Donnerstag, 5. August 2010

einige Eindrücke..

Alles, was ich bisher über das SMS-Verhalten US-amerikanischer Jugendlicher gehört und niemals für wahr gehalten habe, muss doch stimmen! Und die Inder stehen den Amis insoweit vermutlich kein bisschen nach!! Mir wurde gestern vorgeworfen, ich sei inaccessible.. und ich soll doch mein Handy in der Hand halten.. nicht in den Rucksack stecken. Das ist hier die Definition von „jemand ist nie erreichbar“! Man schreibt nämlich dauernd SMS, einfach dauernd. Es gibt Angebote über 20.000 Frei-SMS pro Monat und ich vermute, die werden auch ausgeschöpft! Und in dem Maße, in dem ich mit SMS bombardiert werde, überlege ich mir fast, mir auch so einen Account zu besorgen. Wahnsinn. Heute Morgen hatten wir zum ersten Mal Family Law. Mister C, der bisher mysteriös verschollene Lecturer (business-trip to Europe war meine Vermutung.. er ist glaub ich auch ein treuer Begleiter Bruggers auf etlichen exotischen Auslandsreisen gewesen..), stellte sich als dickliche Misses Poonam oder sowas dar.. die uns erstmal ganz klar erklärte, die hätte eigentlich mit Familienrecht nichts am Hut, sei Anwältin für Taxation Law und überhaupt.. ich war natürlich gerade mal wieder am SMS-Schreiben, als sie mich plötzlich irgendwie ermahnte (gut,dass ich’s überhaupt bemerkt hab): „Could you stop chewing gum in my class, Miss, that doesn’t look good“..in genervt-motziger Stimme.. Ich war etwas verschämt und hab auch mit der SMS-Schreiberei aufgehört.. und versucht, stattdessen ihr zu lauschen. Das Gerede war aber immernoch sehr random und vor allem war jeder zweite Halbsatz in Hindi – sehr unfreundlich, wo sie doch mich schon entdeckt hatte, hätte sie ja Englisch reden können. Naja. Später hat sie die Studenten der Sitzordnung nach ihre Roll Numbers aufsagen lassen. Als ich an der Reihe war und meinte, ich hätte keine, da ich exchange student sei, hat sie mega-pissig die Augenbrauen hochgezogen und den Kopf geschüttelt.. ich weiß ja nicht, was sie gegen mich hat.. aber ich hoffe, ihre Ankündigung, dass sie unsere Klasse nicht übernehmen kann, wird wahr. Sie hasst mich.. das sagt jeder!

Gestern war ich erstmals in einen indischen Verkehrsunfall verwickelt. Ich bin mit Dylan in einer Fahrradriksha zur Uni gefahren.. unser Vehikel bremste an einer Kreuzung ein wenig ab, wir wollten rechts abbiegen. Direkt rechts neben uns war eine einen Meter hohe Mauer, an der entlang wir auf die Kreuzung zurollten. Links neben uns war ein großer Bus, der ebenfalls rechts abbiegen wollte.. und auch schon einlenkte.. und damit unsere Riksha zwischen sich und der Mauer einkeilte. Der Bus schwenkte immer mehr nach rechts und kam damit uns immer näher.. obwohl das ganze ausweglos schien, dachte ich noch „naja, irgendwie bekommen die das ja doch immer hin..“ da knirschte es auch schon und das stählerne Himmeldachgestänge der Fahrradriksha begann sich zu verbiegen und brach sogar auseinander, als der dicke fette rostige Bus uns unerbittlich zu zermalmen versuchte. Ich wäre vor lauter Schreck fast auf Dylans Schoß gesprungen, der von der Situation auch recht überfordert war. Und der Rikshawallah schrie nur mit den Händen fuchtelnd auf die uns wie eine zerbeulte gelbe Wand überragende Busflanke ein :) naja, wir konnten dann rückwärts aus dieser Falle entkommen, das Gestänge wurde innerhalb weniger Sekunden mit einer Art Handtuch fixiert und wir fuhren weiter, so dass ich sogar pünktlich zur ersten Stunde an der Law Faculty war :)


