[Leonard im Nachtzug nach Agra.. platzmäßig vielleicht doch etwas beengend für den Durchschnitsseuropäer]
Die Neujahrsnacht verbrachten wir in einem Zug gen Norden, Agra lautete das Ziel. Dass die Mitreisenden in unserem Abteil schon gegen 22 Uhr beschlossen, schlafen zu gehen und das Licht auszumachen, störte mich eigentlich nur peripher, stellte es doch eine gute Entschuldigung dar, selbst auch die Augen zu schließen und diesen grauenhaften weil erwartungsschwangeren Abend möglichst schnell und ohne geistige Gegenwart hinter sich zu bringen (da die Möglichkeit einer rauschenden Party ja sowieso ausgeschlossen war). Es scheint, als sei Sylvester in Indien sowieso nicht so wichtig, vermutlich weil traditionell das Diwali-Fest den Beginn eines neuen Jahres markiert.
Am nächsten Morgen kamen wir jedenfalls im grauenhaft kalten, nebligen (das heißt: wie immer widrigen) Agra an.. nachdem wir ein Frühstück im hoteleigenen „revolving restaurant“ aufgrund merkwürdig schwankenden Untergrunds in den Wind geschlagen hatten, nahmen wir Omelette, Nutellapfannkuchen und Veg Sandwich in einem kleinen mit Hühnertechno beschallten Kiosk in der Nähe des Taj Mahal zu uns. Anschließend bewegten wir uns in Richtung unseres guten alten weltbekannten Monuments.. ich ließ mich spontan breitschlagen, doch auch eine neue Runde Taj Mahal zu wagen. So kauften wir drei stinkteure Tickets und näherten uns den Eingangsbereich. Die Schlange vor dem West-Tor trieb selbst einer erfahrenen Taj-Mahal-Besucherin wie mir Schweißperlen auf die Stirn, die Warteten reihten sich bis zum Horizont aneinander und das nicht nur einfach, sondern in mehreren Schlangen nebeneinander, es hatte sich quasi ein Warteknäuel vor dem Einlass gebildet, dessen entwirrte Länge sich auf mindestens einen Kilometer belief. Da sich die ganze Prozession außerdem auch nur äußerst langsam bis gar nicht zu bewegen schien, beschlossen wir, auf die Dummheit der Menschen zu vertrauen und die Bedingungen am Ost-Tor auszuchecken.. vielleicht waren diese Herdentiere ja blind der Menge gefolgt und hatten sich vom Ticketschalter zum direkt daneben befindlichen Eingang begeben, ohne jemals über die Option des anderen Zugangstors nachzudenken? Und tatsächlich: Als wir die gegenüber gelegene Seite des Taj erreichten, fanden wir dort eine viel kürzere Schlange vor, in welcher die Wartenden sogar ein wenig vorwärts rückten. Wir reihten uns also ein.. und warteten.. und warteten.. eine Wasserbüffelherde kam durch die enge Straße und brachte ein bisschen Bewegung in die Angelegenheit, jedoch nur für eine kurze Weile. Um uns herum standen ausschließlich indische Touristen, da die meisten ausländischen Besucher die Möglichkeit wahrnahmen, einen der government guides mit 300 Rupien zu bestechen und dafür ohne Warten eingelassen zu werden. Wir spielten tiefsinnige Ratespiele und unterhielten uns über die von Schuppen berieselten Schultern der vor uns Stehenden. Nach einer Weile machte auch das keinen Spaß mehr und auch ein hinter uns eingereihter Betrunkener, der uns seit Minuten wie gebannt angestarrte, trug nicht gerade zu einer entspannten Atmosphäre bei. So beschlossen wir dann, das Unterfangen bleibenzulassen und traten mit einem befreienden Schritt aus der Warteschlange aus. Mama war gewitzt genug, die Eintrittskarten (immerhin 20 Euro wert) am Ticketschalter zurückzuverkaufen.
