Donnerstag, 5. August 2010

einige Eindrücke..

Alles, was ich bisher über das SMS-Verhalten US-amerikanischer Jugendlicher gehört und niemals für wahr gehalten habe, muss doch stimmen! Und die Inder stehen den Amis insoweit vermutlich kein bisschen nach!! Mir wurde gestern vorgeworfen, ich sei inaccessible.. und ich soll doch mein Handy in der Hand halten.. nicht in den Rucksack stecken. Das ist hier die Definition von „jemand ist nie erreichbar“! Man schreibt nämlich dauernd SMS, einfach dauernd. Es gibt Angebote über 20.000 Frei-SMS pro Monat und ich vermute, die werden auch ausgeschöpft! Und in dem Maße, in dem ich mit SMS bombardiert werde, überlege ich mir fast, mir auch so einen Account zu besorgen. Wahnsinn. Heute Morgen hatten wir zum ersten Mal Family Law. Mister C, der bisher mysteriös verschollene Lecturer (business-trip to Europe war meine Vermutung.. er ist glaub ich auch ein treuer Begleiter Bruggers auf etlichen exotischen Auslandsreisen gewesen..), stellte sich als dickliche Misses Poonam oder sowas dar.. die uns erstmal ganz klar erklärte, die hätte eigentlich mit Familienrecht nichts am Hut, sei Anwältin für Taxation Law und überhaupt.. ich war natürlich gerade mal wieder am SMS-Schreiben, als sie mich plötzlich irgendwie ermahnte (gut,dass ich’s überhaupt bemerkt hab): „Could you stop chewing gum in my class, Miss, that doesn’t look good“..in genervt-motziger Stimme.. Ich war etwas verschämt und hab auch mit der SMS-Schreiberei aufgehört.. und versucht, stattdessen ihr zu lauschen. Das Gerede war aber immernoch sehr random und vor allem war jeder zweite Halbsatz in Hindi – sehr unfreundlich, wo sie doch mich schon entdeckt hatte, hätte sie ja Englisch reden können. Naja. Später hat sie die Studenten der Sitzordnung nach ihre Roll Numbers aufsagen lassen. Als ich an der Reihe war und meinte, ich hätte keine, da ich exchange student sei, hat sie mega-pissig die Augenbrauen hochgezogen und den Kopf geschüttelt.. ich weiß ja nicht, was sie gegen mich hat.. aber ich hoffe, ihre Ankündigung, dass sie unsere Klasse nicht übernehmen kann, wird wahr. Sie hasst mich.. das sagt jeder!

Gestern war ich erstmals in einen indischen Verkehrsunfall verwickelt. Ich bin mit Dylan in einer Fahrradriksha zur Uni gefahren.. unser Vehikel bremste an einer Kreuzung ein wenig ab, wir wollten rechts abbiegen. Direkt rechts neben uns war eine einen Meter hohe Mauer, an der entlang wir auf die Kreuzung zurollten. Links neben uns war ein großer Bus, der ebenfalls rechts abbiegen wollte.. und auch schon einlenkte.. und damit unsere Riksha zwischen sich und der Mauer einkeilte. Der Bus schwenkte immer mehr nach rechts und kam damit uns immer näher.. obwohl das ganze ausweglos schien, dachte ich noch „naja, irgendwie bekommen die das ja doch immer hin..“ da knirschte es auch schon und das stählerne Himmeldachgestänge der Fahrradriksha begann sich zu verbiegen und brach sogar auseinander, als der dicke fette rostige Bus uns unerbittlich zu zermalmen versuchte. Ich wäre vor lauter Schreck fast auf Dylans Schoß gesprungen, der von der Situation auch recht überfordert war. Und der Rikshawallah schrie nur mit den Händen fuchtelnd auf die uns wie eine zerbeulte gelbe Wand überragende Busflanke ein :) naja, wir konnten dann rückwärts aus dieser Falle entkommen, das Gestänge wurde innerhalb weniger Sekunden mit einer Art Handtuch fixiert und wir fuhren weiter, so dass ich sogar pünktlich zur ersten Stunde an der Law Faculty war :)


Am Dienstag haben Amélie und ich mal wieder einen kleinen Ausflug nach Old Delhi unternommen. Irgendwie war er wenig erfreulich, weil wir in eine ziemlich ungute Gegend gerieten, wo man uns total anstarrte und doof anlaberte.. einmal verfolgte uns ein verwirrt aussehender Mensch mit krausem Bart, in der Hand eine übergroße goldene Schere, der war ziemlich gruselig! Wir taten das einzig richtige und nahmen eine Riksha zur nächstbesten Metro-Station. Von dieser Sitzfläche aus und mit erhöhter Geschwindigkeit reisend waren wir dann wenigstens in der Lage, die Umgebung relativ unbehelligt anzuschauen. Ich mag Old Delhi, das ist Leben noch richtig indisch, man kann duch Fenster in kleine bunte Zimmer schauen und es gibt an jeder Ecke neues zu entdecken. Das Problem ist, dass in diesen ärmlichen, größtenteils muslimischen Vierteln kaum Frauen allein unterwegs sind und ich verstehe durchaus, warum. Man fühlt sich wirklich nicht wohl. Ich hab allerdings festgestellt, dass ein Schal um den Hals schon irgendwie einen Unterschied macht, man fühlt sich – so dämlich das beim Gedanken an ein dünnes Stückchen Stoff klingt – irgendwie verkleidet und geschützt. Ich glaube, ich werde ab jetzt nur noch im Salwar Kameez nach Old Delhi gehen.

