Montag, 21. März 2011

Kochi

[Erbeerfrühstück im Zug]

Gegen 11.30 Uhr kamen wir in der Hafenstadt Kochi (bzw. Cochin) in Kerala an. Von Ernakulam, Kochins modernem Festlandviertel, setzten wir mit der Fährt zur auf einer Insel gelegenen Altstadt Fort Cochin über. Dort buchten wir uns in einem der europäisch aussehenden, uralten Gebäude ein, die den nördlichen Teil der Insel einnehmen. Zu erklären ist deren Präsenz durch Kochis bewegte Geschichte: Von 1500 bis etwa 1650 hatten die Portugiesen Kochi zu ihrem wichtigsten Handelshafen in Südindien gemacht, danach hatten die Holländer die Stadt eingenommen. Nur 100 Jahre später wurde sie von Tipu Sultan, einem aus dem Norden Indiens eingewanderten muslimischen Herrscher, erobert, welcher viele Gebäude zerstörte. Weitere 20 Jahre darauf geriet Kochi schließlich in britische Hand, welche – sich der strategisch günstigen Lage der Stadt ebenfalls bewusst – den Hafen für verstärkten Handel mit Übersee weiter ausbauten.

[auch die Chinesen haben schon früh mit Kochi Handel betrieben: von hier wurden Zimt, Chilis und andere Gewürze in andere Länder Asiens exportiert.. die Chinesen brachten im Gegenzug im 13. Jahrhundert die traditionellen chinesischen Fischernetze nach Kochi]

Ein erster Rundgang durch die sonnigen Gassen stellte sich leider als ermüdend und langweilig heraus. Zwar sehen die Häuschen mit ihren gepflegten Vorgärten voll Sonnenblumen sehr nett und auch ein bisschen deplatziert aus.. doch besonders viel zu sehen gab es für uns nicht, vor allem da die Straßen – eben auch echt europäisch – wie ausgestorben lagen und im näheren Umkreis ausschließlich Souvenirstände, mit Continental Food werbende Touristenrestaurants und Hotels zu finden waren.

Nach einem enttäuschten Mittagsschlaf mieteten wir uns zwei Fahrräder, mit welchen wir die weitere Umgebung auskundschafteten. Im Rahmen dieser Tour kamen wir unter anderem zu einem holländischen Palast (auch ein wenig langweilig.. naja, was stellt man sich unter solch einem Titel auch schon Großartiges vor..?) und einer der ältesten Synagogen Indiens, welche schon um 1560 erbaut wurde. Das jüdische Viertel durchquerten wir übrigens unmittelbar nach dem muslimischen.. und kurz darauf tauchte vor uns eine der zahlreichen, vom Einfluss des Christentums in Südindien zeugenden Kathedralen auf. Wie Kochi wegen seiner wirtschaftlich vorteilhaften Lage und der damit zusammenhängenden großen Zahl an Einwanderern zugleich das Einfallstor für verschiedene Religionen darstellte, war dann doch eine relativ beeindruckende Vorstellung. Alles in allem jedoch war unser Aufenthalt in Kochi die bei Weitem größte Enttäuschung der Reise.

[die um 1660 erbaute Paradesi-Synagoge]

5 Kommentare:

Doro hat gesagt…

Hallo Vicky, echt schön, was Du alles so erlebst. Eine Frage habe ich aber doch: Denkst Du denn manchmal auch an zuhause? ;)

Anonym hat gesagt…

Mein Gott Vicky, wenn man Deinen Blog liest, könnte man glauben, Du wärest seit einem Jahr ununterbrochen auf Reisen kreuz und quer durch Indien. Außerdem hat man den Eindruck, Du seiest entweder am Verhungern und Verdursten - oder permanent am Futtern!Ich bin mir sicher, daß Du auch ganz banale, normale Tage hast, an denen Du arbeiten mußt wie andere normale Leute auch - oder? Was machen Deine Studien? Hast Du das Thema, das Ihr gestellt bekommen habt, schon bearbeitet - und wie mußt Du es präsentieren, wenn überhaupt? Ich bin schon sehr gespannt, wenn Du wieder zu Hause bist, was Du alles zu berichten hast, außer den Blog-Geschichten. Diesmal mußt Du dann einen Vortrag halten mit all Deinen Fotos (so als Diashow)!! Das stelle ich mir schön vor und interessant. Freust Du Dich auf Zuhause? Oder fehlt Dir dann die große indische Freiheit?
Übrigens, na ja, wieder eine typische Caddi-Frage? Was bekommt Ihr von der Katastrophe in Japan mit vor allem auch mit dem Reaktorunglück?
Viele liebe Grüße Caddi

Vicky hat gesagt…

hallo Caddy,
danke für deine zahlreichen kommentare :) jaa, ich reise wahrhlich viel, auch wenn damit vorerst nun erstmal schluss ist. konzentriere mich gerade mal mehr aufs studium,ein bisschen.. die examen rücken auch näher. für den weiteren verlauf des sommers bewerb ich mich außerdem für praktika sowohl in deutschland als auch indien..mal sehen,ob dabei was rauskommt. und jaaa,ich freu mich schon auf daheim, auch wenn sich zugleich schon ein bisschen abschiedsangst anschleicht. und klar, ich mach nen dia-vortrag. nur wird die auswahl der bilder mindestens 2 monate zeit in anspruch nehmen,glaub ich :)

was übrigens die japan-katastrophe betrifft,so bekommt man davon nicht sooo besonders viel, nach den ersten paar tagen war das ganze von den titelseiten der zeitungen verschwunden und da es hier keine internationalen angelegenheiten oder auch nur "aus aller welt" gibt, sind die printmedien relativ nutzlos. amelie, meine mitbewohnerin, hat aber zur zeit besuch von einer ihrer kommilitoninnen, die in japan studiert hat (auch als austauschstudent) und nun das land bis auf weiteres verlassen musste.. von ihr haben wir einiges an erster-hand-informationen erfahren.. mmh.

bald gibts was neues auf dem blog, hoffe ich,also immer schön dranbleiben!

liebe grüße von
vicky

Anonym hat gesagt…

Hallo Vicky,
tut überhaupt nix zur sache, ist aber fast brandnew aus baden-württemberg:
haben doch die seit ewigen zeiten konservativen schwaben (ok...die badenser auch..) tatsächlich als erstes bundesland den 1. grünen ministerpräsidenten gewählt!!! respekt! wird sicher nicht einfach werden, plötzlich nicht mehr als opposition zu agieren sondern in der regierungsverantwortung zu stehen! umso spannender. lässt mich doch wieder etwas mehr an die demokratie glauben.
ansonsten sei herzlich gegrüßt aus münchen, (ps. 22.5. bist du da schon daheim? konfirmation antonia?), annette

mama hat gesagt…

hier könnte auch mal wieder ein neuer blogeintrag kommen! Man ist so dran gewöhnt, neue geschichten aus indien zu hören.