Am Dienstag haben Amélie und ich mal wieder einen kleinen Ausflug nach Old Delhi unternommen. Irgendwie war er wenig erfreulich, weil wir in eine ziemlich ungute Gegend gerieten, wo man uns total anstarrte und doof anlaberte.. einmal verfolgte uns ein verwirrt aussehender Mensch mit krausem Bart, in der Hand eine übergroße goldene Schere, der war ziemlich gruselig! Wir taten das einzig richtige und nahmen eine Riksha zur nächstbesten Metro-Station. Von dieser Sitzfläche aus und mit erhöhter Geschwindigkeit reisend waren wir dann wenigstens in der Lage, die Umgebung relativ unbehelligt anzuschauen. Ich mag Old Delhi, das ist Leben noch richtig indisch, man kann duch Fenster in kleine bunte Zimmer schauen und es gibt an jeder Ecke neues zu entdecken. Das Problem ist, dass in diesen ärmlichen, größtenteils muslimischen Vierteln kaum Frauen allein unterwegs sind und ich verstehe durchaus, warum. Man fühlt sich wirklich nicht wohl. Ich hab allerdings festgestellt, dass ein Schal um den Hals schon irgendwie einen Unterschied macht, man fühlt sich – so dämlich das beim Gedanken an ein dünnes Stückchen Stoff klingt – irgendwie verkleidet und geschützt. Ich glaube, ich werde ab jetzt nur noch im Salwar Kameez nach Old Delhi gehen.

Gestern Abend waren wir auf der in einem Chinarestaurant stattfindenden Geburtstagsparty eines Kommilitonen von Amélie, er heißt Bharat. Es war.. sehr komisch. Er und seine Freunde haben eine Band, die indischen Rock macht. Sie waren ganz nett aber irgendwie auch.. ein bisschen pseudo.. und wollten, dass wir mit ihnen Bier auf dem Dach ihres Tonstudios trinken. Wir wollten aber lieber heim.. vor allem, da wir die einzigen weiblichen Gäste waren und ich diese Menschen gerade seit zwei Stunden kannte. Also haben sie uns heimgefahren, das war ganz nett. Während des Abendessens und auch während der gesamten Heimfahrt hatte ich Chikki in meiner Hand, ein kleines Babyeichhörnchen, das in Bharats Rucksack lebt.. dabei ist es noch so winzig! Scheinbar zieht er es mit Milch auf.. keine Ahnung. War aber sehr goldig und hat lustige zwitschernde Geräusche gemacht. Und der Kellner im einigermaßen noblen Restaurant (die Rechnung beglich der Jubilar) hat mich nicht mal schief angeguckt, wie ich da mit so einem Nagetier in der Hand meine Pekingsuppe löffelte, sondern meinte „very sweet“ oder so :) will auch so eins haben!

In den letzten Tagen hab ich tatsächlich zwei Nachmittage in der Bücherei verbracht. Zum einen, weil das andauernde Sich-Herumtreiben ziemlich anstrengend ist und man sich davon erholen muss, zum anderen weil ich echt das Gefühl hab, die englischen Vorlesungen nicht zu verstehen. Sprachlich.. aber auch inhaltlich, irgendwie ist hier doch alles ganz anders und es bringt mir wenig, dass ich das eigentlich alles schon mal gelernt hab. Und ich muss ja auch (hoffentlich!?) eine Hausarbeit schreiben.. auf dem Foto übrigens ein Pfau auf dem Gebäude der Arts Faculty.. riesig, das Ding! und es schreit die ganze Zeit :)

Montag, 2. August 2010

Attitude Bar – ein erster Ausflug ins Nachtleben Delhis!


