Donnerstag, 20. Januar 2011

Ankunft im Corbett National Park

Am nächsten Morgen brachen wir in der dichtesten Nebelsuppe zum Bahnhof auf. Wir reisten in einem exzessiv zugigen Zweiteklasseabteil, das ich in meiner romantischen Verklärung bezüglich simplen, wenig luxuriösen Transportmitteln gebucht hatte, ohne dabei Jahreszeit und klimatische Bedingungen in meine Überlegung miteinzubeziehen. Die vom Hotel gepackten Frühstückspakete mit gekochten Eiern und Cutlets stellten einen kleinen Trost dar.. dann hieß es: neun Stunden Zeitung lesen und auf den nächsten Chai-Wallah warten, dessen heißer Tee die steifen Finger für kurze Zeit wieder beweglich machen würde. Auch die Handtücher und Pullover, die ich unter das Fenster stopfte, konnten die kalte Zugluft kaum aufhalten, die von allen Seiten an uns drang.. als wir gegen 17 Uhr in Haridwar, einer heiligen Ganges-Stadt in Uttarakhand, ankamen, blies uns zur Begrüßung eiskalter, direkt aus dem nahegelegen Himalaya stammender Wind um die Ohren. Dass unser Hotelzimmer finster und kalt und die Decken klamm waren, stellte auch nicht gerade eine erfreuliche Überraschung dar. Wir hielten uns also den Abend über im Big-Ben-Restaurant auf, wo Leonard immense Portionen von frittiertem Reis verspeiste und wir bei heiß dampfendem Ginger Tea Karten spielten. Anschließend buchten wir in einem zwiespältigen Reisebüro ein Taxi für den folgenden Tag.

[Zocker im Big Ben Restaurant]

Am nächsten Morgen erwachten wir gegen 7 Uhr.. nachdem ich auf den Kieselsteinen des Gangesbettes spazierend mit Sanyat telefoniert hatte, erhielt ich auch einen Anruf vom schmierigen shady-guy-Reiseunternehmer vom Vorabend, der mir verschlafen gestand, er vermisse mich.. und ansonsten wolle er sich nur erkundigen, ob unser Taxi schon da sei. Äh ja.. dass Leonard das witzig fand, war ja verständlich, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich der andere Angestellte der Agentur, ein dicker Stoppelbart im fliederfarbenen Rollkragenpulli, in ihn und seine blauen Augen verguckt hat :) wie dem auch sei, wenig später befanden wir uns auf der Fahrt zum 70 Kilometer entfernten Corbett National Park (meinem persönlichen Höhepunkt der Reise). Der Fahrer war ein vollkommen ausgerasteter, unfreundlicher Vollidiot, der dauerhupend und hektisch einfach jedem die Vorfahrt nahm. Zwar konnte ich ihn dazu bringen, das Gehupe einzustellen, jedoch gelang es auch durch zahlreiche Bitten nicht, sein Tempo zu drosseln. Außerdem verfuhr er sich im Nationalpark trotz mehrmaliger bellender Telefongespräche mit dem Hotel dermaßen, dass wir zwei Stunden mit einer Irrfahrt auf einer einsamen Bergstraße in karge Gipfelhöhen verloren.. immerhin hatten wir so aber eine gute Aussicht auf einige schneebedeckte Spitzen des Himalayas. Gegen 15 Uhr erreichten wir unser Hotel, wo uns zunächst ein Mittagessen gekocht wurde (recht unangenehm, wie viel Mühe man sich für uns machte). Danach beschlossen wir, noch einen kleinen Abendspaziergang durch den umliegenden Wald zu unternehmen. Als wir den in geringer Entfernung verlaufenden Ramganga-Fluss erreichten, brach bereits die Dämmerung langsam über uns herein.

