Unter einem Moot Court versteht man übrigens die Simulation einer Prozesses, im Rahmen welcher jeweils zwei Vertreter der Kläger und der Beklagten vor zwei (leibhaftigen) Anwälten einen Fall verhandeln. Der an diesem Wochenende stattfindene Surana and Surana International Technology Law Moot Court hatte dieses Jahr Net Neutrality in der imaginären Republic of Diphia zum Thema.. durch einen Vermerk am Ende des fact sheets waren die Bearbeiter des Falles angewiesen, indisches Recht auf die diphianischen Verhältnisse anzuwenden.
Gegen 2 Uhr nachts wurden wir in dem exklusiv von der Moot Society angemieteten Hotel abgesetzt. Nach wenigen Stunden Schlaf trafen am Morgen Sanyats Co-Mooter Anish und Shreya ein. Wir gammelten auf unserem Ehebett herum und nahmen erst gegen 12 Uhr ein herrliches Frühstück bestehend aus Mosambi Juice, Grill Sandwich, Lassi, Dosa und Kaffee ein. Danach latschten Sanyat und ich durch die Gegend (welche übrigens nahe der Universität und des international renommierten Fergusson Colleges gelegen war, weswegen sie von coolen (und billigen) Restaurants und Studenten jeglicher Nationalität wimmelte), um ein Hotelzimmer zu organisieren, da ich als überflüssiges und auch nichtsnutziges Teammitglied eine gemeinsame Niederlassung auf dem in unserem Zimmer vorhandenen Ehebett unmöglich machte. Die meisten Hotels waren entweder voll oder hatten die altbekannten Probleme mit mit Indern reisenden Ausländerinnen.. Anscheinend hatte die Regierung kürzlich eine Bestimmung erlassen, wonach für foreign tourists ganz strenge Auflagen gelten.. wenn ein Nichtinder ein Zimmer nehmen möchte, so muss der Hotelier ein Video vom Zimmerbezug machen und die entsprechende DVD an eine indische Behörde senden. Ist das zu glauben? Naja, schließlich fanden wir doch noch ein leicht zwielichtiges Guest House, welches uns ein Zimmer offerierte. Dass man sich dabei meiner Nichtindischkeit bewusst war, sah ich an den schuldbewusst gemiedenem Blickkontakt der Angestellten..
Den Nachmittag mussten die bemitleidenswerten Moot-Menschen in einem briefing zubringen. Ich hingegen wanderte ein wenig durch die Altstadt Punes. Die Stadt weist ein im Vergleich zu Mumbai sehr angenehmes Klima auf, ihre Lage in den Western Ghats und die daraus resultierende dichtere Vegetation sorgen für kühlere, frischere Luft. In der Sonne war es dann aber doch relativ unerträglich, weswegen ich zunächst durch den in der Mittagszeit wie ausgestorbenen Mahatma Phule Market streunte..
Anschließend besorgte ich, wie es meiner Rolle als designiertem Logistics Manager gerecht wurde, weiße Hemden und eine schwarze Krawatte für Sanyat.
[auch eine Rasur war für ein anwaltsgerechtes Auftreten dringend von Nöten!]
Und weil Monsieur nicht nur garderobenmäßig wenig vorbereitet war, verbrachte das Team (samt Logisitc Manager) anschließend den Abend und die halbe Nacht mit der Ausarbeitung von Argumenten, der Formulierung von speeches, teaminterner Strukturabstimmung und der Präparation von Kompendien und Memos. Gegen 3 Uhr sanken wir in einen kurzen, unruhigen Schlaf.
Dass alle Teams notwendigerweise schon um 8.30 Uhr im Symbiosis College anwesend sein mussten, machte mich sehr ärgerlich. Viele Mooter sollten erst in der für 11.30 Uhr beginnenden (und später gar auf 12.30 Uhr verschobenen) zweiten Runde aktiv werden und saßen in ihren schwarzen Anzügen schwitzend nutzlos und augenringbelastet herum. Die erste Verhandlung gegen ein paar Lachnummern (schon die Lektüre des vorgelegten Memos hatte uns in der Nacht einiges Vergnügen bereitet) lief relativ glimpflich, wenngleich die vorbereiteten pleadings aufgrund der gesteigerten Aggressivität des Richters und seiner unablässlichen Fragerei leider nicht vorgebracht werden konnten. Nach dem Mittagessen und zweistündiger, erneut sinnloser Warterei auf einen Fotografen und anschließendem eineinhalbstündigem Warten in der Aula (zum Glück hatte ich was zum Lesen dabei) begann gegen 17.15 Uhr dann Runde 2 des Wettbewerbs (ehemals anberaumt auf 14.30 Uhr). Ein weiterer klarer Sieg für das Team Law Fac, Delhi University.. nachdem dann zwei Stunden lang die Punkte ausgezählt wurden, stand gegen 20 Uhr fest, dass Sanyat, Anish und Shreya ins Achtelfinale einzogen. Ein weiteres Mal wurde der Fall verhandelt, diesmal gegen NLS Jodhpur und vor einem sehr kompetenten, wenngleich etwas bissigen und aufgrund seiner Glatze gar gefährlich wirkendem Richter. Dieser stellte so viele und schwierige Fragen, dass sich die Vertreter beider Seiten, der Kläger als auch der Beklagten, ziemlich verhedderten.. ein sehr anspruchsvolles Verfahren, das so spannend war, dass ich trotz hämmernder Kopfschmerzen, tränender Augen und ziemlichem Überdruss bzgl. des Themas Net Neutrality gut zuhören konnte. Nach einiger Verzögerung wurde schließlich das Ergebnis der Achtelfinale verkündet: das Team der Delhi University hatte von den acht verbleibenden Teams zwar die zweithöchste Punktzahl, war jedoch von NLS Jodhpur besiegt und damit ausgeknockt worden und zog damit nicht ins Halbfinale ein. Ich war ehrlichgesagt sehr froh über diese Botschaft, da ich endlich schlafen durfte.