Am Abend wurde für Amélie und mich endlich ein Traum wahr: Wir saßen nicht wie meist üblich ab spätestens 21 Uhr daheim, sondern erhaschten einen ersten Einblick in das nächtliche Treiben Delhis! Per Riksha und Bus fuhren wir über 20 km in den Süden der Stadt nach Gurgaon. Das ist eigentlich die im Bundesstaat Haryana gelegene Nachbargemeinde Delhis, sie wurde aus Verwaltungsgründen aber teil-eingemeindet. Die Fahrt dorthin plättete uns ziemlich.. breite Highways und verknotete Flyovers, von denen aus man mal Sicht auf eine Anhäufung hingewürfelter kleiner Flachbauten hatte, die meiste Zeit aber auf grell erleuchtete Hochhäuser international bekannter Unternehmen schaute .. Shanghai Impressions! In rasantem, für Busse typischem Tempo bretterten wir immer weiter in den Süden, auf dem Standstreifen schlängelte sich eine Anzahl orangefarben gekleideter Pilger entlang, in der Ferne leuchtete der Indira Gandhi International Airport (Henni!!!). Nach über einer Stunde Fahrt erreichten wir schließlich Gurgaon, das überwiegend aus bunt leuchtenden Bürogebäuden (Ericsson, Ray Ban, Airtel, IBM..) und fast genauso vielen Mega Malls besteht – 17 Stück nämlich! alle inklusive integriertem Kino, das oberste Stockwerk besteht nur aus Imbissen und Restaurants und man findet jede nur erdenkliche Marke, von Hugo Boss über Esprit bis Burberry. Von der Bushaltestelle aus ging es in einem bisher unbekannten Transportmittel weiter: dem Tempo. Das ist eine Art überdimensionale Autoriksha, in der vermutlich bis zu 10 Leute Platz finden. Amélie, Sanyat und ich saßen auf einer oberhalb der Anhängekupplung befestigten Rückbank, quasi im Kofferraum, unsere Füße baumelten den dicht auffahrenden Motorradgängstern entgegen, während das Tempo in halsbrecherischer Zickzackfahrweise unter den Flyovern herumkurvte. Schließlich erreichten wir unser Ziel, wo Sanyat mit ein paar Freunden verabredet war: die Attitude Bar, in der die indische Rockband parikrama performte. Grandioses Gefühl, endlich mal wieder laute, unindische Musik.. Dunkelheit, bunte Lichter.. Cuba Libre für 300 Rupien!! :) Die Band selbst war ziemlich toll, das meiste waren zwar Led Zeppelin – Cover, aber es gab auch indisch angehauchte Stücke, die eine Tabla und eine Geige integrierten.. im allgemeinen ging es ziemlich ab, auch wenn das indische Publikum erst nach einer ganzen Weile auftaute und lustig anfing zu headbangen :) Wir blieben bis 24 Uhr, eine sehr beeindruckende Uhrzeit.. dann begaben wir uns mit einem sicheren Prepaid-Taxi nach Hause (was lange dauerte, aber gemütlich war.. und wir sahen mitten in der Dunkelheit einen Elefanten auf dem Standstreifen, magic!).

Beeindruckend ist diese Uhrzeit insofern, als man als Mädchen nach 21 Uhr wohl gewöhnlich nicht mehr draußen unterwegs sein sollte. Amélie und ich wurden neulich, als wir uns gegen 22 Uhr zu unserem Broker begaben, von einem unverständliche Dinge flüsternden Pubertierenden verfolgt.. da der Dummkopf sich vor dessen Büro unter einen Baum setzte, um darauf zu warten, dass wir wieder herauskommen würden, alarmierten wir halbkichernd, halbverunsichert Pratik, den Broker. Dieser begab sich nach draußen und verscheuchte den Spinner mit den Worten „you wanna go home or you want a slap?“.. dann erklärte er uns eindringlichst, nach 21 Uhr nicht alleine draußen zu sein. Meine weiblichen Bekanntschaften aus der Uni wohnen alle in Paying Guest Homes, wo sie um 20 Uhr daheim sein müssen (sie nennen diese Beschränkung auch noch curfew! total gefängnisartig).. wenn Amélie und ich abends unterwegs sind, sollen wir dauernd allen möglichen Leuten messages droppen, wenn wir sicher angekommen sind. Scheinbar ist Delhi in dieser Hinsicht schlimmer als andere indische Städte.. uns wurden Geschichten erzählt von Überfällen, die von mit Knüppeln bewaffneten Motorradfahrern ausgeführt werden, die einen hinterrücks niederschlagen und einem die Tasche klauen. Wir konnten das in unserer europäischen Naivität natürlich nicht ganz glauben und dachten an eine Übertreibung.. allerdings hatten wir letzte Woche selbst ein Erlebnis ähnlicher Art. Wir waren (17 Uhr, alles hell, Hauptverkehrsstraße) in einer Autoriksha unterwegs, ich bemerkte rechts von uns, in 10 Metern Entfernung, zwei dämlich glotzende Typen auf einem Motorrad.. Standard, dachte mir nichts weiter. Kurz darauf war das Motorrad links von uns, der hinten sitzende Mensch packte in das Innere der Riksha und wollte Amélie die Handtasche wegreißen.. zum Glück hat sie ziemlich schnell reagiert und ihre Tasche gut festgehalten, sie war sogar noch in der Lage, ein erbostes „Fuck!“ hinter den erschreckt davonrasenden Möchtegernräubern herzuschreien.. einziger Kommentar des Rikshhafahrers: „This is India.“

