Anfang Februar nahmen Isha und ich durch Shalini, eine 40jährige Klassenkameradin, die die letzten zwei Jahrzehnte in Kalifornien gelebt hat, Kontakt mit einer Art NGO auf, die sich auf den Schutz und die Stärkung der Bodenrechte der bäuerlichen Landbevölkerung konzentriert. Beim ersten Treffen machten die beiden anwesenden Gründer der neuen NGO, welche unter sich mehrere Duzend seit Langem in der Angelegenheit tätige NGOs aus ganz Indien vereinen zu sucht, den Eindruck, radikal (kommunistisch, oder wenigstens sozialistisch) angehaucht und extrem unorganisiert zu sein. Ohne dass man uns überhaupt nach unserer Meinung fragte, wurden wir zu Mitgliedern ernannt und man vertraute uns, dem Thema vollkommen fremden Erstsemestern, Rechercheaufgaben an. Smita, in meinen Augen die Obergenossin, hatte es sich zum Ziel gemacht, einen offenen Brief an die indische Regierung zu schreiben, in welchem alle möglichen mit Bodenrecht in Verbindung stehenden Gesetze, Gesetzesentwürfe und Verwaltungsangelegenheiten zu kritisieren. Sich auf ihren Lehrauftrag als Professorin an der (anerkanntermaßen sehr linksgerichteten) Jawaharlal Nehru University (JNU) Delhi berufend, zog sie Isha, mich und Sneha (Studentin der social sciences) heran, eine einseitige Kritik zu einem Thema unserer Wahl zu verfassen.. ich ergatterte das Thema Land Titling.
Aufgrund meiner Faulheit im letzten Heidelberger Semester in Sachen Landrechten gänzlich unbewandert und hinsichtlich der rechtlichen Situation im common law system schon gleich vollkommen ohne Ahnung kam ich mir doch leicht überfordert vor mit dieser Aufgabe. Ich verstand noch nicht einmal, was an Land Titling denn so neu sein soll.. in der kommenden session der Lok Sabha soll nämlich ein Gesetzesentwurf diskutiert werden, welcher vorsieht, in Indien ein System von durchnummeriertem Grundbesitz einzuführen. Der Käufer einer Parzelle muss den Eigentumsübergang für dessen Wirksamkeit von öffentlicher Seite registrieren lassen.. das Prozedere gleicht damit dem in Deutschland üblichen Erfassung von Eigentums- und Besitzverhältnissen im Grundbuch. Sobald ich das verstanden hatte, wurde mir bewusst, dass folglich in Indien bisher ein anderes System vorherrschen müsse. Indeed. Es ist das Deed System. Wer vor einem indischen Gericht nachweisen möchte, dass er der Eigentümer eines Grundstücks ist, kann sich nicht auf ein offizielles Register oder eine Eigentumsurkunde berufen, sondern als Nachweis sind nur sog. deeds zugelassen – Dokumente, die mit einem Eigentumsübergang verbunden sind und einen solchen vermuten lassen können, sozusagen. Das können Kaufverträge sein, oder Hypotheken und solche Sachen (ganz genau versteh ich’s auch nicht..). Das deed system hat den Nachteil, dass Eigentümerschaft mit einer solchen Urkunde nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann und um seine Rechtsposition ausreichend klar zu machen ist es deswegen oft nötig, eine ganze Kette von Eigentumsübergängen vor Gericht aufzuzeigen, um die Wirksamkeit des eigenen Kaufes glaubhaft zu machen. Das führt dazu, dass der Eigentumsnachweis kompliziert und langwierig ist – weswegen in Indien 80% der vor der niederen Justiz anhängigen Klagen in Verbindung mit Eigentumsstreitigkeiten stehen. Das Prozedere geht übrigens auf die britischen Kolonialherren zurück: In der Anfangszeit der East India Company reichte es zum Eigentumsnachweis aus, ein vom britischen Monarchen unterzeichnetes Dokument vorzuweisen, in welchem einem das umstrittene Stück Land vom König zum Geschenk gemacht wurde. Um das umständliche und überkommene System zu reformieren, sollen fünf verschiedene Behörden eingerichtet werden, die mit Registration, Land Evaluation und Ähnlichem befasst sind. Die Umstellung wird schätzungsweise zehn Jahre dauern.
