganz deutlich zu spueren ist. Schon als wir die Flughafenhalle gegen 13 Uhr verliessen und mit einem Mumbai Street Sandwich (lecker! doch in den folgenden Tagen wuerden die von Roadside Snacks hervorgerufenen Geschmacksexplosionen und der damit zusammenhaengende Speichelfluss noch grandioser werden!) endlich ein Fruehstueck einnahmen, wirkte alles so viel besser.. so luftig, offen, mediterran, mondaen. Statt grimmig starrender Sardarjis liefen uns in weisse Safari Suits gekleidete Suedinder entgegen, um uns in ihre Rikshaws zu lotsen, welche im Gegensatz zur Sitte in Delhi bereitwillig mit Meter fuhren.. Palmen beugten sich freundlich in der vom nahegelegenen Meer kuendenden Brise und sorgten damit fuer eine freundlichere Atmosphaere als die staubiggrauen blattlosen Baeume, die in Delhi das Stadtbild praegen. An unseren mit Kartoffel und Gemuese belegten Toasts kauend (viel besser als die frittierten Brothaelften, die man in Delhi angeboten bekommt), zuckelten wir stadteinwaerts. Bald erreichten wir das zuvor auserkorene Hotel, welches sogar einen ganz annehmbaren Eindruck machte. Doch ueberraschenderweise wurden wir trotz freier Zimmer abgewiesen – scheinbar mangelte es an fuer die Anmeldung von auslaendischen Gaesten benoetigten Formulare. Sowas hab ich auf all meinen Reisen noch nicht erlebt.. und ganz besonders in einer Grossstadt und Touristenhochburg wie Mumbai wuerde soetwas ja keiner erwarten! Der Rikshawalla und seine Rikshawallafreunde erklaerten uns daraufhin, dass wir auch bei anderen Hotels wohl kein Glueck haben wuerden, da an gemischte Paerchen keine Zimmer vergeben wuerden.. nach und nach erzaehlten sie dann noch Broeckchen einer Anekdote, laut welcher vor kurzer Zeit eine Auslaenderin in einem Hotel vergewaltigt wurde.. bla.. ja, aha, und da einer Inderin sowas nicht passieren kann.. aeh was? Naja, logischerweise kannte dann einer einen, der einen kennt..der ein Hotel hat und der ganz cool und locker und understanding und risikobereit ist und der uns ein Zimmer geben wuerde. Wir schauten uns die Bude sogar an, mussten wegen des unguenstigen Preisleistungsverhaeltnisses jedoch ablehnen. So begaben wir uns schiesslich auf eine nicht enden wollende Rikshafahrt ins im Nordosten der Stadt befindliche Povai. Der in den Auslaeufern der Western Ghats und einem kleinen lieblichen See gelegene Stadtteil besteht hauptsaechlich aus zehn bis fuenfzehn Stockwerke hohen Wohnhaeusern und internationalen IT-Companies. Dort bezogen wir vollkommen unkompliziert das Zimmer eines ehemaligen Mitstudenten Sanyats (Kulwant), welcher mit fuenf anderen IT-Ingenieuren in einer fuer diesen Fachbereich sehr typischen WG wohnt: bis auf Kleiderschraenke und einen Schreibtischstuhl keine Moebel (Matratzen auf dem Boden), Kueche bis auf einen Wasserkocher und ein paar Teller ebenfalls komplett leer, dafuer aber mehr Laptops als Bewohner.
[Ausblick aus Kulwant's WG auf den Stadtteil Povai]
Nach nur einer Stunde der Erholung begaben wir uns furchtlos wieder auf die Strasse, in Hitze, Staub und unfassbarem Smog (die Luft ist so viel grausamer als in Delhi! keine Ahnung wie das trotz des von der Kueste her stetig wehenden Windes moeglich ist) und legten in einer Riksha erneut ungezaehlte Kilometer zurueck. Es war mittlerweile die Zeit der allabendlichen Rush Hour und bald ging fast gar nichts mehr, so dass wire s fuer klueger befanden, auf die Local Trains umzusteigen. In einem vollgestopften, typisch braungelb-betelnussspucke-verfaerbten Waggon erreichten wir schliesslich Kandivali, Charkop, Sector 1, Opposite Bus Depot – ich besuchte die Sharmas! Es war ein tolles Gefuehl, die so wohlbekannte Wohnung, in der ich mich immer so wohlgefuehlt hatte, nach eineinhalb Jahren wieder zu betreten! Ich gruesste Indu auf angemessene Weise, indem ich mich vor ihr verbeugte und zum Zeichen des Respekts ihre Fuesse beruehrte. Aayu und Dev haben sich aeusserlich kaum veraendert, sind aber doch etwas ruhiger geworden.. Priti war wie immer hektisch damit beschaeftigt, alles fuer den Anstehenden Besuch einer marriage reception vorzubereiten. Ausserdem anwesend war Eva Maria, eine Medizinstudentin aus Koeln, die in Mumbai ein achtwoechiges Praktikum absolviert und bei den Sharmas, welche mit ihrer Mutter befreundet sind, wohnt. Gegen 20 Uhr brachen wir nach Andheri auf.. zu diesem Zeitpunkt war mein Hirn aufgrund Schlafmangels, fehlender Energie (einzig einen halben Toast hatte ich bis dahin gegessen) und vierstundenlangem Inhalieren von Abgasen aller Art dermassen unbrauchbar, dass ich mich fuehlte, als muesse ich sterben.. dennoch versuchte ich, einen einigermassen sinnvollen Small Talk zu betreiben (soweit man das ueberhaupt sinnvoll nennen kann). Eine Stunde spaeter kamen wir auf dem marriage ground an, er war ueberdimensional und in feenhaften Farben durchgestyled. Um zum eigentlichen Festgelaende zu gelangen, durchquerten wir eine Art Zauberwald mit violetten und gruenen Haengelampen..