Naja, man zahlt schon einen hohen Preis fürs abends Weggehen.. zeit- und geldaufwandsmäßig, und man kann nicht bis in die Puppen weg bleiben.. aber das Nachtleben existiert und es gilt, es besser kennenzulernen! Wenn wir nicht unbedingt ans andere Ende Delhis fahren, sondern Bars in unserer Nähe wählen, dann.. steht dem von nun an nichts mehr im Wege.


(haha, nicht schön aber dafür selten: wir auf der Tempo-Rückbank, das hat so Spaß gemacht!! xD )

Safdarjang Tomb



Gestern begab ich mit Amélie und Sanyat bei ungewöhnlich kühlem Wetter (am Morgen hatte es stark geregnet und auf 25 Grad abgekühlt, herrlich! es war nicht mal mehr schwül.. im Laufe des Nachmittags war es dann aber doch wieder dampfigdiesig) zum Safdarjang Tomb. Dabei handelt es sich um ein 1753 für den Mogulherrscher Safdar Jang errichtetes zweistöckiges Mausoleum. Der Kuppelbau mit arabischen Stuckverzierungen ist ein Beispiel der typischen Mogularchitektur. Das Gebäude wirkte kunstvoll aber zugleich schlicht, weil es ganz in Rot- und Weißtönen gehalten ist und die Räume schmucklos und leer sind (ob das so gehört oder ob da früher was drin war..?). Sanyat erklärte uns, dass solche Grabbauten oft einen Terrassenunterbau haben, weil sie durch die Erhöhung schön luftig sind – tatsächlich wehte eine angenehme Brise durch die Räume. Außerdem verfügten solche Gebäude schon über eine Art Klimaanlage.. ein Schachtsystem durchzieht die ganze Struktur, so dass der Wind in jedes Zimmer wehen kann. Vielleicht wurden die gleichen Kanäle im Winter ja zum Heizen genutzt..? Aber..waren solche Mausoleen überhaupt jemals bewohnt, bzw. wer hat sich da denn aufgehalten? Naja.. noch interessanter als das Gebäude an sich war der umgebende weitläufige Park mit angeschlossener (halbverfallener) Moschee. Wir liefen lange zwischen den unbekannten, tropfenden Bäumen herum – irgendwie gibt es nichts, was Sanyat nicht zu wissen scheint, er kannte sogar die lateinischen Namen von Mangobaum und indischer Rose (dank der installierten Plaketten konnten wir sein Wissen auch verifizieren..). Ich hab ein Granatapfelgewächs gesehen (siehe Foto)! Und einen riesigen, schreienden Pfau, der einen mindestens zwei Meter langen Schweif hatte und wie ein Drache in einen Baum geflogen ist, als wir uns genähert haben. Außerdem haben wir die größten Ameisen der Welt entdeckt und lustige Stelzvögel. Auch war alles ungestört ruhig, weil wir fast die einzigen Besucher waren – abgesehen von wenigen indischen Pärchen, die unverschämt zutraulich händchenhaltend herumspazierten oder gar umarmt auf Parkbänken saßen! Unglaublich :) ..naja, wenigstens kann man sowas in so einem netten Garten nachvollziehen, viele andere Verliebte suchen ein bisschen Zweisamkeit etwa auch in halbschattigen Metrostationen, sehr unromantisch.

