Während der Fahrt fühlten wir uns beide relativ unwohl.. die uns seit Tagen plagende Erkältung schwächte unsere vom Sonnensightseeing ausgelaugten Körper, das nervenaufreibende Rütteln des Zuges und der durchs Abteil fegende Fahrtwind taten ein Weiteres.. sowie eine an diesem Tag auf Chips und frittierten, hygienisch zweifelhaften Kartoffelbällchen basierende Ernährung. Bei Ankunft in Lucknow ging es uns also eher ungut.. trotzdem fiel positiv auf, was uns bereits angekündigt worden war: Die Bewohner der Stadt sind für ihre besonders höfliche Sprache bekannt, welche jede Menge Etiquette und Respektmarker allenthalben enthält. So bemerkten wir bereits am Riksha-Prepaid-Stand, wo erfreulicherweise mal alles einwandfrei ablief, dass die Leute statt „ha“ (ja) oder „ha ji“ (ja + Respektmarker) nur „ji“ sagen (also nur Respektmarker). Das hat vielleicht etwas mit der muslimischen Prägung der Stadt zu tun..? Nach dem Untergang des Mogulreichs kam das muslimische Geschlecht der Nawabs an die Macht, welches Lucknow von 1720 bis 1775 zur Hauptstadt seines nordindischen Reichs machte.
Wegen unserer schwächlichen Verfassung nahmen wir mit einem x-beliebigen Hotel Vorlieb.. eigentlich hatten wir uns in eine dekadente 3-Sterne-Unterkunft einquartieren wollen, mit Badewanne und Zimmerservice. Zwar fanden wir etwas in der entsprechenden Preisklasse und die Bediensteten waren irgendwie recht arrogant (schauten irritiert auf unsere staubige Erscheinung und meinten, wenn wir eine preisgünstige Bleibe suchten, seien wir hier falsch), die Bettlaken waren dann aber auch nicht frisch und die leergefressenen Chipstüten unserer Vorgänger lagen unter den Betten. Egal. Zum Einschlafen gönnten wir uns ein für Lucknow typisches, muslimisches Abendessen – Chicken Kabab – und eine Runde Shah Rukh Khan Music Clips..
Leider erwachte ich gegen 4 Uhr morgens keineswegs genesen, sondern mit stechenden Schmerzen im rechten Ohr.. eine Weile lag ich sinnlos herum und malte mir pessimistisch den weiteren Verlauf unserer Reise sowie einen Besuch eines auf gut Glück ausgewählten Arztes aus.. einzig getröstet vom sehr exotisch jaulenden Ruf des Muezzins gegen 5 Uhr. Eine weitere Stunde später hielt ich es nicht mehr aus und zusammen mit der schlaftrunkenen, von meiner hitzigen Entscheidung überrumpelten Henni machte ich mich auf, ein Krankenhaus aufzusuchen. Der Reiseführer hatte von einer empfehlenswerten government-Institution, dem Balrampur District Hospital, gesprochen, welches wir nach einer halben Odyssee und mit der Hilfe ortkundiger Police-Wallas auch fanden.. Wanderer, kommst du nach Lucknow, dann meide diese Hallen! Das Krankenhaus war so mega-creepy! Irgendwie autowerkstattmäßige Bungalow-Komplexe im fahlen Morgenlicht, hier und da Häufchen wartender Menschen (manche mit comic-haften weißen Bandagen um den Kopf), die gesamte Ausschilderung nur auf Hindi.. dank meiner Lesekünste erkannte ich den „imärschensi“ (Englisch transliterated into Hindi)-Eingang, durch welchen wir voll Zuversicht schritten. Im Inneren schockierten die hygienischen Verhältnisse: Alles sah ziemlich schäbig aus, das Bild war geprägt von rot gespränkelten Wänden und insbesondere Zimmerecken (Betelnusssaftspuckflecken! Tetanusgefahr!?), ein verpennter Mensch saß in Jeans und Karohemd an einem Schreibtisch. Ich stammelte, ich habe pain in my ear und gestikulierte unsicher ein wenig. Der Typ winkte mir zu, ich solle mich auf einen Behandlungstisch setzen.. ich tat, wie mir geheißen – um plötzlich neben mir eine Wanne voller blutgetränkter Verbände inklusive einiger Büschel abgeschnittener Haare zu entdecken. Zu allem Übel kam dann auch noch der Karohemdmann mit einer gezückten Injektionsnadel auf mich zugelaufen. „Wenn der mir das reinspritzen will, renn ich weg!