[Zocker im Big Ben Restaurant]
Am nächsten Morgen erwachten wir gegen 7 Uhr.. nachdem ich auf den Kieselsteinen des Gangesbettes spazierend mit Sanyat telefoniert hatte, erhielt ich auch einen Anruf vom schmierigen shady-guy-Reiseunternehmer vom Vorabend, der mir verschlafen gestand, er vermisse mich.. und ansonsten wolle er sich nur erkundigen, ob unser Taxi schon da sei. Äh ja.. dass Leonard das witzig fand, war ja verständlich, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich der andere Angestellte der Agentur, ein dicker Stoppelbart im fliederfarbenen Rollkragenpulli, in ihn und seine blauen Augen verguckt hat :) wie dem auch sei, wenig später befanden wir uns auf der Fahrt zum 70 Kilometer entfernten Corbett National Park (meinem persönlichen Höhepunkt der Reise). Der Fahrer war ein vollkommen ausgerasteter, unfreundlicher Vollidiot, der dauerhupend und hektisch einfach jedem die Vorfahrt nahm. Zwar konnte ich ihn dazu bringen, das Gehupe einzustellen, jedoch gelang es auch durch zahlreiche Bitten nicht, sein Tempo zu drosseln. Außerdem verfuhr er sich im Nationalpark trotz mehrmaliger bellender Telefongespräche mit dem Hotel dermaßen, dass wir zwei Stunden mit einer Irrfahrt auf einer einsamen Bergstraße in karge Gipfelhöhen verloren.. immerhin hatten wir so aber eine gute Aussicht auf einige schneebedeckte Spitzen des Himalayas. Gegen 15 Uhr erreichten wir unser Hotel, wo uns zunächst ein Mittagessen gekocht wurde (recht unangenehm, wie viel Mühe man sich für uns machte). Danach beschlossen wir, noch einen kleinen Abendspaziergang durch den umliegenden Wald zu unternehmen. Als wir den in geringer Entfernung verlaufenden Ramganga-Fluss erreichten, brach bereits die Dämmerung langsam über uns herein.
Wir liefen ein wenig am Ufer entlang – als Leonard plötzlich gigantische, relativ frisch aussehende Spuren im Sand entdeckte. Zunächst rätselten wir ein wenig herum.. doch als wir alle Hunde- und Wildschweinoptionen ausgeschlossen und rechnerische Überlegungen über die Tiefe der Abdrücke im Vergleich zu der Tiefe unser eigenen Spuren angestellt hatten, verfestigte sich der Verdacht: Tiger. Es musste sich um ein sehr großes, prankenbewehrtes Tier von einem Gewicht von mindestens 250-300 Kilogramm gehandelt haben! Es wurde dunkler und dunkler.. wir stolperten über die Steine und Treibholzstücke und machten einander auf die beängstigenden Abdrücke aufmerksam, die wir hier und da entdeckten. Zu allem Unglück stellte sich eine vermeintliche Abkürzung auch noch als Sackgasse heraus und wir mussten ein gutes Stück zurückirren. Auf dem letzten Abschnitt unseres Weges, der uns durch einen absolut finsteren Wald führte, hörten wir einige Meter vor uns plötzlich etwas großes durchs Unterholz rascheln.. das schwere Wesen preschte dann mit einem Satz von links nach rechts über den Weg und grunzte oder knurrte furchterregend.. mir blieb im wahrsten Sinne das Herz stehen und ich wusste nicht, wohin ich rennen sollte: nach vorne, in Richtung des unbekannten Wesens und zugleich des sicheren Hotels, oder rückwärts, zurück in die von lauernden Tigern besiedelte Wildnis! Schließlich erreichten wir außer Atem doch noch unser sicheres Heim.. Am nächsten Morgen fragten wir den Hotelmanager, einen dicken Mann im Kordanzug, der so viele schwere Goldringe trug, dass er wie ein Kleinkrimineller wirkte, der sich nach einem großen Coup im dichten Wald zur Ruhe gesetzt hatte, ob es in der Umgebung Tiger gäbe. Er verneinte lachend („Immer diese Touristen!“) und meinte, es könne sich vielleicht um einen Fuchs oder einen Hirsch oder ein Wildschwein handeln. Als wir ihm die Fotos zeigten, die wir von den Fußspuren gemacht hatten, runzelte er die Stirn und meinte „Hm well.. that must in deed be something big.. yes.. yes that’s a tiger.“ Dann erzählte er – ach, das war ihm ja ganz entfallen, dass zwei Tage zuvor etwa 10 Kilometer flussabwärts eine Frau von einem Tiger angegriffen und getötet worden war und dass sich alle Bewohner der Umgebung zusammengeschlossen hätten, das Tier zu fangen. Vermutlich hat sich dieser gejagte Tiger den Fluss herauf in außerhalb seines eigentlichen Territoriums liegende, ruhigere Gebiete zurückgezogen.. gut zu wissen jedenfalls, dass wir uns in der Dunkelheit gemeinsam mit einem menschenfressenden Unwesen im Wald herumgetrieben hatten!!
[...uaah! und im Vergleich dazu meine Füße, Schuhgröße 41!]
2 Kommentare:
OMG! Zum Glück habt Ihr das überstanden. Das ist ja wirklich gruselig!
Ja, zuerst fanden wir das ganz witzig und haben uns gegenseitig versucht Angst zu machen.... als es dann aber zunehmend dunkler wurde und wir auch noch ein ganzes Stück Weg wieder zurück mussten und durch den finsteren Wald.... das war wirklich reichlich unheimlich...
Am nächsten Tag lasen wir dann, dass sich Spaziergänger einen der Hunde, die zum Hotel gehörten, als Begleiter mitnehmen sollten. Allerdings funktioniert das dann so, sobald der Hund die Flucht ergreift sollte man selbst auch die Beine in die Hand nehmen, verteidigen würde einen der Hund keinesfalls.... Sehr witzig!!!
Kommentar veröffentlichen