Sonntag, 1. August 2010

Bangla Sahib Gurdwara / Akshardam-Temple



Am Donnerstag hab ich mir zusammen mit Amélie die Bangla Sahib Gurdwara angeschaut.. nachdem Anasuya empfohlen hatte, dass wir uns diesen ruhigen und angenehmen Ort anschauen sollten. Tatsächlich war der Besuch wieder sehr nett.. die Sikhs sind einfach so freundlich. Am Eingang wurden wir überschwänglich begrüßt und es wurde erklärt, dass wir uns die Füße und Hände waschen sollten und man sei erfreut und bedankte sich, dass wir hier seien. Auf dem eigentlichen Gurdwara-Gelände hatten wir alle Ruhe, keine aufdringlichen Menschen, die uns fotografierten, keine Verschleierungsvorschriften, die der Demütigung von Ausländern dienen. Wir wanderten um den großen Brunnen im Hof des Tempels herum, in dem sich die Gläubigen baden können (das Wasser sah allerdings sehr schlammig aus) und setzten uns anschließend für 20 Minuten in das wie immer mit flauschigdicken Teppichen ausgelegte Innere der Gurdwara, wo wir angenehmer Tabla-Musik und dem meditativem Gesang einiger Mönche (falls man sie so bezeichnet?) lauschten. Die Atmosphäre war ruhig und durch die Brise, die durch die großen Fenster hereinzog sehr angenehm. Beim Verlassen des Gebäudes wurde uns wie allen Gläubigen eine Süßigkeit in die Hand gedrückt und als wir unsere Sandalen am Eingang abholten, bedankte man sich erneut für unser Interesse. Von der Bangla Sahib Gurdwara begaben wir uns zum nahegelegenen Connaught Place, wo wir im Statesman House (einem der ältesten, von den Engländern erbauten Gebäude der Gegend) mit den anderen zum Tee verabredet waren. Ziemlich gute Erfindung: Ein Buchladen mit angeschlossener Teebar, man kann sich einfach ein Buch nehmen, einen Tee bestellen und sich in ruhiger Umgebung entspannen.