Wir liefen ein wenig am Ufer entlang – als Leonard plötzlich gigantische, relativ frisch aussehende Spuren im Sand entdeckte. Zunächst rätselten wir ein wenig herum.. doch als wir alle Hunde- und Wildschweinoptionen ausgeschlossen und rechnerische Überlegungen über die Tiefe der Abdrücke im Vergleich zu der Tiefe unser eigenen Spuren angestellt hatten, verfestigte sich der Verdacht: Tiger. Es musste sich um ein sehr großes, prankenbewehrtes Tier von einem Gewicht von mindestens 250-300 Kilogramm gehandelt haben! Es wurde dunkler und dunkler.. wir stolperten über die Steine und Treibholzstücke und machten einander auf die beängstigenden Abdrücke aufmerksam, die wir hier und da entdeckten. Zu allem Unglück stellte sich eine vermeintliche Abkürzung auch noch als Sackgasse heraus und wir mussten ein gutes Stück zurückirren. Auf dem letzten Abschnitt unseres Weges, der uns durch einen absolut finsteren Wald führte, hörten wir einige Meter vor uns plötzlich etwas großes durchs Unterholz rascheln.. das schwere Wesen preschte dann mit einem Satz von links nach rechts über den Weg und grunzte oder knurrte furchterregend.. mir blieb im wahrsten Sinne das Herz stehen und ich wusste nicht, wohin ich rennen sollte: nach vorne, in Richtung des unbekannten Wesens und zugleich des sicheren Hotels, oder rückwärts, zurück in die von lauernden Tigern besiedelte Wildnis! Schließlich erreichten wir außer Atem doch noch unser sicheres Heim.. Am nächsten Morgen fragten wir den Hotelmanager, einen dicken Mann im Kordanzug, der so viele schwere Goldringe trug, dass er wie ein Kleinkrimineller wirkte, der sich nach einem großen Coup im dichten Wald zur Ruhe gesetzt hatte, ob es in der Umgebung Tiger gäbe. Er verneinte lachend („Immer diese Touristen!“) und meinte, es könne sich vielleicht um einen Fuchs oder einen Hirsch oder ein Wildschwein handeln. Als wir ihm die Fotos zeigten, die wir von den Fußspuren gemacht hatten, runzelte er die Stirn und meinte „Hm well.. that must in deed be something big.. yes.. yes that’s a tiger.“ Dann erzählte er – ach, das war ihm ja ganz entfallen, dass zwei Tage zuvor etwa 10 Kilometer flussabwärts eine Frau von einem Tiger angegriffen und getötet worden war und dass sich alle Bewohner der Umgebung zusammengeschlossen hätten, das Tier zu fangen. Vermutlich hat sich dieser gejagte Tiger den Fluss herauf in außerhalb seines eigentlichen Territoriums liegende, ruhigere Gebiete zurückgezogen.. gut zu wissen jedenfalls, dass wir uns in der Dunkelheit gemeinsam mit einem menschenfressenden Unwesen im Wald herumgetrieben hatten!!

[...uaah! und im Vergleich dazu meine Füße, Schuhgröße 41!]

Mittwoch, 19. Januar 2011

Agra.. hoffentlich zum letzten Mal!

[Leonard im Nachtzug nach Agra.. platzmäßig vielleicht doch etwas beengend für den Durchschnitsseuropäer]

Die Neujahrsnacht verbrachten wir in einem Zug gen Norden, Agra lautete das Ziel. Dass die Mitreisenden in unserem Abteil schon gegen 22 Uhr beschlossen, schlafen zu gehen und das Licht auszumachen, störte mich eigentlich nur peripher, stellte es doch eine gute Entschuldigung dar, selbst auch die Augen zu schließen und diesen grauenhaften weil erwartungsschwangeren Abend möglichst schnell und ohne geistige Gegenwart hinter sich zu bringen (da die Möglichkeit einer rauschenden Party ja sowieso ausgeschlossen war). Es scheint, als sei Sylvester in Indien sowieso nicht so wichtig, vermutlich weil traditionell das Diwali-Fest den Beginn eines neuen Jahres markiert.