[die Treffen der NGO fanden im Gebäude einer lustigen Behörde statt]
It is unquestioned that the need for a reform of the Indian land rights system will be satisfied by the enactment of the Land Titling Bill, 2010 through replacement of the overcome deeds system with a system of conclusive land titles, providing ownership security, thereby reducing the prevalence of land disputes which currently constitute approximately 80% of suits before the lower Indian judiciary. While improving the access to information about land and thus facilitating transfer of property, a factor which will primarily benefit the economically strong sections of society, the Bill, however, completely fails to address the rights and interests of the disadvantaged, mostly poor rural population (amongst them 90 million tribal people) who live in communities whose traditional concept of land use and land occupancy is to a large extent incompatible with the system of conclusive titles to be introduced. The survival of these groups of society is strongly based on the availability of communal property which they have been using since time immemorial, relying on customary patterns.
As laid down in the Village Panchayat Acts of the States, property which belongs to or is administered for the villagers in common shall vest in the panchayat and be administered by it for the benefit of the villagers. As held in Jagpal Singh v. State of Punjab (decided by the Supreme Court in January 2011), “the vesting of the property with the State does not mean that the common rights of villagers are lost by such vesting”.
According to the Theory of Public Trust, the State holds public resources as a trustee for the public and it can alienate or dispose of such property only in a way which is in execution of and consistent with the nature of such trust. When the State has to balance two or more conflicting interests, it has to “make a distinction between its general obligation to act for the public benefit, and the special, more demanding obligation which it may have as a trustee of certain public resources” as was referred to in Intellectuals Forum, Thirupati v. State of Andhra Pradesh and Ors. The State must hence predominantly protect the rights of the people for whose benefit it administers a public resource and prefer their interest over that of the society at large. In the case of the marginalized rural population this doctrine becomes all the more sensible as peasants often have to rely on their village land to sustain themselves and will not profit from any industrial or commercial project set up in its place, although any such development might serve the purpose of industrialization and as such be in the interest of society at large.
When contemplating the management of communal property, the principle of sustainable development with its elements of intra- as well as inter-generational equity has to be considered. Not only do the rights of the rural population have to be protected against the interest of those belonging to economically more developed groups, but also do the needs and prospects of future generations to be kept in mind: Children and grand-children of those who have been relying on communal property will otherwise be deprived of any means of livelihood.
However, the Bill does not provide for a differentiation in title between general government property and state property to be administered for and kept available to villagers. The Supreme Court has in the Jagpal Singh case issued directions to all State Governments to prepare schemes for eviction of unauthorized occupants of Gram Sabha/Gram Panchayat/Poramboke/Shamlat Land and to restore the same for the common use of villagers of the village. In keeping with this directive, the communal properties should be permanently marked and declared as such, with an appropriate and distinct title to avoid future dissolving of such holdings into common state owned land.
It is furthermore imperative to strengthen the rights of occupants of land who do not have any deeds on the same despite inhabiting and cultivating them for years and even several generations. Their rights must not get lost in the process of registration and land titling. In the current scenario, people who have been continually possessing land without permission of the lawful owner can after 12 years claim title on basis of adverse possession. Under such circumstances, the formerly lawful owner loses his rights of ownership due to limitation. Provisions should be introduced into the Land Titling Bill, 2010, for these occupants to likewise obtain ownership titles in the course of the registration process – in the present draft of the Bill, only s. 19 (5) (iv) vaguely refers to “customary rights” when laying down which details can be presented before the Authority for the purpose of claiming a title. To secure that the occupants’ rights are respected, the Bill should be altered and the claim of adverse possession should be explicitly mentioned as a means of obtaining an ownership title.
4 Kommentare:
Und immer schön Zitate in den Fußnoten kenntlich machen, gelle??
Ist eigentlich das Paket angekommen?
Heute gelesen:
Australische Touristin, 18 Jahre alt, ist vor 33 Jahren in einem Hotel in Delhi gestürzt und sitzt seither im rollstuhl. Sie hat Schadenersatz eingeklagt und jetzt nach 33 Jahren Recht bekommen. Das Hotel ist inzwischen geschlossen und wahrscheinlich abgerissen.....