Einen Tag später besuchten wir gemeinsam mit Sanyat den Akshardhamtempel, den größten hinduistischen Tempel Delhis, der erst 2005 fertiggestellt und eröffnet wurde. Der Besuch war eher enttäuschend.. vor dem Tempel findet sich zunächst ein mindestens drei Hektar großer Parkplatz für PKW und Reisebusse, die Pilger herankarren. Hat man diese überquet, durchläuft man zig Sicherheitsschleusen, muss schließlich jede noch so kleine Handtasche an einem Schalter aufgeben.. dafür gilt es ein Formular auszufüllen, welches Auskunft über den Inhalt der Tasche gibt. Es wird ein Foto von Taschenbesitzer und Tasche gemacht. Handys und Kameras müssen gesondert (nicht als Inhalt der Tasche) abgegeben werden. Einzig der Geldbeutel darf mit ins Tempelinnere genommen werden – immerhin soll dem Gläubigen die kostenpflichtige Bootstour, der Besuch diverser Ausstellungen und die Benutzung von Erfrischungsständen ermöglicht werden. Zwar ist der Tempel mit seinen Sandsteinskulpturen und 145 lebensgroßen Steinelefanten sehr nett anzusehen.. jedoch war nichts von der spirituellen Stimmung der Gurdwara zu spüren. Die Pilger wälzten sich als drängelnder Strom durch das Innere der Marmorhallen, die durch die übertriebene marmorne Sterilität und das Glänzen der vergoldeten Gottheiten irgendwie unwirklich und abgehoben wirkte. Obligatorisch wurden Geldscheine in Opferbüchsen gesteckt (die üblicherweise dargebrachten Bananen und Süßigkeiten waren wegen der strengen Sicherheitskontrollen nicht vorzufinden) und das war’s dann auch. Für so einen 10minütigen Besuch pilgern Hindus in schlecht klimatisierten Reisebussen aus Südindien nach Delhi! Naja, immerhin klappern sie auf solch einer Tour noch andere heilige Stätten ab.. Einigermaßen ermüdet saßen Sanyat, Amélie und ich danach in einem Torgang, zu Fuß der großen Elefanten, und unterhielten uns über die Verkrustetheit der hinduistischen Religion, die heute hauptsächlich aus hohlen Riten besteht, deren Bedeutung weitestgehend verlorengegangen ist. Die meisten Gläubigen verehren Lakshmi (Göttin des Reichtums), Ganesh (Gott des Glücks) oder Sarasvati (Göttin der Bildung).. von den ursprünglich zentralen Gestalten – Vishnu, dem Erhalter; Shiva, dem Zerstörer und Erneuerer; Brahma, dem im Hintergrund stehenden, in alle vier Himmelsrichtungen zugleich schauenden Schöpfer – und den grundlegenden Ideen der Veden haben viele Hindus heute gar keine Ahnung. Dann wurden wir von irgendeinem garnichtsahnenden Wächter auch noch vertrieben (ja, klar, sitzen ist verboten).. und liefen dann ein bisschen lustlos durch die weitläufigen, geleckten Parkanlagen. Alles in allem nicht sehr mitreißend.

zur Studiensituation

Heute mal ein paar Infos darüber, wie mein Tag an der Uni so abläuft. Also.. eigentlich hätte ich laut Professor in Charge alle Pflichtveranstaltungen eines 3rd-term-LL.B.-Studenten besuchen sollen. Da diese aber so langweilige Fächer wie z.B. Taxation umfassen, hab ich mich geweigert, dies zu tun. Begründung: Taxation sei in Indien ja ganz anders als in Deutschland und das bringt mir ja gar nichts.. stattdessen hab ich die letzten eineinhalb Wochen versucht, möglichst viele verschiedene Vorlesungen zu besuchen und mir einen individuellen Stundenplan zusammenzustellen. Dies vor allem auch aus dem Grund, da ich sowieso nicht zu den Examen zugelassen bin und deswegen nicht einsehe, warum ich mich an irgendwelche strengen Vorgaben halten soll. Dass ich keine Klausuren mitschreiben kann, ist einigermaßen schlimm, da das deutsche Justizprüfungsamt (mindestens) einen Leistungsnachweis pro Semester von mir erwartet – wie ich den ablegen soll, ist bisher äußerst unklar. Die Ursache dafür, dass ich nicht mitschreiben darf, ist übrigens: ich hab keine Roll Number (d.h. ich bin nicht formal-offiziell eingeschrieben). Die wiederum hab ich nicht, weil ich keine Studiengebühren zahle. Und das tu ich nicht, weil ich als Austauschstudent unter einem Memorandum of Understanding hier bin.. cool, dass es mir durch dieses scheinbare Privileg unmöglich ist, ganz normal zu studieren. Ich hab mir aber was überlegt, mittlerweile: Ich werde an einem Seminar teilnehmen und einen Vortrag halten oder eine Hausarbeit schreiben oder wie auch immer das aussieht (erstes Treffen der Seminar-Arbeitsgruppe ist morgen, ich hoffe, da erfahr ich mehr). Dann hab ich erstens einen Leistungsnachweis, kann zweitens meinen Seminarschein, den ich sonst in Deutschland machen müsste, ersetzen.. und drittens hab ich in der 3wöchigen Klausurenphase frei :) ich seh das ganze also gerade ganz positiv.. jetzt muss das nur noch alles klappen..

