Montag, 18. Oktober 2010

Commonwealth Games

Die Abreise Hennis stürzte mich wie erwartet in eine tiefe Sinnkrise. Oder vielmehr hätte sie mich in eine solche versenkt, hätte ich viel Zeit gehabt, mich dem Gefühl der Einsamkeit hinzugeben.. stattdessen begab ich mich wenige Tage später schon wieder auf eine abenteuerliche Reise! Und die kurze Zeit in Delhi selbst war geprägt von den Commonwealth Games und meiner ersten richtigen Erfahrung des Delhi Night Life!

Ich weiß, dass das Bild, das die Medien weltweit von den CWG gezeichnet haben, vermutlich relativ negativ ist. Es wurde ausführlich über Korruptionsskandale, mangelnde Organisation und nicht eingehaltene Zeitpläne berichtet.. auch hier in Indien wurden all diese Missstände und Ärgernisse mehr als ausführlich diskutiert. Darüber hinaus wurde das Konzept der Spiele an sich in Frage gestellt: Sollte Indien überhaupt weiter an diesen „slave games“ teilnehmen, im Rahmen derer sich die ehemaligen britischen Kolonien unter den Augen der Queen einen Wettstreit liefern? Dieser Gedanke sollte wohl verknüpft sein mit der größeren Entscheidung, Teil des Commonwealth an sich zu sein und den britischen Monarchen als Staatsoberhaupt anzusehen. Außerdem fanden sich in den Zeitungen etliche Artikel, die der indischen Regierung vorwarfen, ihre Prioritäten falsch zu setzen: Statt gegen Hunger, Analphabetismus und große Defizite im Bildungssystem oder Schwächen der Infrastruktur vorzugehen, werde zu viel Geld auf den Luxus verwendet, die Spiele zu veranstalten.

Die Organisation der CWG war, zumindest wenn man der Berichterstattung in den Medien und den dort veröffentlichten Fakten Glauben schenkt, tatsächlich miserabel. Schockierend fand ich zunächst vor allem das Zeitmanagement des Organisation Committees (OC). Nachdem die deadline für die Fertigstellung der Stadien und des CWG Villages bereits von Dezember 2009 zunächst auf März, dann Mai, sogar Juni 2010 verschoben worden war, waren die Gebäude schlussendlich nicht einmal bis zum 31. August zur Nutzung bereit! Erst das letzte Zeitlimit – 31. September, zwei Wochen vor Spielbeginn – konnte eingehalten werden! Besonders lächerlich ist der Fall eines Badminton-Trainings-Stadiums, das ebenfalls erst zu diesem Zeitpunkt eröffnet wurde und damit für läppische zwei Wochen für die Vorbereitung der indischen Sportler genutzt werden konnte. Möglich ist diese Kurz-vor-knapp-Methodik in Indien aufgrund der unendlichen Anzahl an Arbeitskräften – muss es dann wirklich mal sein, dass schnelle Fortschritte erzielt werden, können ja ohne Weiteres Zehntausende an Arbeitern zu geringsten Preisen herangezogen werden. In Verbindung mit dieser Vorgehensweise wird oft und nicht ganz ohne einen heimlichen Stolz auf die indische Lebensphilosophie des jugaad mit seinem Slogan „chalta hai“ verwiesen – jugaad heißt mehr oder weniger „man wurstelt sich durch“, „getting things done with whatever is available“ und „chalta hai“ bedeutet „es geht“. Irgendwie klappt doch alles und warum sollten wir uns beeilen oder besonders innovative Erneuerungen erdenken, am Ende geht alles gut. This country runs on faith, wie mir auch oft versichert wird. Irgendwie finde ich, dass auch diesen Doktrinen ein versteckter, halbironischer Selbstzweifel innewohnt und solange die Menschen nach ihnen leben, wird jeglicher progress hier gehemmt wie durch Kaugummi, der zwischen den Zahnrädern des Fortschritts klebt.

Abgesehen von diesen relativ überdimensionalen Pannen bei der Einhaltung eines Zeitplans beeindruckte mich sehr negativ, wofür in dieser Stadt Geld ausgegeben wurde! Nicht nur wurden Bordsteinkanten in wunderschönem Weiß und Gelb neu bemalt (wobei einfach über Dreck und Staub gepinselt wurde), und das in entlegenen Vierteln wie dem unseren, wo sich vermutlich weder ein Athlet noch der neugierigste oder verwirrteste Journalist hinverirren würde, nein es wurde auch quer durch Delhi, von Nord nach Süd, eine Fahrbahn markiert, welche exklusiv für CWG-Shuttle-Busse reserviert sein sollte. Ich war während der Spiele ja nicht in der Stadt aber in Anbetracht der Tatsache, dass man hier alltäglich mit komplett blockierten Straßen und kilometerlangem Stop-and-Go konfrontiert ist, will ich mir nicht ausmalen, wie die Verstopfung bei Verlust einer Fahrspur erst ausgesehen haben muss. Wenige Tage vor Beginn der CWG tauchten außerdem allenthalben merkwürdige Deko-Artikel auf.. grellblaue Lichterketten verzierten jede der mindestens 200 Metro-Stationen, Blumentöpfe mit irgendwie lebensmüden Zierpflanzen erschienen über Nacht auf Gehwegen und Verkehrsinseln inmitten staubiger Kreuzungen, der unerbittlichen Sonne für ihr restliches, voraussichtlich kurzes Leben ausweglos ausgeliefert. In Central Delhi entdeckte ich etwa drei Meter hohe farbenprächtige Banner entlang der Straßen, welche metergroße Aufschriften wie „delhicious“, „delhirious“ oder „delhightful“ trugen. Als ich den Grund ihrer Existenz erfuhr, ekelte ich mich regelrecht vor der Schamlosigkeit der Menschen, die sich das ausgedacht hatten: Durch die Leinwände gedachte man Slums und verstreute Wellblech- oder Zeltsiedlungen vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu verhüllen! Die Menschen, die teilweise selbst beim Bau der Stadien und neuen Straßen mitgeholfen hatten, und das für einen erbärmlichen Lohn, wurden jetzt als Bürger dritter Klasse wie eine peinliche Krankheit versteckt! Das ist ja so dreist und so traurig.. speziell in Anbetracht der Tatsache, dass vermutlich sowieso so gut wie jedem bewusst sein dürfte, dass es in Indien Slums – und nicht zu wenige – gibt.