“ „Ach Quatsch, das machen die nicht.. die haben dich ja noch nicht mal untersucht..“ Irgendwie wurde dann aber doch deutlich, dass man vorhatte, mir diese unbekannte Flüssigkeit zu injizieren. Ich wehrte panisch ab und fing vor lauter Verzweiflung tatsächlich an zu weinen. Henni fragte entrüstet, was mir da verabreicht werden solle.. Leider konnte der Spritzenfritze kein Englisch. In diesem Moment betrat sein Chef (?) das Behandlungszimmer und erklärte, es handle sich lediglich um pain killer, welche die Zeit überbrücken sollten, bis um 8 Uhr die HNO-Station des Krankenhauses öffnen werde.. ich verweigerte die pain killer sowie vier namenlose Tabletten, die der Chefmensch des Weiteren verordnete. Entgeistert entflohen wir aus der Notaufnahme. Aufgewühlt und ziellos wanderten wir durch die umliegenden, noch menschenleeren Straßen.. halb äugte ich auf alle möglichen Schilder am Straßenrand, ob möglicherweise irgendeine kleine Arztpraxis in der Nähe sei.. Nach etwa einem Kilometer drang die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens wenigstens ansatzweise zu unserem halbschlafenden Bewusstsein durch und wir fuhren auf Hennis vernünftiges Drängen hin ins Hotel zurück. Einmal mehr waren wir auf unseren Delhi-based deus ex machina angewiesen. Wir fragten Sanyat nach einem Ratschlag und dieser sandte innerhalb kürzester Zeit (und das trotz früher Stunde) eine SMS voller genauster Informationen: King George Medical College im Viertel Charbagh, Rikshakosten soundso, wir sollten um 9 Uhr da sein, am Empfang einen Anmeldungs-Token für eine Rupie erstehen und anschließend die HNO-Abteilung aufsuchen, die für gewöhnlich gegen 9.30 Uhr besetzt sei.. Wir taten, wie uns geheißen.. wieder ein government hospital, wieder nur Beschilderung in Hindi und die Wachmänner nicht in der Lage, unsere Fragen zu beantworten. Quite lost liefen wir am Büro des Public Relation Officers vorbei, in welchem wir eine kurz- und weißhaarige Frau energisch gestikulieren sahen.. sie würde Ahnung haben! Halbwegs dreist verschafften wir uns Zutritt und tatsächlich nahm sie uns unter ihre Fittiche, sorgte für unsere Anmeldung und wies einen ihrer Assistenten an, uns zur HNO-Abteilung zu geleiten. Dort wurde ich direkt durch den Wartesaal an etwa 150 Wartenden vorbei ins Behandlungszimmer geleitet.. das war so unbeschreiblich peinlich und unnötig und unangenehm! Da saßen Leute, denen angegraute Schläuche aus der Nase baumelten.. Mütter mit schlaffen, halb ohnmächtigen Kindern im Arm.. abwesend starrende Greise.. vor lauter Schreck verschwanden meine Ohrenschmerzen fast vollständig.. ich wäre am liebsten im Boden versunken! Zu allem Übel weigerten sich die jungen Ärzte im Behandlungszimmer auch noch, sich meiner anzunehmen und sandten mich stattdessen weiter zum seniormost Oberarzt im Nebenzimmer.. oh mein Gott! Dieser guckte sich mein Ohr an und verschrieb mir einen ganzen Haufen an Antibiotikum und anderen Medikamenten im Wert eines halben Monatseinkommens einer im Wartesaal sitzenden Person.. und nach kaum fünf Minuten war alles vorüber. Erleichtert und beschämt schlichen wir an den Wartenden vorbei nach draußen und verließen das Krankenhaus. Wir begaben uns in unser Hotelzimmer zurück, wo wir – nachdem ich meinen Drogencocktail eingeworfen hatte – nochmal einige Stunden schliefen.