Am nächsten Morgen kamen wir jedenfalls im grauenhaft kalten, nebligen (das heißt: wie immer widrigen) Agra an.. nachdem wir ein Frühstück im hoteleigenen „revolving restaurant“ aufgrund merkwürdig schwankenden Untergrunds in den Wind geschlagen hatten, nahmen wir Omelette, Nutellapfannkuchen und Veg Sandwich in einem kleinen mit Hühnertechno beschallten Kiosk in der Nähe des Taj Mahal zu uns. Anschließend bewegten wir uns in Richtung unseres guten alten weltbekannten Monuments.. ich ließ mich spontan breitschlagen, doch auch eine neue Runde Taj Mahal zu wagen. So kauften wir drei stinkteure Tickets und näherten uns den Eingangsbereich. Die Schlange vor dem West-Tor trieb selbst einer erfahrenen Taj-Mahal-Besucherin wie mir Schweißperlen auf die Stirn, die Warteten reihten sich bis zum Horizont aneinander und das nicht nur einfach, sondern in mehreren Schlangen nebeneinander, es hatte sich quasi ein Warteknäuel vor dem Einlass gebildet, dessen entwirrte Länge sich auf mindestens einen Kilometer belief. Da sich die ganze Prozession außerdem auch nur äußerst langsam bis gar nicht zu bewegen schien, beschlossen wir, auf die Dummheit der Menschen zu vertrauen und die Bedingungen am Ost-Tor auszuchecken.. vielleicht waren diese Herdentiere ja blind der Menge gefolgt und hatten sich vom Ticketschalter zum direkt daneben befindlichen Eingang begeben, ohne jemals über die Option des anderen Zugangstors nachzudenken? Und tatsächlich: Als wir die gegenüber gelegene Seite des Taj erreichten, fanden wir dort eine viel kürzere Schlange vor, in welcher die Wartenden sogar ein wenig vorwärts rückten. Wir reihten uns also ein.. und warteten.. und warteten.. eine Wasserbüffelherde kam durch die enge Straße und brachte ein bisschen Bewegung in die Angelegenheit, jedoch nur für eine kurze Weile. Um uns herum standen ausschließlich indische Touristen, da die meisten ausländischen Besucher die Möglichkeit wahrnahmen, einen der government guides mit 300 Rupien zu bestechen und dafür ohne Warten eingelassen zu werden. Wir spielten tiefsinnige Ratespiele und unterhielten uns über die von Schuppen berieselten Schultern der vor uns Stehenden. Nach einer Weile machte auch das keinen Spaß mehr und auch ein hinter uns eingereihter Betrunkener, der uns seit Minuten wie gebannt angestarrte, trug nicht gerade zu einer entspannten Atmosphäre bei. So beschlossen wir dann, das Unterfangen bleibenzulassen und traten mit einem befreienden Schritt aus der Warteschlange aus. Mama war gewitzt genug, die Eintrittskarten (immerhin 20 Euro wert) am Ticketschalter zurückzuverkaufen.

Agra ist irgendwie echt ne ziemlich langweilige Stadt.. in Ermangelung an Alternativen, beschlossen wir, wieder mal ein Fort anzuschauen. Dies erwies sich als richtige Entscheidung, denn die Besichtigung war aufgrund unseres beredeten Guides sehr interessant. Durch die historischen Details, die er uns erzählte, fügte sich für mich – endlich, nach meinen zahlreichen Rajasthan-Trips, quasi ein Geschichtspuzzle zusammen. Das Agra Fort wurde schon um 1000 n.Chr. erbaut und erlangte größere Bedeutung als der Mogul Akbar um 1550 seinen Herrschaftssitz von Delhi nach Agra verlegte – von hier führte er seinen Eroberungsfeldzug Richtung Süden und griff Chittorgarh an. Für eine kurze Periode von etwa 15 Jahren verlagerte er seinen Stützpunkt ins 30 Kilometer entfernte Fatehpur Sikri, gab diesen Standpunkt wegen mangelnder Wasserversorgung aber bald wieder auf.