Des Weiteren verdient die Qualität all dieser spät und teilweise sinnfrei durchgeführten Arbeiten Beachtung. Nachdem im September eine Fußgängerbrücke, die im Rahmen des für die CWG stattfindenden Ausbaus der städtischen Infrastruktur errichtet worden war, zusammengebrochen ist, wurde einige Kritik an der Fähigkeit der tätigen Ingenieure, Architekten und sonstigen Planer laut. Um negative publicity zu verhindern, wurde das indische Militär in Windeseile damit beauftragt, die Brücke wieder zu errichten. Das Vertrauen der Bevölkerung in Regierung und OC schrumpfte – auch dank der zurecht sehr hämischen Medien – jedoch noch weiter, als bei mehreren kurz darauf endlich eröffneten Stadien und sonstigen sports venues deutlich wurde, dass die Dächer nicht wasserdicht waren..

Das erfahrungsgemäß größte und meistdiskutierte Thema war allerdings das liebe Geld. Im Jahre 2003, als Indien die Veranstaltung der Spiele zugesprochen wurde, schätzte die Regierung die Kosten für die Organisation des Events auf 1399 crore Rupees (ein crore sind 10 Millionen.. also 13.990.000.000 Rs und das sind 23.316.666 Euro), mittlerweile werden die Gesamtausgaben auf bis zu 70.000 crore Rs (11.666.666.666 Euro… 11 Milliarden?!?!?!) geschätzt, wovon 1600 crore Rs als Kredit von der indischen Regierung aufgenommen werden mussten. Und natürlich war bei der Investition dieser Geldmassen einige Vetternwirtschaft und Korruption mit im Spiel. So sieht sich der Schatzkämmerer des OC, Anil Khanna, der zugleich All India Tennis Association Secretary ist, mit der Anschuldigung konfrontiert, er habe seinem Sohn den Auftrag verschafft, Kunstrasen auf den CWG-Tennisfeldern zu verlegen. Ein großer Skandal rankte sich auch um die kleine, unbekannte britische Firma A K Films, dem scheinbar in letzter Minute für mehrere Hunderttausend Pfund (und damit viel zu viel Geld) der Auftrag erteilt wurde, während der CWG mobile Toilettenwagen und eine Stromversorgung mittels Generatoren zu Verfügung zu stellen – ob dies auch noch auf Empfehlung der Indian High Commission geschah, wie von Verantwortlichen des CWG Organisation Committee behauptet wird, ist bislang ungeklärt. Erst Mitte August, 50 Tage vor Spielbeginn, als mehr und immer mehr Korruptionsvorwürfe laut wurden, setzte die Regierung zwei Kommissionen ein, die die weitere Organisation und Ausführung der Vorbereitung der Spiele überwachen sollten: das „empowered committee of secretaries“ sowie eine GoM (Group of Ministers) unter Führung von Urban Development Minister Jaipal Reddy.

Als ich heute Morgen die Zeitung öffnete, fand ich eine gesamte Seite unter der Überschrift „The Post Mortem Begins“.. und der erste Eindruck ist: das Nachspiel wird persönlich. Einige Berichte waren der Tatsache gewidmet, dass der chairman des OC, Suresh Kalmadi, sowohl von Prime Minister Manmohan Singh als auch von Sonia Gandhi bei den von diesen beiden jeweils abgehaltenen Medaillen-Feierlichkeiten ausgeladen wurde. Diverse höchstrangige Politiker versicherten, dass man, obwohl die CWG glimpflich abgelaufen seien, keinen Korruptionsverdacht auf sich beruhen lassen und in jeder Angelegenheit ermittelt werde. Top Thema auch Anschuldigungen von Chief Minister Sheila Dikshit, die Suresh Kalmadi als Hauptverantwortlichen für die skandalöse, korruptionsbehaftete Organisation der Spiele gibt und sich selbst als Retterin der CWG darstellt.. Außerdem wurden erste Ergebnisse eines aus Mitgliedern verschiedener staatlicher Institutionen bestehenden Untersuchungsausschusses veröffentlicht. Diese besagten, dass unter anderem auch departments des Central und des Delhi governments, die mit der Organisation der Spiele betraut waren, Auftragnehmer doppelt für einzelne Maßnahmen bezahlt haben, indem verschiedene der unzählbaren Rechnungen bestimmte Posten ganz einfach mehrfach aufführen.. vermutlich wird jetzt erstmal ganz schön im Morast gestochert.