Hello Vicky, hatte zwar mit den Wörtern keine Schwierigkeiten, allein, über manche Strecken habe ich halt den Faden verloren. Ihr kämpft auf jeden Fall für Landbevölkerung, die in der Gefahr schwebt, ihre Rechte an dem Boden zu verlieren, die sie teils schon seit Generationen bewirtschaftet. Die Dorfgemeinschaften sollen in diesem Fall als eine Art Statthalter dienen. Nun, dass diese NGO kommunistisch-sozialistisch ist, wundert einen bei diesen rudimentären Rechtsverhältnissen nicht. Pass auf Dich auf.
Gruss und Kuss
Hi Vicky, nach langer, langer Zeit wieder eine Nachricht von Dir! Mit etlichem an Zeit und Nachschlagen im Lexikon hab ich Deinen Text soweit verstanden, daß die ländliche Bevölkerung seither Land, das in kommunalem Besitz war, bebauen durfte, um existieren zu können. Und dass dieses Brauchtum nun in ein Gesetz gefaßt werden soll, um diese Besitzlosen zu schützen vor einer beginnenden Industrialisierung in Indien, also vor einer gesellscahftlichen Entwicklung des Landbesitzes und dem Gewinnstreben, das daraus entsteht und für den Zustand der ursprünglichsten "Urgemeinschaften"gefährlich wird. Da habt ihr eine schöne Aufgabe bekommen und gleich eine der Schwersten!! Ich hatte neulich ein Buch über die nordamerikanischen Ureinwohner zur Zeit, als die weißen Landeroberer kamen. Ein Indianerhäuptlich schulderte deren sehr einfache Lebensweise, obwohl anscheinend etliche von ihrer Intelligenz her zu wesentlich größeren Zivilisationsleistungen fähig gewesen seien:"Wir lieben unsere Mutter Natur, sie gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen. Wir nehmen uns das, was für uns überlebensnotwendig ist - und nicht mehr. Und für das, was wir bekommen, sind wir unserer Mutter Erde dankbar. Diese Dankbarkeit äußert sich in Bräuchen und religiösen Handlungen und in der Verehrung der Natur in Form von Pflanzen und Tieren (rituelle Tänze mit Bisonmasken usw., Bitte um Verzeihung, wenn für das eigene Leben getötet werden muß, Löcher buddeln, um Häuser zu bauen bedeutete eine Verletzung der Mutter Erde u. ä.). Das mag für uns abstrus und wie Lebenskrampf klingen, dennoch zeigt es eine Grundhaltung gegenüber der Schöpfung und unseren Mitgeschöpfen - nämlich Respekt und Achtung und sogar Verehrung der Schöpfung. Welcher krassen Kontrast bietet unsere moderne, hochziviliserte, industrialisierte Gesellschaft dazu: Massentierhaltung, Massenschlachtungen im Schlachthof,Rinderwahnsinn durch völlig unnatürliche Fütterung,Massenkeulungen wegen dieser Verseuchungen, Käfighühner und der jahrzehntelange Kampf um die Abschaffung dieser Gefängnisse,Gefängnisse, Hormonschweine, Waldsterben durch Industrieabgase,genmanipulierte Nahrung, Umweltverschmutzung, Wasserverschmutzung, Nahrungsverschmutzung, Luftverschmutzung, Lärmverschmutzung, von sozialer Hygiene oder geistiger Hygiene wagt man gar nicht zu reden ...... WAS FÜR EIN ENTSETZLICHER MISSBRAUCH UND WELCHE VERLETZUNGEN UNSERER "MUTTER" NATUR!! Unsere Gesellschaft hat keinen Respekt und keine Achtung schon gar keine Verehrung für die Schöpfung. Sie lebt in dem irrigen Glauben, die Natur sei ihr Feind, den sie bekämpfen und beherrschen müsse um jeden Preis und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.
Vicky, ich hab Dir totales Kontrastprogramm aufgezeigt!! Vielleicht kannst Du ja verstehen, wenn ich meine es wäre sehr wichtig für uns alle, daß die Schwellen- und Entwicklungsländer einen anderen und besseren Weg finden, ihre Gesellschaft weiter zu entwickeln und nicht dieselben Fehler zu begehen, die wir so zwanghaft machen müssen, weil wir aus unserem Gesellschaftskonstrukt gar nicht mehr ausbrechen können.
Ich wünsche Dir noch viel Erfolg bei Deinen Studien und bei Deiner Abschlußarbeit an der indischen Uni für Menschenrechte u. a.
Herzliche Grüße Caddi
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