Akbars Sohn Jahangir lebte ebenfalls im Agra Fort. Er war von allen Mogulherrschern der nutzloseste, der seine Zeit lieber dem Alkohol und der Musik statt Kriegs- oder Staatsführung widmete. Sein Hofstaat umfasste daher mehr als 400 Konkubinen, welche einen eigenen Palastbereich bewohnten. Nach seiner relativ kurzen Herrschaft, aus welcher kaum Bauwerke stammen, kam Jahangirs Sohn Shah Jahan, einer der geschäftigsten und ehrgeizigsten Moguln an die Macht. Er erweiterte das Fort und ließ vom großen, den Konkubinen zur Verfügung stehenden Hof zwei kleine Ecken abtrennen, welche jeweils zum Palast für seine Töchter Jahanara und Roshanara dienten.. das Größenverhältnis war ganz schön krass. Shah Jahan ist der Schöpfer vieler bis heute erhaltener Mogulmonumente wie zum Beispiel des Roten Fort (Lal Qila) in Delhi und des Taj Mahal.. im Jahre 1660 nutzte sein drittältester Sohn Aurangzeb, ein religiöser Fundamentalist, die verschwenderische Staatsführung seines Vaters für sich: Er brachte die ausgebeutete, geschundene Bauernschaft auf seine Seite und ergriff mit ihrer Unterstützung an seines Vaters statt die Macht. Shah Jahan wurde für die letzten acht Jahre seines Lebens in ein Turmzimmer des Agra Forts gesperrt, wo er, verpflegt von seiner Tochter Jahanara, vor sich hin dämmerte und vom Anblick des Taj Mahal, welches er von seinem Fenster aus sehen konnte, gequält und vielleicht gleichzeitig beruhigt wurde.

[auf Shah Jahans Thron, welcher aus einem besonderen, aus Belgien importierten Stein gearbeitet ist.. ich weiß gar nicht, wieso die Leute damals so auf Importgüter ausgerechnet aus Belgien abgefahren sind.. hat der Staat damals überhaupt schon existiert?]

Mit der lohnenswerten Besichtigung dieses geschichtsträchtigen Ortes endete unser Agra-Aufenthalt doch besser als zwischenzeitlich gedacht und das ganz ohne Besichtigung des Taj.. übrigens erfuhren wir später, dass wir uns tatsächlich den denkbar schlechtesten Tag für einen Besuch des Taj Mahal ausgesucht hatten: Neujahr, einen Nationalfeiertag, den viele Inder für einen kleinen Ausflug nutzen wollten. Der enorme Andrang war sogar insane genug, um auf der Titelseite der Tageszeitungen zu landen.. es waren zwar keine Zahlen angegeben, aber anscheinend wurden alle bisherigen Rekorde gebrochen.. und das heißt, es waren definitiv mehr als 35.000 Besucher, denn die werden an besseren Tagen schonmal öfter erreicht.. ich hoffe, ich muss nie wieder zu ihnen gehören!!

Udaipur


[am Morgen, als ich in meinem Bett direkt am Fenster unseres Seeblick-Zimmers erwachte, hatte ich eine unfassbar gute Aussicht auf das im Morgennebel gelegene Udaipur]

In Udaipur verbrachten wir den folgenden Tag damit, uns den märchenhaft am Pichola-See gelegenen City Palace anzuschauen. Den Grundstein des Palastes legte im Jahr 1580 der aus Chittorgarh gerettete Udai Singh, seine Nachfolger erweiterten den Palast im Laufe der nächsten 300 Jahre, sodass das heutige Gebäude eine Verschachtelung von mehr als elf Einzelpalästen darstellt (wie man die gezählt hat, ist mir unklar). Meine Vermutung, dass das Hollywood-Far-East-Fiction-Märchen „The Fall“ hier gedreht worden sein könnte, bestätigte sich nicht.. stattdessen lernten wir aber, dass der Palast als Kulisse für „James Bond – Octopussy“ gedient hatte, weswegen diese 007-Episode in mehreren Restaurants der Stadt allabendlich gezeigt wird!