Obwohl in allem, was von den Medien und den Menschen und in der Welt an den CWG kritisiert wurde, also bestimmt mehr als ein bisschen Wahrheit steckt und die Vorwürfe der mangelnden Organisation etc. durchaus berechtigt sind, sehe ich das sehr schlechte Image, das die CWG zumindest im Vorfeld in den inländischen Medien genossen, auch als Zeichen des mangelnden indischen Selbstbewusstseins. Ich nehme an, dass z.B. die Organisation der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika ähnlich chaotisch und verbesserungswürdig abgelaufen ist, wie die der CWG.. und trotzdem waren die Stimmen in der Bevölkerung, die das Land der Unfähigkeit bezichtigten, wenigstens nicht die Lautesten. Dahingegen habe ich das Gefühl, dass Indien sich selbst nicht vertraut, sich ständig anderen Ländern gegenüber unterlegen fühlt und dazu neigt, ein sehr schlechtes Bild von sich selbst zu haben.. Den Eindruck hatte ich zum Beispiel auch, als ich mit Sanyat im High Court in Jodhpur war. Dort fragte mich einer der Anwälte, denen wir auf dem Gang begegneten, was ich hier mache.. ich sagte, ich sei ein Austauschstudent und schaue mir heute zum ersten Mal ein indisches Gericht an. Daraufhin sagte der Anwalt: „Na dann mal viel Spaß, das kann ja ein Eindruck werden..“ und lachte sarkastisch. Sowas würde ja kein deutscher Anwalt machen! Die sind alle viel zu stolz auf ihr System! Auch wenn es in indischen Strukturen natürlich Defizite gibt, sollten die Inder nicht die Errungenschaften und Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte aus dem Auge verlieren und vielleicht lieber an der Verbesserung der Missstände arbeiten, statt sarkastisch, resigniert und innerlich beschämt über die Unfähigkeit des gesamten Landes zu scherzen.

Andererseits ist es natürlich keine Lösung, aus blindem Nationalstolz die Spiele zu unterstützen, um als Staat nach außen Einigkeit und Selbstbewusstsein zu präsentieren, wie es von manchem Kolumnisten gefordert wurde. Da ist es meiner Ansicht nach viel mehr ein Zeichen von wahrem Interesse am eigenen Land und seiner Bevölkerung, wenn man die Politiker für ihr unverantwortliches Verhalten mit den Ressourcen kritisiert und nicht stumm bleibt und sie schalten und walten lässt, damit der Ruf des Landes keinen Schaden nimmt. So gesehen ist die massive Kritik an der Organisation der CWG natürlich auch ein positives Zeichen des Selbstbewusstseins der Bevölkerung und des Wunsches, die indische Gesellschaft vor Misswirtschaft zu schützen. Um aber effektiv eine Veränderung zu bewirken, sollten die Kritiker früher aufstehen.. Wieso wurden die protestierenden Stimmen erst wenige Wochen vor den Spielen laut, als die Missstände schon unfassbare Dimensionen angenommen hatten? Warum wurde nicht effektiver gegen Korruption vorgegangen, das Antikorruptionskomitee nicht früher eingesetzt? Vielleicht sollte das Land seine so liebenswürdige chalta-hai-Einstellung von Grund auf überdenken, um Selbstzweifeln in Zukunft keinen so guten Nährboden mehr zu bieten..

Meine eigene Erfahrung mit den CWG stützt sich auf einen einzigen Abend.. obwohl die Spiele im Nachhinein als voller Erfolg gewertet werden und alles überraschend glatt über die Bühne ging, war mein Eindruck ziemlich negativ. Am 4. Oktober, dem dritten Tag der Spiele, sollte Rohit mit der Band seines Colleges ein Konzert auf einer Bühne am Connaught Place (CP, wie der coole Delhiite sagt) geben. Wir fuhren also abends in die Stadt und waren erleichtert, den kleinen Central Park in der Mitte des CP gar nicht mal sooo überbevölkert vorzufinden. Nach einiger Zeit ergatterten wir sogar Sitzplätze mit hervorragender Aussicht. Da der Zeitplan der Veranstaltung total aus den Fugen geraten war, schauten wir uns erst einmal eine Stunde lang Tanzdarbietungen verschiedener Schulen Delhis an.. schließlich begann die Band gegen 21 Uhr (eine Stunde zu spät) zu spielen.

[Rohit]

Das erste Lied hatte bereits bleibenden Eindruck hinterlassen, da betrat – lächerlich! – ein police walla die Bühne und erklärte, man müsse jetzt den Platz verlassen, es sei ja schon neun. Was!? Buh-Rufe und Proteste erhoben sich aus dem Publikum. Daraufhin ergriff der Polizist erneut das Mikrophon und laberte irgendwas, was wohl seine Autorität verdeutlichte, denn die Menschen verließen doch tatsächlich ganz leise murrend den Platz! Um neun Uhr!!? Wo doch die Lärmschutzzeit gewöhnlich um 22 Uhr beginnt?! Hallo, das sind die Commonwealth Games, da können wir doch nicht um 21 Uhr ins Bett geschickt werden!? In der Hauptstadt..?! Mitten im Geschehen..!? Und selbst wenn die Veranstalter nur eine Genehmigung bis 21 Uhr eingeholt haben.. kann man da nicht ein einziges Mal und für zwanzig Minuten die Augen zudrücken? Sowas ist so lächerlich! Und die Moderatoren der gesamten Show waren auch noch so eingeschüchtert, dass sie versuchten, die sowieso viel zu fügsame Menge weiter zu beruhigen und sich bei diesem aufgeblasenen Ochsenfrosch einzuschleimen, indem sie sagten: „Wir müssen Mr. blabla von der Delhi Police dankbar sein, dass die Band wenigstens ein Lied spielen durfte.. bitte bleibt ruhig und dankt Mr. blabla von der Delhi Police.. Wir danken euch für diesen wundervollen Abend..“ Kann das wahr sein?! Irgendwie dachte ich in dem Moment, dass die Organisation der Spiele echt eine Nummer zu groß für Delhi ist.. wenn man nichtmal entspannt ein bisschen Musik hören kann.. wenn wegen all der Bürokratie mal wieder aus den Augen verloren wird, dass es eigentlich darum geht, einfach eine gute Zeit zusammen zu haben.. wenn überhaupt kein großes Gefühl, keine Spiele-Atmosphäre aufkommen kann.. !? Naja, vielleicht war das auch eine ..Überreaktion, weil ich auch persönlich betroffen war, wusste ich doch, wie lange sich Rohit und Co. auf diesen Auftritt vorbereitet hatten. Aber.. trotzdem?! Das war jedenfalls mein einziger direkter Eindruck von den CWG.. hatte mir eigentlich ein Rugby-Match angucken wollen, aber dieses Vorhaben kollidierte leider mit meinen Urlaubsplänen. Im Fernsehen hab ich ein paar Übertragungen gesehen und konnte keinen Unterschied zu Bildern anderer Sport-Events feststellen. Auch die Interviews mit Sportlern aus aller Welt, welche erzählten, dass sie vollauf zufrieden seien mit ihrer Unterkunft und den sonstigen Örtlichkeiten und Abläufen, normalisierten meine Meinung von den CWG. Und die Stimmung am vom bedeutungssüchtigen police walla geprägten Abend wurde zum Glück auch gerettet: Zusammen mit Rohit, Bharat und einigen Bandmitgliedern gingen Amélie und ich zum allerersten Mal clubben :) und ich fuhr zwei Stunden lang auf einem Motorrad, ohne Helm und mit 100 kmph durch Delhis nachtschwarze leere Straßen, vorbei an beleuchteten Hochhäusern und schlaftrunkenen Straßenhunden – wenigstens dabei verspürte ich das Gefühl von Freiheit! :)