Wegen meines unmenschlichen Hungers ueberwand ich nach einigen Minuten des Wartens, waehrend derer wir alle planlos vor der fuer den Empfang vorgesehenen Buehne herumsassen, meine Scham und fragte, ob ich mich mal eben schon mal dem etwa zwei Fussballfelder umfassenden Buffet zuwenden duerfe. Gluecklicherweise wurde daraufhin beschlossen, dass man erstmal essen koenne.. und ich durfte mich austoben! Es gab einfach ALLES! Schwarzwaelderkirschtorte, Gnocchi, Falaffel, Parathas, Idli Sambar, Sushi, Obstsalat, Tomatencremesuppe, Kaesekuchen, Kababs, Halwa, Saefte, Biryani, Chole Culche, Pizza, Eis.. einzigartig! Leider war ich mehr mit essen als mit Konversationen beschaeftigt und ueberhaupt hatte ich das Gefuehl,dass auch auf meine verzweifelten Versuche hin nicht wirklich eine gute Unterhaltung zustande kam. Glueckicherweise war das Event recht schnell vorueber: Gegen 23 Uhr liessen wir uns ganz unverbindlich mit dem Brautpaar ablichten und dann begaben wir uns auch schon gen Ausgang. Sanyat hatte in der Zwischenzeit seinen Abend mit zwei weiteren Stunden im verstopften oeffentlichen Personennahverkehr verbracht (Rueckkehr nach Povai) und stand nun aber puenktlich auf die Minute vor dem marriage ground bereit, um mich abzuholen – auf einem von Kulwant entliehenen Motorrad! So cool! Ohne Helm rasten wir durch die Stadt und ueber weite Highways, durch im Gegensatz zum unheimlichen naechtlichen Delhi noch lebendige und vollkommen ungefaehrlich wirkende Strassen, die frische Nachtluft geniessend.. um die 25 Kilometer mussten wir zuruecklegen, bis wir unser Heim in Povai erreichten, wo wir erschoepft zusammenbrachen. Mumbai hatte sich mir an diesem ersten Tag unseres Aufenthalts von einer ganz anderen Seite gezeigt, als ich es in Erinnerung hatte.. oder vermutlich hat sich meine Einschaetzung dieser Stadt nur sehr veraendert, seit ich Delhi kennengelernt habe. Mumbai wirkt im Vergleich zur Hauptstadt einfach so viel freundlicher, offener, mediterran.. Delhi kann man da nur als alten Drachen, als verbitterte Hexe bezeichnen.. als abweisend. Das macht schon der Stil deutlich, in welchem die Wohnhaeuser gebaut sind: Waehrend man in Delhi wenige bis keine Fenster in den Wohnungen findet, ist in Mumbai alles offen, voller Licht und luftdurchlaessig. Eine Erklaerung sind natuerlich die in Delhi herrschenden extremen Temperaturen.. und die grosse Feuchtigkeit, mit der Mumbaikars im Sommer umzugehen haben und welche bei fensterloser Bauweise die Wohnung starkem Schimmelbefall aussetzen wuerde. Mumbai wirkte so aktiv, die in den Strassen treibenden Menschenmassen machten einen so geschaeftigen Eindruck, dass das Gedraenge weniger aggressiv erschien als das, was man aus Delhi gewohnt ist. Aber vielleicht spielte bei solchen Vergleichen auch meine Ferienlaune und Urlaubsstimmung eine grosse Rolle, die einen die Bedingungen etwas entspannter analysieren lassen. Selbst die Menschen mit ihren meist suedindisch-offenen Gesichtern kamen mir huebscher vor als der durchschnittliche Delhiite. Aber naja, wie viel an diesen ganzen quasi-empirischen Erkenntnissen dran ist, bleibt zweifelhaft. Das dauernde Vergleiche-Anstellen war jedenfalls auf Dauer relativ ermüdend, aber ich konnte es irgendwie nicht abstellen..
1 Kommentar:
Hi Vicky, ich beneide Dich und Deine offene Art, mit anderen Menschen umzugehen. Du hast da etwas, was man als soziale Intelligenz bezeichnet, eine der diversen Intelligenzformen, die ein Mensch braucht, um im Leben zu Recht zu kommen. Eine sehr wichtige. Nutze sie zum Guten.
Wünsch Dir noch viel Spaß bei Deinen Exkursionen - und eine gute Abschlußarbeit an der Uni. Herzlichst Caddi
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