Gestern Abend waren wir auf der in einem Chinarestaurant stattfindenden Geburtstagsparty eines Kommilitonen von Amélie, er heißt Bharat. Es war.. sehr komisch. Er und seine Freunde haben eine Band, die indischen Rock macht. Sie waren ganz nett aber irgendwie auch.. ein bisschen pseudo.. und wollten, dass wir mit ihnen Bier auf dem Dach ihres Tonstudios trinken. Wir wollten aber lieber heim.. vor allem, da wir die einzigen weiblichen Gäste waren und ich diese Menschen gerade seit zwei Stunden kannte. Also haben sie uns heimgefahren, das war ganz nett. Während des Abendessens und auch während der gesamten Heimfahrt hatte ich Chikki in meiner Hand, ein kleines Babyeichhörnchen, das in Bharats Rucksack lebt.. dabei ist es noch so winzig! Scheinbar zieht er es mit Milch auf.. keine Ahnung. War aber sehr goldig und hat lustige zwitschernde Geräusche gemacht. Und der Kellner im einigermaßen noblen Restaurant (die Rechnung beglich der Jubilar) hat mich nicht mal schief angeguckt, wie ich da mit so einem Nagetier in der Hand meine Pekingsuppe löffelte, sondern meinte „very sweet“ oder so :) will auch so eins haben!

In den letzten Tagen hab ich tatsächlich zwei Nachmittage in der Bücherei verbracht. Zum einen, weil das andauernde Sich-Herumtreiben ziemlich anstrengend ist und man sich davon erholen muss, zum anderen weil ich echt das Gefühl hab, die englischen Vorlesungen nicht zu verstehen. Sprachlich.. aber auch inhaltlich, irgendwie ist hier doch alles ganz anders und es bringt mir wenig, dass ich das eigentlich alles schon mal gelernt hab. Und ich muss ja auch (hoffentlich!?) eine Hausarbeit schreiben.. auf dem Foto übrigens ein Pfau auf dem Gebäude der Arts Faculty.. riesig, das Ding! und es schreit die ganze Zeit :)

5 Kommentare:

Alexander hat gesagt…

Vielleicht tröstet es dich, dass mich heute eine Fahrerin in der Bergheimerstr. beim Rechtsabbiegen auch übersehen hat und beinahe erwischt hätte, wäre ich nicht scharf bremsend ausgewichen ;).
Ach, und vorletzte Woche hat ein Bus mein auf dem Fußweg stehendes Bett mitgerissen, dass ich mit einem Freund gerade durch Heidelberg transportiere. Auch im guten alten Heidelberg gibt's manchmal Rowdys, aber im Großen und Ganzen bleibt es hier langweilig ;).
Weiterhin alles Gute!

Anonym hat gesagt…

Hallo Vicky,
ich habe Deine Berichte gelesen und finde sie sehr spannend untermalt mit interessanten Bildern. So können wir ein Stück weit Dich begleiten und miterleben, was Du erlebst und fühlst in so einer grossen Stadt.
Als ich in Deinem Alter mehrere Jahre in Paris u. Frankreich lebte war es für mich schon etwas besonderes aber eben kein Vergleich zu Indien. Ich weiss auch nicht, ob ich den Mut hätte alleine nach Dehli zu gehen. aber Du hattest ja schon einen Anker - Amélie. Dein Zimmer finde ich übrigens garnicht schlecht. Lila ist mal etwas anderes und gibt ein besonderes Licht. Ich selber habe beruflich viel mit Inder als Geschäftspartner zu tun und komme sehr gut mit Ihnen zurecht.Sie sind manchmal etwas penetrant aber sonst sehr freundlich. Ich
wünsche Dir weiterhin viel Glück
und Achtsamkeit. Wir werden mit Spannung Deine Berichte weiterlesen.
Liebe Grüsse aus Eschach von
MUM.

Doro hat gesagt…

Liebe Vicky!
Vielen Dank für Deine interessanten Berichte. Ich frage mich, warum Du meinst, die Vorlesungen nicht zu verstehen? Liegt das an der Materie oder am altmodischen indischen Englisch, an der Aussprache? Verstehen Deine indischen Kommilitonen alles? Und pass gut auf Dich auf, Mädle! Herzliche Grüße aus Rosswag!

Micha hat gesagt…

Zu schade, dass Mr. C eine kleine pummelige Lady war. Die Vorstellung einer indischen Version von Brugger ist einfach zu gut.
Michael W.

Anonym hat gesagt…

Hallo Vicky, auch bei uns passieren dumme Sachen. Letzte Woche hat vor unserem Postdepot ein unachtsamer Autofahrer einen Krankenwagen im Einsatz gerammt und umgeworfen!!. Na ja, da möchte man in dem Moment als Patient bestimmt nicht drinliegen. Also, paß gut auf Dich auf und bleib gesund. Glaubst Du, daß Du Dich auf den SMS-Zwang unbedingt einlassen mußt? Relativiert sich das nicht mit der Zeit und wenn die erste Aufregung mit dem Semesterbeginn sich etwas gelegt hat? Vielleicht findest Du dich dann auch besser in das Uni- und Studienklima ein und verstehst das "indische" Englisch besser! Wünsch Dir viel Glück und viiiiiel Durchhaltevermögen! Tausend Grüße Caddi