[Bharat et moi]

Sonntag, 17. Oktober 2010

Lucknow

Am 26. September begaben wir uns eilends fort bis an einen andren Ort: Mit dem Zug fuhren wir gen Westen das Ganges-Tal hinauf bis nach Lucknow.

Während der Fahrt fühlten wir uns beide relativ unwohl.. die uns seit Tagen plagende Erkältung schwächte unsere vom Sonnensightseeing ausgelaugten Körper, das nervenaufreibende Rütteln des Zuges und der durchs Abteil fegende Fahrtwind taten ein Weiteres.. sowie eine an diesem Tag auf Chips und frittierten, hygienisch zweifelhaften Kartoffelbällchen basierende Ernährung. Bei Ankunft in Lucknow ging es uns also eher ungut.. trotzdem fiel positiv auf, was uns bereits angekündigt worden war: Die Bewohner der Stadt sind für ihre besonders höfliche Sprache bekannt, welche jede Menge Etiquette und Respektmarker allenthalben enthält. So bemerkten wir bereits am Riksha-Prepaid-Stand, wo erfreulicherweise mal alles einwandfrei ablief, dass die Leute statt „ha“ (ja) oder „ha ji“ (ja + Respektmarker) nur „ji“ sagen (also nur Respektmarker). Das hat vielleicht etwas mit der muslimischen Prägung der Stadt zu tun..? Nach dem Untergang des Mogulreichs kam das muslimische Geschlecht der Nawabs an die Macht, welches Lucknow von 1720 bis 1775 zur Hauptstadt seines nordindischen Reichs machte.

Wegen unserer schwächlichen Verfassung nahmen wir mit einem x-beliebigen Hotel Vorlieb.. eigentlich hatten wir uns in eine dekadente 3-Sterne-Unterkunft einquartieren wollen, mit Badewanne und Zimmerservice. Zwar fanden wir etwas in der entsprechenden Preisklasse und die Bediensteten waren irgendwie recht arrogant (schauten irritiert auf unsere staubige Erscheinung und meinten, wenn wir eine preisgünstige Bleibe suchten, seien wir hier falsch), die Bettlaken waren dann aber auch nicht frisch und die leergefressenen Chipstüten unserer Vorgänger lagen unter den Betten. Egal. Zum Einschlafen gönnten wir uns ein für Lucknow typisches, muslimisches Abendessen – Chicken Kabab – und eine Runde Shah Rukh Khan Music Clips..