Was die Vorlesungen betrifft, unterliegen sie großen Qualitätsschwankungen. Manche Dozenten, vor allem die älteren, versteh ich schlecht wegen ihres starken indischen Akzents. Zum Glück wird nicht mal die Hälfte der Vorlesungen (irgendwie ist es mehr wie Unterricht.. findet in Kleinklassen statt und man benutzt die Tafel, es wird zu Beginn der Stunde durch Aufrufen der „Schüler“ die Anwesenheit kontrolliert) von wirklichen Professoren gehalten (denn die sind oft älter und haben damit ein schwer zu verstehendes Englisch).. die meisten Stunden werden von älteren (LL.M.-)Studenten gehalten, die man besser versteht. Aber dafür verstehen die teilweise die Materie oder das Unterrichten nicht.. naja, habe mir jetzt einen ganz netten Stundenplan zusammengestellt. Und wenn ich keine Lust hab, kann ich ja auch einfach schwänzen, denn: keine Roll Number, keine attendance. Man weigert sich, meinen Namen einfach so mit auf die Klassenlisten zu setzen. Na gut, dann eben nicht. Meine Fächerwahl umfasst aktuell die Vorlesungen Environmental Law, Jurisprudence (Rechtsphilosophie), Criminal Law I, Constitutional Law und Family Law (Hindu & Muslim Marriage Acts etc., stell ich mir toll vor.. der Lehrer, ein gewisser Mister C. (wir vermuten er ist „Mister Cool“) sollte dann ab nächster Woche auch mal aufkreuzen). Ab und zu, wenn ich Freistunden hab, guck ich mir mal ne Stunde Torts oder Contract Law an, glaub ich. Solange ich interessiert bin ;)

Allgemein ist der Campus der Law Faculty der abgeranzteste, den ich bisher gesehen hab. Die anderen Fakultäten (im Bild etwa die Faculty of Arts) haben nette Parks mit Skulpturen und Pfauen und Mensa-Gebäuden.. unserer besteht aus einer großen schlammigen Fläche und einigen Bäumen, unter denen Stühle und Bänke herumstehen, ab und zu liegt auch mal ein Perserteppich unter einem Busch (??) und wir haben nur einen lausigen Kaffee-Kiosk. Das soll alles modernisiert werden, sobald die Fakultät nächstes Jahr auf einen neuen Campus zieht.. aber ich werd das wohl nicht mehr erleben. Auch in den Klassenzimmern sind die Bedingungen verbesserungswürdig: Die Tische und Bänke sind dreckig und mit komischen Werbestickern vergangener Hochschulwahlen verklebt, die Fenster teilweise eingeworfen (ganz nett, wenn dann der Monsun aufs Heft prasselt). Wir haben keine Klimaanlage, nur Ventilatoren, die öfters mal ausfallen, gestern z.B. hatten wir den ganzen Vormittag keinen Strom – ich hab selten so geschwitzt! Aber trotz allem macht es doch (noch) Spaß, hier zu studieren. Die Lehrkörper kreuzen so oft nicht auf, dass man dauernd Freizeit hat und am nahegelegenen Campus-Saftstand (siehe Foto) abhängen oder kurzerhand per Riksha zum Lunch fahren kann. Auf dem Bild ist beispielsweise die Kantine des St. Stephen’s College zu sehen (dort studiert Amélie) und einige Mädchen aus dem 1st term, mit denen ich mich gut verstehe: Anasuya, Iti und Sadakshi (mmh.. wie man das auch schreiben mag).

Gestern hat der Chief Justice des Delhi High Courts, Deepak Misral, unsere Fakultät besucht und eine Rede über Jura und das Jurastudium gehalten.. klang alles ganz ähnlich wie das, was uns in Deutschland erzählt wird. Dass die Beziehung zwischen dem gemeinen Jurastudent und seinem Fach eine Art romance sein muss.. dass er sein ganzes Leben nicht auslernt und sich für Jura begeistern muss, dass von ihm erwartet wird, dass er an uncommon form of common sense entwickelt.. und dass es vier verschiedene juristische Professionen gibt: Anwalt, Unternehmensberater, eine Tätigkeit im Staatsdienst.. und Taxifahrer. Ha. Ha… Ha. Global beliebter Spruch, scheint es.