[Shreya, Anish und Sanyat.. die vermeintliche Aura der Überlegenheit wird größtenteils durch das beerdigungsgerechte Auftreten ausgemacht]
Am Sonntag schliefen wir lange, frühstückten erneut sehr dekadent (Obstsalat mit Eis, baked beans on toast, Wassermelonensaft und Fussili Carbonara) und hörten uns gegen 14 Uhr das Finale zwischen NLS Jodhpur und NLS Cochin an. Es wurde vor waschechten High Court Judges ausgefochten, welche durch Schläfrigkeit und mangelnder Vertrautheit mit den Fakten des Falles glänzten. Beide waren zwischen 60 und 70 Jahre alt und ich fragte mich ernsthaft, ob sie überhaupt mit dieser Errungenschaft des Internets vertraut seien. Einer der beiden versuchte, ganz jugendlich zu sein und unterbrach die Unterbreitungen der Kläger mehrmals, um lustige Cricket-Match-Analogien vorzubringen oder zu erzählen, wie er seinem Nachbar gerne ein gutes Glas Scotch eingießt. Der andere, sehr weggetreten wirkende Greis sprach während der gesamten Verhandlung kein Wort, bis er auf einmal die Verteidigung des Beklagten unterbrach: „You are making one basic mistake.. you are constantly referring to India.. but in this case, we are in Diphia.“ Mhh, ja, wir kennen das Prinzip eines Moot Courts.
Nach der Urkunden- und Preisverleihung (Sanyat wurde überraschend zum drittbesten „Anwalt“ gekürt) machten wir uns so schnell es ging aus dem Staub. Nach sentimentalem Abschied von Anish, der uns, da er nach Delhi zurückzukehren hatte, bat, ihm wenigstens einen Sack Bananenchips aus Kerala mitzubringen, begaben Sanyat und ich uns zum Bahnhof, wo wir ein Bett im Nachtbus nach Goa buchten. Anschließend gerieten wir mehr zufällig – eigentlich befanden wir uns auf der Suche nach einer legendären German Bakery – in eine recht gruselige Gegend. Im sehr schnieken Stadtteil Koregaon Park, wo sich edle Villen hinter feindseligen Gartenmauern verstecken und die dunklen, von langbärtigen Banyan Trees bestandenen Straßen menschenleer sind, kamen wir am berüchtigten Osha Ashram vorbei.. ich hatte von dieser Glaubensrichtung (die aus einer jainisitischen Sekte entstand) eigentlich noch nicht wirklich was gehört und dachte, das wäre eine hippiemäßige Gruppierung, die besonders im Westen viele Anhänger hat und für sexuelle Befreiung kämpft. Als wir dann aber am Hauptsitz der spirituellen Gemeinschaft vorbeikamen, passte dieser gar nicht in mein Bild: eine schwarz gestrichene Bambusfestung, moderne Betonarchitektur, dicke Wagen mit verspiegelten Scheiben.. ich hatte nicht wirklich Lust, mich näher mit dieser Lehre auseinanderzusetzen..aber allem Anschein nach geht es darum, die Realität durch Meditation zu erfahren, indem man sich allen Aspekten des Lebens öffnet und sich auf sie einlässt, um dadurch zu verstehen, dass alles eins und gleichgültig und irrelevant ist.. was weiß ich, jedenfalls ist Sex ziemlich hilfreich (der Ashram vermietet Hütten zum Zwecke des Geschlechtsverkehrs) und materielle Ziele sind weder schlechter noch besser als andere (weswegen Guru Osho einen Hut mit diamantbesetzter Kordel trug, oder so).. relativ lustig sahen auch die zahlreichen westlichen Anhänger der spirituellen Bewegung aus, die in ein wallendes Gewand, welches farblich an die Kutten der buddhistischen Mönche erinnerte,gehüllt und mit hippiemäßigen Umhängetaschen und Wandersandalen bestückt geschäftig im Ashram ein- und ausgingen.
[ein gespenstischer Banyan-Tree]
Das Abendessen nahmen wir gemeinsam mit Vishal, einem ehemaligen Kommilitonen Sanyats, in einem iranischen Restaurant ein. Auf niedrigen Sofas ausgestreckt, über uns hingen bunte Perserteppiche, lagen wir auf der Dachterrasse und genossen Hookah und Kabab. Gegen 22 Uhr bestiegen wir schließlich unseren Bus, der uns rumpelnd und hoppelnd die gut 500 Kilometer nach Goa transportieren würde.
1 Kommentar:
Bilde ich mir das ein oder ist es tatsächlich wesentlich bunter, da im Süden Indiens? Neid!
Obwohl es hier jetzt auch so langsam Frühling wird. Heute max Temperaturen so am Rhein bis 20°C und herrlicher Sonnenschein.
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