Leider erwachte ich gegen 4 Uhr morgens keineswegs genesen, sondern mit stechenden Schmerzen im rechten Ohr.. eine Weile lag ich sinnlos herum und malte mir pessimistisch den weiteren Verlauf unserer Reise sowie einen Besuch eines auf gut Glück ausgewählten Arztes aus.. einzig getröstet vom sehr exotisch jaulenden Ruf des Muezzins gegen 5 Uhr. Eine weitere Stunde später hielt ich es nicht mehr aus und zusammen mit der schlaftrunkenen, von meiner hitzigen Entscheidung überrumpelten Henni machte ich mich auf, ein Krankenhaus aufzusuchen. Der Reiseführer hatte von einer empfehlenswerten government-Institution, dem Balrampur District Hospital, gesprochen, welches wir nach einer halben Odyssee und mit der Hilfe ortkundiger Police-Wallas auch fanden.. Wanderer, kommst du nach Lucknow, dann meide diese Hallen! Das Krankenhaus war so mega-creepy! Irgendwie autowerkstattmäßige Bungalow-Komplexe im fahlen Morgenlicht, hier und da Häufchen wartender Menschen (manche mit comic-haften weißen Bandagen um den Kopf), die gesamte Ausschilderung nur auf Hindi.. dank meiner Lesekünste erkannte ich den „imärschensi“ (Englisch transliterated into Hindi)-Eingang, durch welchen wir voll Zuversicht schritten. Im Inneren schockierten die hygienischen Verhältnisse: Alles sah ziemlich schäbig aus, das Bild war geprägt von rot gespränkelten Wänden und insbesondere Zimmerecken (Betelnusssaftspuckflecken! Tetanusgefahr!?), ein verpennter Mensch saß in Jeans und Karohemd an einem Schreibtisch. Ich stammelte, ich habe pain in my ear und gestikulierte unsicher ein wenig. Der Typ winkte mir zu, ich solle mich auf einen Behandlungstisch setzen.. ich tat, wie mir geheißen – um plötzlich neben mir eine Wanne voller blutgetränkter Verbände inklusive einiger Büschel abgeschnittener Haare zu entdecken. Zu allem Übel kam dann auch noch der Karohemdmann mit einer gezückten Injektionsnadel auf mich zugelaufen. „Wenn der mir das reinspritzen will, renn ich weg!“ „Ach Quatsch, das machen die nicht.. die haben dich ja noch nicht mal untersucht..“ Irgendwie wurde dann aber doch deutlich, dass man vorhatte, mir diese unbekannte Flüssigkeit zu injizieren. Ich wehrte panisch ab und fing vor lauter Verzweiflung tatsächlich an zu weinen. Henni fragte entrüstet, was mir da verabreicht werden solle.. Leider konnte der Spritzenfritze kein Englisch. In diesem Moment betrat sein Chef (?) das Behandlungszimmer und erklärte, es handle sich lediglich um pain killer, welche die Zeit überbrücken sollten, bis um 8 Uhr die HNO-Station des Krankenhauses öffnen werde.. ich verweigerte die pain killer sowie vier namenlose Tabletten, die der Chefmensch des Weiteren verordnete. Entgeistert entflohen wir aus der Notaufnahme. Aufgewühlt und ziellos wanderten wir durch die umliegenden, noch menschenleeren Straßen.. halb äugte ich auf alle möglichen Schilder am Straßenrand, ob möglicherweise irgendeine kleine Arztpraxis in der Nähe sei.. Nach etwa einem Kilometer drang die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens wenigstens ansatzweise zu unserem halbschlafenden Bewusstsein durch und wir fuhren auf Hennis vernünftiges Drängen hin ins Hotel zurück. Einmal mehr waren wir auf unseren Delhi-based deus ex machina angewiesen. Wir fragten Sanyat nach einem Ratschlag und dieser sandte innerhalb kürzester Zeit (und das trotz früher Stunde) eine SMS voller genauster Informationen: King George Medical College im Viertel Charbagh, Rikshakosten soundso, wir sollten um 9 Uhr da sein, am Empfang einen Anmeldungs-Token für eine Rupie erstehen und anschließend die HNO-Abteilung aufsuchen, die für gewöhnlich gegen 9.30 Uhr besetzt sei.. Wir taten, wie uns geheißen.. wieder ein government hospital, wieder nur Beschilderung in Hindi und die Wachmänner nicht in der Lage, unsere Fragen zu beantworten. Quite lost liefen wir am Büro des Public Relation Officers vorbei, in welchem wir eine kurz- und weißhaarige Frau energisch gestikulieren sahen.. sie würde Ahnung haben! Halbwegs dreist verschafften wir uns Zutritt und tatsächlich nahm sie uns unter ihre Fittiche, sorgte für unsere Anmeldung und wies einen ihrer Assistenten an, uns zur HNO-Abteilung zu geleiten. Dort wurde ich direkt durch den Wartesaal an etwa 150 Wartenden vorbei ins Behandlungszimmer geleitet.. das war so unbeschreiblich peinlich und unnötig und unangenehm! Da saßen Leute, denen angegraute Schläuche aus der Nase baumelten.. Mütter mit schlaffen, halb ohnmächtigen Kindern im Arm.. abwesend starrende Greise.. vor lauter Schreck verschwanden meine Ohrenschmerzen fast vollständig.. ich wäre am liebsten im Boden versunken! Zu allem Übel weigerten sich die jungen Ärzte im Behandlungszimmer auch noch, sich meiner anzunehmen und sandten mich stattdessen weiter zum seniormost Oberarzt im Nebenzimmer.. oh mein Gott! Dieser guckte sich mein Ohr an und verschrieb mir einen ganzen Haufen an Antibiotikum und anderen Medikamenten im Wert eines halben Monatseinkommens einer im Wartesaal sitzenden Person.. und nach kaum fünf Minuten war alles vorüber. Erleichtert und beschämt schlichen wir an den Wartenden vorbei nach draußen und verließen das Krankenhaus. Wir begaben uns in unser Hotelzimmer zurück, wo wir – nachdem ich meinen Drogencocktail eingeworfen hatte – nochmal einige Stunden schliefen.

Gegen 14 Uhr fühlten wir uns beide entschieden besser und machten uns daran, den Verlauf unserer weiteren Reise auszuarbeiten. Die eigentlich bevorstehende 18-Stunden-Zugfahrt nach Amritsar erschien uns mittlerweile wenig machbar, weswegen wir die Tickets zu canceln beschlossen. Stattdessen wollten wir am Abend direkt nach Delhi zurückkehren. Für die verbleibende Zeit in Lucknow stellten wir einen anspruchsvollen Sightseeing-Zeitplan zusammen.

Zunächst besichtigten wir die British Residency. Die Engländer vertrieben 1856 den letzten der Nawabs, Wajid Ali Shah, und erbauten für den britischen Statthalter diese Festung mit weitläufiger Parkanlage. Bereits ein Jahr später, 1857, fand hier eine der wichtigsten Schlachten des indischen Unabhängigkeitskampfes statt: Über 3000 europäische Zivilisten verschanzten sich für fast 3 Monate in der British Residency, um Zuflucht vor meuternden indischen Soldaten der British East-Indian Company, den Sepoys, zu suchen. Mithilfe von außen angeforderter Truppen gelang es nach 87 Tagen, den Sepoy-Aufstand niederzuschlagen. Nachdem auch die Widerständler in anderen nordindischen Städten wie Delhi und Kanpur besiegt wurden, wurde die East-Indian Company durch den Government of India Act (1858) aufgelöst und Indien zu einer dem britischen Imperium einverleibten Kronkolonie.