[der City Palace vom Pichola-See aus]

Das Palastmuseum war recht staubig, stellte aber auf vielen lustigen grundschulwasserfarbenartigen Bildern Anekdoten aus dem Hause Mewar dar.. besonders tragisch ist die Geschichte von Chetak, dem Pferd von Maharana Pratap, Udai Singhs Enkel. Maharana Pratap nämlich beschloss, das Fort von Chittorgarh von Akbar zurückzuerobern. Die Armeen der beiden Herrscher stießen auf dem unterhalb der Felserhebung von Chittor gelegenen Haldighat (einer großen Ebene) zusammen, wo sie sich eine stundenlange Schlacht lieferten. Maharana Pratap persönlich versuchte, den Offizier Akbars Truppen, den mit den Muslimen kooperierenden Raja Man Singh aus Jaipur, mit seiner Lanze zu töten. Man Singh duckte sich geschickt, so dass die Lanze Prataps sich stattdessen in den Kopf des Kriegselefanten bohrte, auf welchem Man Singh ritt. Zu derlei Heldentaten waren die Mewar-Streiter in der Lage, doch die Soldaten Prataps waren den Moguln zahlenmäßig stark unterlegen, so dass eine Niederlage unausweichlich schien. Als Pratap sich von feindlichen Soldaten umringt sah, schlug die große Stunde seines stolzen Hengsts Chetak: Das Pferd preschte durch die feindliche Linie, wobei es tödlich verwundet wurde – es gelang ihm noch mit letzter Kraft, seinen Reiter in die dicht bewaldete Wildnis der Aravalli-Berge zu tragen, wo es dann einen heldenhaften Tod starb. Dem Schlachtross sind in Udaipur einige Standbilder gewidmet, die allesamt einen recht merkwürdigen Eindruck machen.. das reiterlose Pferd sieht fast aus, als wäre das Monument nicht fertig gestellt worden.

Chittorgarh Fort

Am Abend kamen wir in Udaipur an. Weil wir unter Sanyats Namen ein Zimmer reserviert hatten, war der Portier unseres Hotels leicht verwirrt, als er drei ausländische Touristen empfing, geleitete uns aber kurzerhand in ein schönes Zimmer im obersten Stockwerk mit Aussicht auf den Pichola-See, an welchem Udaipur gelegen ist. Als kurz darauf eine weitere Gruppe von foreign nationals eintraf, sah sich der Guteste jedoch mit einem Problem konfrontiert, hatte er das Seeblickzimmer doch ursprünglich diesen leicht agressiv wirkenden Russen versprochen. Als er uns daraufhin zu erklären versuchte, er habe für uns eigentlich ein anderes (nämlich schlechteres) Zimmer reserviert gehabt, da er angenommen habe, wir seien Inder (wie macht das denn einen Unterschied?), bereitete ich seinen peinlichen, irgendwie vom indischen Minderwertigkeitskomplex gefärbten Ausführungen ein Ende, indem wir uns mit dem fensterlosen Zimmer zufrieden erklärten.. immerhin wurde uns dafür für die nächste Nacht die Hotelsuite mit noch viel größeren Fenstern und weicheren Betten versprochen..

Am nächsten Tag fuhren wir nach Chittorgarh, eine 170 Kilometer von Udaipur gelegene Stadt, die für das mit einer Fläche von 2,8 Quadratkilometern größte Fort Indiens bekannt ist. Das Fort, das auf einem aus der vollkommen flachen Umgebung ragenden, 180 Meter hohen Felsen thront, wurde schon 730 n.Chr. erbaut und diente der Rajputfamilie der Mewars für über 800 Jahre als Hauptstadt ihres Königreichs. Das Fort wurde im Laufe seiner Geschichte viele Male von muslimischen Eroberern, welche sich im nördlich gelegenen Delhi niedergelassen hatten, angegriffen. Die Rajputenherrscher leisteten den Eroberern erbitterten Widerstand, wobei oft die gesamte Bevölkerung des Forts und das ganze Heer der Mewars in Schlachten und durch Belagerungen umkam und nur wenige Angehörige der Herrscherfamilie überlebten, welche das Geschlecht weiterleben ließen.

