Die folgenden zwei Tage standen unter einem wahrhaften Müdigkeits-spell, trotz nächtlich annähernd zehn Stunden Schlaf hatten wir morgens Schwierigkeiten, unsere verklebten Augen (ein weiteres Indiz für eine unfassbar hohe Luftverschmutzung) zu öffnen. Eine weitere typische Eigenschaft Mumbais, die uns zu jeder Zeit das Leben schwer zu machen versuchte, ist die Verstopfung der öffentlichen Verkehrsmittel, welche, in Kombination mit den überraschend großen Distanzen zwischen den verschiedenen Stadtteilen, für lange Reisezeiten sorgte. So kam es dann auch mal vor, dass Mitglieder unserer Reisegemeinschaft in Bussen und Vorortzügen mit offenem Mund einnickten.
Von solchen Widrigkeiten ließen wir uns selbstverständlich nicht unterkriegen, voll Tatendrang erkundeten wir die Stadt. Am 15. Februar genossen wir unseren Morgentee in einer herrlichen, von Arbeitern und Rikshafahrern frequentierten Chai-Dhaba (sozusagen). Nach eineinhalbstunden Zugfahrt erreichte wir Colaba, wo wir im Café Gaylord mit Sanyats Cousin Shivi eine Art spätes Frühlingsrollenfrühstück (sog. Frührollen? Frühlingsstück?) zu uns nahmen. Anschließend wollten wir eigentlich nach Elephanta übersetzen, landeten jedoch versehentlich in einem lediglich langweilige Hafenrundfahrten unternehmenden Kahn, auf welchem wir die enttäuschendste Bootstour meines Lebens hinter uns brachten. Durch den Konsum spottbilliger und schmackhafter street food items, für welche Mumbai bekannt ist – wie konnte ich 4 Monate hier leben, ohne sie probiert zu haben?! – hielten wir uns jedoch erfolgreich bei Laune. Mumbai Street Sandwhich, Bhel Puri.. man kann echt davon leben (und das für weniger als zwei Euro am Tag).
Als nächstes Ziel unserer Sightseeing Tour liefen wir den von den Briten gegründeten Obst- und Gemüsemarkt Crawford Market an, wo wir uns fünf (im Vergleich zum heimischen Garten jedoch geschmacklich enttäuschende) Erdbeeren und Litchi-Jellys gönnten. Das Abendessen bestehend aus Pakodas, Masala Dosa, Dahi Vada und Chickoo-Milkshake kostete uns läppische zwei Euro.. Mumbai ist so viel billiger als Delhi!
Am nächsten Tag frühstückten wir erneut beim chai walla unseres Vertrauens (Chai und khaari biscuits), inhalierten auf dem Weg zur Innenstadt das eine oder andere Street Sandwich und schipperten dann endlich gen Elephanta. In bester Ausflugslaune genossen wir die grandiose Sicht auf die Bucht, Mumbais Skyline und den Industriehafen sowie allerhand Tanker, vermutete Bohrinseln und Fischerboote, die unseren Weg kreuzten.
[Kapitän (rechts) und bärtiger Matrose]
Die Höhlentempel mit ihren kunstvollen Skulpturen beeindruckten nicht nur Sanyat, der die Insel zum ersten Mal besuchte, sondern auch mich, die ich schon einige Male hier war. Nach Besichtigung der Höhlen kletterten wir auf den höchsten Punkt Elephantas, wo einige massive Kanonen von der britischen Besatzung zeugten. Scheinbar war die Insel ein strategisch wichtiger Punkt, von wo aus man die gesamte Bucht und den wichtigen Handelshafen, den Mumbai für die Kolonialherren darstellte, zu beschützen gedachte. Beim Abstieg begegneten wir einem gutgelaunten, dickbäuchigen Mann, der unsere händchenhaltende Erscheinung mit einem feixenden „kismat connection“ (kismat heißt Glück) quittierte.
[Shiva und Parvati]
Im Abendrot setzten wir zum Festland über und fuhren dabei mit unserem Kahn direkt auf die in leuchtendem Orange gefärbte Sonne zu, die hinter einigen Wolkenkratzern versank. Mit Shivi aßen wir zu Abend und schauten uns danach einen der schlechtesten Filme aller Zeiten im Kino an.. immerhin war es aber doch recht nett, vor Filmbeginn mal wieder stehenderweise die Nationalhymne zu singen, wie es sich in Maharasthra gehört.
Am letzten Tag unseres Aufenthalts in Mumbai lungerten wir in Kulwants Wohnung herum, da Sanyat am Moot zu arbeiten gedachte. Aufgrund ausgeprägter Faulheit musste dieses Vorhaben jedoch in den Wind geschlagen werden. Gegen 16 Uhr machten wir uns mit unserem Gepäck in einem glücklicherweise noch nicht allzu verstopften Vorortzug auf zum Bahnhof Dadar, wo wir unsere Rucksäcke im cloak room aufgaben. Weiter commuteten wir zur Haltestelle Santa Cruz, wie wir wegen dichter werdendem Gedränge und ausgeprägtem Nahrungsmangel recht ausgelaugt ankamen. Um 19 Uhr erreichten wir einen von Mumbais legendären, für seine angenehm laue abendliche Brise und sein hervorragendes Snack-Angebot bekannten abendlichen Hot Spots: Juhu Beach. Endlich war es uns nach drei Tagen gelungen, den Strand trotz widriger Verkehrsverhältnisse zu erreichen. Irgendwie begeisterte der unbeleuchtete Küstenabschnitt mit seinen aufdringlich rufenden Souvenir- und Imbiss-Walas dann aber nicht so richtig..
[unglückseliger Pav Bhaji-Wala]
Als einer der Garkücheninhaber dann auch noch die Sauce des von Sanyat bestellten Pav Bhajis zu guten Teilen auf mein weißes T-Shirt spritzte und alle in der Umgebung befindlichen Menschen auf meine panische Frage nach Seife nur „yes m’am, ice-cream, yes, have a look, juice, Pizza..“ erwiderten, war ich einem Nervenzusammenbruch nahe. Irgendwie war das allgemeine Aggressionsniveau hoch, so dass es zu einer kleinen Szene kam, in deren Verlauf Sanyat sein kaum angerührtes Mahl in eine Ecke sowie das Geld auf den Tresen knallte und wir von Dannen rannten. Nachdem wir uns einigermaßen beruhigt hatten, entschlossen wir uns, dass wir trotz allem etwas essen mussten und stillten unseren Hunger ein wenig verzagt an der von der Stelle dieser Schmach am weitesten entfernten Imbissstand. Anschließend ließen wir uns von Mumbais Mengen zum Bahnhof Dadar zurückschwemmen, wo wir um 21 Uhr unseren Zug nach Pune bestiegen. Indem sie uns der extremen Gewalt ihrer Menschenmassen aussetzte, bereitete uns die Stadt so einen beeindruckenden Abschied.
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