Die Anlage der British Residency ist ganz eindrucksvoll, weil an den Mauern der Gebäude noch die Einschusslöcher von Kanonenkugeln sichtbar sind und man sich dadurch die Geschehnisse des Befreiungskampfes relativ gut vorstellen kann.. Einen bleibenden Eindruck hinterließ bei uns auch ein Schauspiel der anderen Art: Dass die gepflegte und fast menschenleere Parkanlage wie üblich viele Pärchen, die ein wenig Zweisamkeit suchen, anlockte, überraschte uns nicht.. aus Delhi kannten wir bereits genug solcher „couple corner“, wie wir sie zu nennen pflegen. Solch weitreichende Zuneigungsbekundungen wir hier hatten wir dann allerdings doch noch nicht gesehen!! Als wir ganz harm- und ahnungslos eine der etwas abgelegenen Ruinen anschauten und gemächlich durch die verschiedenen Räume des ehemaligen Bankettgebäudes flanierten, erschreckten wir im hinterletzten Zimmer ein Paar bei.. irgendetwas Weitgehendem! oder vielmehr erschreckten diese beiden uns – wir drehten uns mit aufgerissenen Augen auf dem Absatz um und eilten hinfort. Einiges!!

[eine ebenfalls auf dem Gelände der British Residency befindliche Moschee.. die Briten erkoren sich den ehemalige Festungsbereich der Nawabs zu ihrem Herrschaftssitz aus, den sie mit eigenen Gebäuden erweiterten]

Anschließend fuhren wir mit der Riksha zur Bara Imambara, dem großen Grabmal, und zur Chota Imambara, dem kleinen Grabmal.. irgendwie sind bestimmt 70% aller aus der Zeit der muslimischen Herrscher stammenden Monumente Mausoleen. Im Inneren der Grabmäler erhielten wir einen guten Eindruck von der Verschwendungssucht und Dekadenz der für ihren ausschweifenden Lebensstil bekannten Nawab-Herrscher.. alles, jede noch so kleine Fläche, ist über und über mit Dekorationen und Schmuckgegenständen behängt und verziert! Total übertrieben.

[im königlichen Hammam, dem Dampfbad]

Unser Abendessen nahmen wir, um den letzten Abend unserer All-India-Pilgrimage gebührend zu feiern, in einem noblen Etablissement ein. Leider verpeilten wir ein wenig, dass wir das Hotel wegen seines angepriesenen Rooftop-Restaurants mit Aussicht über die ganze Stadt ausgewählt hatten, und nahmen im schäbigen (naja..) Bistro im Erdgeschoss Platz.. zu blöd! Wenigstens einen Drink gönnten wir uns dann doch noch im fünften Stock.. Danach boardeten wir den letzten Zug unserer Reise, welcher uns in heimische Gefilde (nach Delhi) tragen sollte.

[einer unserer (vorerst) letzten gemeinsamen indischen Abende.. Khan Market, Delhi]

Freitag, 15. Oktober 2010

Theo, Tempel, Tee und Thali.. randomness in Benares

Am nächsten Morgen weckte uns unser Wecker erbarmungslos (und schon wieder) um 5.30 Uhr.. obwohl wir gerade so friedlich in unserem von Schweiß getränkten und Verbrennungsasche bestäubten Bettchen geschlafen hatten (Unterhaltung am Vorabend: „soll ich das Fenster aufmachen.. es ist so krass heiß?“ „ja.. nur zieht dann halt die ganze Asche von dem Scheiterhaufen da unten zu uns rein..“ „glaubst du, wir wachen morgen neben einer ebenfalls hereingewehten Hand oder so auf?“). Im Sauseschritt eilten wir zu einem Ghat und begaben uns auf eine Bootstour, um den Sonnenaufgang über der Ganga und die badenden Pilger in derselben zu beobachten.

Den Rest des Tages verbrachten wir relativ randomly mit dem Genuss etlicher Tassen Chai.. einerseits, weil uns seit Khajuraho ein stärker werdendes Kratzen im Halse plagte, andererseits weil wir die ansprechenden Tontöpfchen sammeln wollten, in denen der Tee serviert wird und die nach Gebrauch einfach auf den Boden geworfen werden..

Außerdem wanderten wir ohne jegliche Orientierung durch die verwinkelten und nie endenden Gassen der Altstadt, bewunderten die zahlreichen, wie aus dem Nichts auftauchenden kleinen Tempel und verloren jegliches Zeitgefühl..

[Henni und der Gurken-lingam]

[unser drittes zufälliges Treffen mit Theo, dem Koreaner!!]