[in einem Shiva-Tempel im Fort.. eines der lächerlichsten Götterbilder, das ich je gesehen habe]

Der erste Angreifer war der Sultan Alla Uddin Khalji. Der Legende nach begab er sich zum Fort von Chittorgarh, weil er von der Schönheit der dort lebenden Prinzessin Padmini gehört hatte. Zwar wurde ihm Einlass in die Festungsanlage gewährt, jedoch war es ihm nicht erlaubt, Padmini direkt anzusehen, sondern es wurde ihm in einer Vollmondnacht lediglich ihr Spiegelbild gezeigt. Daraufhin verliebte sich Alla Uddin Khalji natürlich unsterblich und beschloss, das Fort einzunehmen. Monatelang lieferten sich die Soldaten beider Seiten schwere Schlachten, wobei die Truppen der Mewars schließlich unterlagen.. die alleine im Fort befindlichen 13000 Frauen der Verstorbenen waren somit den grausamen Eroberern ausgeliefert. Um ihrem sicheren Schicksal zu entgehen, beschloss Padmini, sich umzubringen und so verbrannte sie sich gemeinsam mit ihren 13000 Leidensgenossinnen in einem großen Feuer. Unfassbar gruselige Geschichte.. noch schockierender ist, dass diese Praxis sich im Laufe der Geschichte dreimal (nach Belagerungen durch verschiedene Angreifer) wiederholt haben soll. Bei Ausgrabungen vor einigen Jahren wurde scheinbar auch eine riesige Ansammlung von Asche gefunden, welche die Überreste des Scheiterhaufens darstellen könnte.

[der 37 Meter hohe Siegesturm, der anlässlich der erfolgreichen Rückeroberung des Forts von Sultan Khalji um 1460 erbaut wurde.. sehr verwunderlich, dass dieser 9stöckige Hindutempel nicht von den späteren muslimischen Angreifern zerstört wurde]

Der letzte Angreifer war im Jahre 1565 der Mogul Akbar, welcher das Königreich Mewar seinem nordindischen Imperium einverleiben wollte. Konfrontiert mit der Übermacht der feindlichen Truppen beschloss der damalige König von Mewar, Rana Sangram Singh, seinen Sohn und Erben Udai Singh durch eine List vor dem sicheren Tod zu retten. Obwohl Sangram Singh dafür von seinen Zeitgenossen zunächst als Feigling kritisiert wurde, sollte sich seine Entscheidung später als sehr klug erweisen.. Udai Singhs Amme legte ihren eigenen Sohn in das Bett des Prinzen, wo er von den feindlichen Soldaten getötet wurde, und schmuggelte den Thronfolger in einem Wäschekorb in Sicherheit. Der Prinz wuchs mit den wenigen Überlebenden des Angriffs Akbars in den Bergen des heutigen Udaipurs auf.

Ranakpur

Von Jodhpur aus fuhren wir am Morgen des 29. Dezembers in südlicher Richtung nach Udaipur.. dabei passierten wir die bis zu 1000 Meter hohen Aravalli-Berge, welche die trockene Wüstengegend des Nordens von den fruchtbareren Ebenen im Südosten des Bundesstaates trennen. Inmitten der Berge machten wir Halt in Ranakpur, einem kleinen Ort, der für seine (wie üblich) aufwendig verzierten Jaintempel aus dem 15. Jahrhundert bekannt ist. Vor allem die im Gegensatz zum nebelig-diesigen Delhi und der Trockenheit Jaisalmers plötzlich so üppig-grüne, tropische Vegetation der Umgebung gefiel uns sehr.