Agra ist irgendwie echt ne ziemlich langweilige Stadt.. in Ermangelung an Alternativen, beschlossen wir, wieder mal ein Fort anzuschauen. Dies erwies sich als richtige Entscheidung, denn die Besichtigung war aufgrund unseres beredeten Guides sehr interessant. Durch die historischen Details, die er uns erzählte, fügte sich für mich – endlich, nach meinen zahlreichen Rajasthan-Trips, quasi ein Geschichtspuzzle zusammen. Das Agra Fort wurde schon um 1000 n.Chr. erbaut und erlangte größere Bedeutung als der Mogul Akbar um 1550 seinen Herrschaftssitz von Delhi nach Agra verlegte – von hier führte er seinen Eroberungsfeldzug Richtung Süden und griff Chittorgarh an. Für eine kurze Periode von etwa 15 Jahren verlagerte er seinen Stützpunkt ins 30 Kilometer entfernte Fatehpur Sikri, gab diesen Standpunkt wegen mangelnder Wasserversorgung aber bald wieder auf.
Akbars Sohn Jahangir lebte ebenfalls im Agra Fort. Er war von allen Mogulherrschern der nutzloseste, der seine Zeit lieber dem Alkohol und der Musik statt Kriegs- oder Staatsführung widmete. Sein Hofstaat umfasste daher mehr als 400 Konkubinen, welche einen eigenen Palastbereich bewohnten. Nach seiner relativ kurzen Herrschaft, aus welcher kaum Bauwerke stammen, kam Jahangirs Sohn Shah Jahan, einer der geschäftigsten und ehrgeizigsten Moguln an die Macht. Er erweiterte das Fort und ließ vom großen, den Konkubinen zur Verfügung stehenden Hof zwei kleine Ecken abtrennen, welche jeweils zum Palast für seine Töchter Jahanara und Roshanara dienten.. das Größenverhältnis war ganz schön krass. Shah Jahan ist der Schöpfer vieler bis heute erhaltener Mogulmonumente wie zum Beispiel des Roten Fort (Lal Qila) in Delhi und des Taj Mahal.. im Jahre 1660 nutzte sein drittältester Sohn Aurangzeb, ein religiöser Fundamentalist, die verschwenderische Staatsführung seines Vaters für sich: Er brachte die ausgebeutete, geschundene Bauernschaft auf seine Seite und ergriff mit ihrer Unterstützung an seines Vaters statt die Macht. Shah Jahan wurde für die letzten acht Jahre seines Lebens in ein Turmzimmer des Agra Forts gesperrt, wo er, verpflegt von seiner Tochter Jahanara, vor sich hin dämmerte und vom Anblick des Taj Mahal, welches er von seinem Fenster aus sehen konnte, gequält und vielleicht gleichzeitig beruhigt wurde.
[auf Shah Jahans Thron, welcher aus einem besonderen, aus Belgien importierten Stein gearbeitet ist.. ich weiß gar nicht, wieso die Leute damals so auf Importgüter ausgerechnet aus Belgien abgefahren sind.. hat der Staat damals überhaupt schon existiert?]
Mit der lohnenswerten Besichtigung dieses geschichtsträchtigen Ortes endete unser Agra-Aufenthalt doch besser als zwischenzeitlich gedacht und das ganz ohne Besichtigung des Taj.. übrigens erfuhren wir später, dass wir uns tatsächlich den denkbar schlechtesten Tag für einen Besuch des Taj Mahal ausgesucht hatten: Neujahr, einen Nationalfeiertag, den viele Inder für einen kleinen Ausflug nutzen wollten. Der enorme Andrang war sogar insane genug, um auf der Titelseite der Tageszeitungen zu landen.. es waren zwar keine Zahlen angegeben, aber anscheinend wurden alle bisherigen Rekorde gebrochen.. und das heißt, es waren definitiv mehr als 35.000 Besucher, denn die werden an besseren Tagen schonmal öfter erreicht.. ich hoffe, ich muss nie wieder zu ihnen gehören!!
2 Kommentare:
schade war es schon, dass wir das Taj Mahal nicht gesehen haben, aber bei den Menschenmassen, die sich an diesem Tag dort rumwälzten, wäre es sicher auch kein allzu großer Genuß geworden. Vielleicht kann man sich da besser einen schönen Bildband zulegen....
und die Führung war sehr interessant, sicher wesentlich informativer als der Besuch des Taj Mahal.
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