[Henni und der Maharaja-Thali, den wir uns völlig ausgehungert zum Mittagabendessen (auch bekannt als lunner) gönnten.. gefolgt von Mangoeis, einem Special Lassi (wie special war er wirklich??) und den obligatorischen Mouthfreshner-Massen]

Ganga Pooja am Dasashwamedh-Gath

Am Abend begaben wir uns zur heiligsten aller Badstellen, dem Dasashwamedh-Gath. Der Sage nach soll hier Brahma als höchster Oberpriester zehn (das) Pferde (ashwa) geopfert (medh) haben, um die Menschen vor einer drohenden Dürre zu retten. Darüber hinaus steht hier ein der Pockengöttin Shitala geweihter Tempel, den zu besichtigen uns sehr interessiert hätte.. da machten uns die Wasserstände allerdings einen Strich durch die Rechnung. Das eigentlich Sehenswerte ist jedoch sowieso die allabendlich stattfindende Pooja zu Ehren Gangas: Fünf Priester halten eine pompöse Zeremonie ab: Sie stehen auf Holzpodesten, das Gesicht dem Wasser zugewandt, und schwenken allerlei Objekte im Uhrzeigersinn über ihren Köpfen, wie es bei einer jeden Pooja üblich ist.. Glocken, gefaltete Seidentücher, einen halben Meter hohe Kerzenhalter mit einhundert Ghee-Lämpchen, Räucherstäbchen, Weihrauchfässchen, eine goldene Kelle in Form einer Kobra, in der eine grelle Flamme lodert, Palmwedel.. dazu wird auf weißen Muscheln geblasen und es spielt ganz laut das Ganga Aarti (das dem Fluß gewidmete Mantra). Das Ganze war schön feierlich, durch das Kerzenlicht erinnerte es an Weihnachten.. und da wir wie immer unzureichend informiert waren, kamen wir so früh, dass wir einen Sitzplatz mit sagenhafter Aussicht auf das Prozedere und in direkter Nähe zu den Priestern ergatterten und uns richtig als Teil der Menge fühlen konnten. Allerdings war die Zeremonie zeitlich doch relativ extended.. 45 Minuten Geschwenke und Gebimmel waren echt genug.

[der Priester in der vorderen Reihe ganz links war toll.. selbst das monotone Schwenken von Kerzenständern ließ ihn noch cool aussehen :) es würde mich nicht wundern, wenn er zur Zeremonie manchmal eine Ray Ban trägt..]

[nachdem die Pooja vorüber war, ließen wir, angerührt von der höchst feierlichen Atmosphäre, kleine mit Ghee-Kerzen und Rosenblüten gefüllte Blätterbötchen auf der Ganga schwimmen..]

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Varanasi

Am 23. September reisten wir um die Mittagszeit per Bus weiter nach Satna, einem 100 Kilometer östlich von Khajuraho gelegenen Provinznest, um dort einen Nachtzug nach Varanasi zu besteigen.

Im Bus lasen wir uns ein bisschen Wissen über diese heiligste Stadt der Hindus an. Dem Durchschnittseuropäer ist vermutlich aus dem Religionsunterricht bekannt, dass Hindus nach Varanasi (oder Benares, wie es bei den Briten, die den Namen falsch verstanden, hieß) pilgern, um dort im heiligen Ganges zu baden.. oder um dort zu sterben und ihre Asche den Fluten zu überantworten. Diese Praktik wird als Möglichkeit angesehen, dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt zu entkommen und seine Seele mit dem brahman, der Weltseele, zu vereinigen.. Laut Reiseführer jedenfalls könne man in Varanasi die hinduistische Spiritualität besser erfahren als irgendwo sonst in Indien.. zugleich sei das Bild der Stadt aber überdurchschnittlich stark von Dreck und Verwesung, Scheiterhaufen, dem schwermetallverseuchten Fluss und der Enge der Altstadtgassen geprägt.. welche im Widerspruch zu goldverkleideten Tempeln, Seidensaris und Sitarmusik ständen. Außerdem sei Varanasi die Stadt der aufdringlichsten und hinterhältigsten Rikshafahrer überhaupt. Nach der Lektüre dieser Charakterisierung waren wir sehr gespannt, awestruck und fast ein wenig eingeschüchtert. Wir legten uns Pläne zurecht, wie wir uns gegen skrupellose Schlepper und aufdringliche Ramschhändler zu Wehr setzen wollten und sagten uns, dass die Stadt trotz und gerade wegen ihrer Lebensintensität ein einmaliges Erlebnis für uns werden sollte – wir dürften nur den Mut und die Neugier nicht verlieren. Im Nachtzug fand ich (vor lauter unterbewusster Nervosität? und vor lauter wuselnder Kakerlaken! eine lief mir übers Gesicht, Einiges!) dann allerdings kaum mehr als eine Stunde Schlaf.

Um 4.50 Uhr morgens kamen wir in Varanasi an. Ohne Probleme fanden wir eine Prepaid-Riksha in die Altstadt.. ich hatte schon einige Hotels herausgesucht, die wir abklappern wollten. Der Rikshafahrer geleitete uns zu jeder der Unterkünfte, zunächst waren wir ihm gegenüber sehr misstrauisch.. wollte er uns zu einem bestimmten Guest House führen, um Kommissionen zu kassieren? Wollte er später auf einer sehr viel höheren Entlohnung beharren, da er uns ja zeitaufwändig herumführen musste? Er erklärte, er wolle uns zu dieser nachtschlafenden Stunde (naja, es dämmerte bereits langsam in den verwinkelten Gässchen) nicht alleine herumwandern lassen. Und tatsächlich fuhr er uns anstandslos zu den von uns genannten Unterkünften und zeigte uns noch einige, die er kannte.. bis wir endlich, gegen 6 Uhr, ein standesgemäßes Zimmer gefunden hatten: mit Balkon auf den Ganges! Bettwäsche fast frisch!Wir legten uns zwei Stündchen schlafen, dann frühstückten wir im hoteleigenen Rooftop-Restaurant. Erst jetzt wurde uns klar, was das für ein seltsames Gebäude unmittelbar neben dem Guest House war, welches uns von unserem Balkon mit seiner ominösen Rampe und den langen Schornsteinen ein wenig die Sicht auf den Fluss verdeckte: ein Krematorium! Wie wir bei unserer Führung über unser Ghat (so heißen die auf den riverbanks befindlichen Treppenstufen, eine Badestelle) erfuhren, handelte es sich dabei um eine von nur zwei Verbrennungsstätten in ganz Varanasi! Es ist die jüngere der beiden, sie verfügt neben dem traditionellen Scheiterhaufen auch über das modernere Krematorium, in welchem neben der konventionellen Holzverbrennung auch ein elektrischer Ofen genutzt wird – zweitere Technik konnte sich bisher aber nicht wirklich durchsetzen, obwohl sie viel billiger ist. Der Typ, der uns das erzählte und scheinbar selbst ein Kremator(engehilfe?) war, erklärte uns auch, dass es üblich ist, dass (zumindest) der älteste Sohn des / der Verstorbenen mit dem Leichnam nach Varanasi pilgert, um der Verbrennung beizuwohnen und sich zu diesem Anlass die Haare abrasiert sowie ausschließlich in weißes Leinen gekleidet ist. Nach der Verbrennung wird die Asche des Verstorbenen sowie bei Männern der unverbrannte Brustkorb, bei Frauen die Hüftknochen, der Ganga überantwortet. Während wir den Erzählungen lauschten, beobachteten wir einige Männer, die im Wasser herumwateten und den von Asche (und anderen Schwebestoffen..) schwarz verfärbten Schlamm nach Goldzähnen, Schmuck und anderem verwertbaren durchsiebten..

Die Bekanntschaft mit diesem ..Touristenführer machten wir übrigens dank eines Hotelangestellten, der uns dann ganz selbstlos ein bisschen durch die Gassen geleitete..um uns nach 10 Minuten bei einer der berühmten Varanasi-Seidenspinnereien zu droppen.. dort sahen wir uns mehr oder weniger gezwungen, auf weichen Kissen Platz zu nehmen, während ein tüchtiger muslimischer Geschäftsmann mannigfaltige Seidentücher, Paschminaschals, Angorawollseidensonstwasgemische und Brokatstoffe vor uns auftürmte.. ein Gewebe farbenprächtiger und feiner und weicher als das nächste. Natürlich endete das Ganze damit, dass wir Einiges an Geld zurückließen.. naja.. schön sind die Sachen jedenfalls schon.

Nachdem wir schlussendlich den Klauen der geschäftstüchtigen Hotelmenschen und Kaufleute entkommen waren, begaben wir uns auf unsere erste selbstständige Entdeckungstour durch die Gassen Varanasis. Vermutlich wird Benares aufgrund seiner engen Altstadt als dreckig und heruntergekommen beschrieben: Es gilt, sich seinen Weg durch die von Pilgern und Anwohnern stark frequentierten Gässchen zu bahnen, dabei Rücksicht zu nehmen auf die allgegenwärtigen, verstopften Kanäle der offenen Kanalisation und massige Kühe, die sich gemächlich zwischen den krummen Häusern voranschieben und dabei mit ihren Flanken links und rechts fast die Mauern berühren, sodass man sich regelrecht an ihnen vorbeischlängeln muss. Müllhaufen zieren hier und da das Bild und Ausscheidungen verschiedenster Lebewesen erfordern die ständige Höchstkonzentration des flanierenden Passanten.

[ein schöner kleiner Shiva-Tempel]

[Unser Mittagessen nahmen wir in einem kleinen, einfachen Restaurant ein – Thali für sagenhafte 35 Rupees! Und so unfassbar lecker.. Man beachte im Hintergrund den Sadhu und die Fotos, die vermutlich den Eigentümer des Lokals in seinen jungen Jahren zeigen.]

Am Nachmittag begaben wir uns randomly auf eine kleine Bootstour, um die Ghats vom Wasser aus anzuschauen. Leider war der Anblick weit weniger imposant als erwartet.. wegen des sehr hohen Wasserspiegels (Monsun..) waren etwa 85 Treppenstufen von der braunen Brühe des Ganges verdeckt und damit nicht zu sehen. Für gewöhnlich ist es möglich, auf den Treppenstufen am Fluss entlang und damit von einem Ghat zum nächsten zu laufen.. nicht so jedoch während unseres Aufenthaltes, wo wir jede einzelne Badestelle separat anschauen mussten.

[von den meisten Ghats sind wegen der Hochwasser nur wenige Stufen zu sehen]

[auch dieser Tempel steht halb unter Wasser.. von anderen schaut sogar nur noch ein Teil des Daches aus der trägen Brühe! rechts im Bild sieht man übrigens den Rauch, der von der älteren der beiden Verbrennungsstellen aufsteigt.. sie besteht aus einem großen, auf einer Art steinernen Turm gelegenen Scheiterhaufen.. Tag und Nacht werden hier Leichen verbrannt, etwa 50 am Tag]

Später geriet ich an einen der zahlreichen Brahmanen-Priester, die unter bunten Sonnenschirmen auf den Treppenstufen der Ghats sitzen und Weihen aller Art für die Pilger durchführen. Er winkte mich zu sich und ich war irgendwie erfreut, dass er mir scheinbar die für mich fremde Religion mit ihren Riten näherbringen wollte.. ich setzte mich also auf seinen kleinen Holzpodest, woraufhin der Guteste begann, alle möglichen Phrasen zu brabbeln, die ich nachsagen musste. Er fragte nach dem Namen meines Vaters, meiner Mutter.. malte mir einen roten Punkt auf die Stirn, drückte mir welke Rosenblätter und Zuckerkügelchen (Prasad, Opfergaben anderer Pilger, die von Priestern verteilt werden) in die Hand.. und streckte dann seine aus, um nach Geld zu fragen.. den Betrag (horrend) nannte er auch gleich! Das lässt einen dann doch ein wenig an der Ernsthaftigkeit dieser Religion zweifeln.. ich gab dem Typen Trinkgeld und begab mich hinfort.