Gegen 14 Uhr fühlten wir uns beide entschieden besser und machten uns daran, den Verlauf unserer weiteren Reise auszuarbeiten. Die eigentlich bevorstehende 18-Stunden-Zugfahrt nach Amritsar erschien uns mittlerweile wenig machbar, weswegen wir die Tickets zu canceln beschlossen. Stattdessen wollten wir am Abend direkt nach Delhi zurückkehren. Für die verbleibende Zeit in Lucknow stellten wir einen anspruchsvollen Sightseeing-Zeitplan zusammen.
Zunächst besichtigten wir die British Residency. Die Engländer vertrieben 1856 den letzten der Nawabs, Wajid Ali Shah, und erbauten für den britischen Statthalter diese Festung mit weitläufiger Parkanlage. Bereits ein Jahr später, 1857, fand hier eine der wichtigsten Schlachten des indischen Unabhängigkeitskampfes statt: Über 3000 europäische Zivilisten verschanzten sich für fast 3 Monate in der British Residency, um Zuflucht vor meuternden indischen Soldaten der British East-Indian Company, den Sepoys, zu suchen. Mithilfe von außen angeforderter Truppen gelang es nach 87 Tagen, den Sepoy-Aufstand niederzuschlagen. Nachdem auch die Widerständler in anderen nordindischen Städten wie Delhi und Kanpur besiegt wurden, wurde die East-Indian Company durch den Government of India Act (1858) aufgelöst und Indien zu einer dem britischen Imperium einverleibten Kronkolonie.
Die Anlage der British Residency ist ganz eindrucksvoll, weil an den Mauern der Gebäude noch die Einschusslöcher von Kanonenkugeln sichtbar sind und man sich dadurch die Geschehnisse des Befreiungskampfes relativ gut vorstellen kann.. Einen bleibenden Eindruck hinterließ bei uns auch ein Schauspiel der anderen Art: Dass die gepflegte und fast menschenleere Parkanlage wie üblich viele Pärchen, die ein wenig Zweisamkeit suchen, anlockte, überraschte uns nicht.. aus Delhi kannten wir bereits genug solcher „couple corner“, wie wir sie zu nennen pflegen. Solch weitreichende Zuneigungsbekundungen wir hier hatten wir dann allerdings doch noch nicht gesehen!! Als wir ganz harm- und ahnungslos eine der etwas abgelegenen Ruinen anschauten und gemächlich durch die verschiedenen Räume des ehemaligen Bankettgebäudes flanierten, erschreckten wir im hinterletzten Zimmer ein Paar bei.. irgendetwas Weitgehendem! oder vielmehr erschreckten diese beiden uns – wir drehten uns mit aufgerissenen Augen auf dem Absatz um und eilten hinfort. Einiges!!
Anschließend fuhren wir mit der Riksha zur Bara Imambara, dem großen Grabmal, und zur Chota Imambara, dem kleinen Grabmal.. irgendwie sind bestimmt 70% aller aus der Zeit der muslimischen Herrscher stammenden Monumente Mausoleen. Im Inneren der Grabmäler erhielten wir einen guten Eindruck von der Verschwendungssucht und Dekadenz der für ihren ausschweifenden Lebensstil bekannten Nawab-Herrscher.. alles, jede noch so kleine Fläche, ist über und über mit Dekorationen und Schmuckgegenständen behängt und verziert! Total übertrieben.
[im königlichen Hammam, dem Dampfbad]
Unser Abendessen nahmen wir, um den letzten Abend unserer All-India-Pilgrimage gebührend zu feiern, in einem noblen Etablissement ein. Leider verpeilten wir ein wenig, dass wir das Hotel wegen seines angepriesenen Rooftop-Restaurants mit Aussicht über die ganze Stadt ausgewählt hatten, und nahmen im schäbigen (naja..) Bistro im Erdgeschoss Platz.. zu blöd! Wenigstens einen Drink gönnten wir uns dann doch noch im fünften Stock.. Danach boardeten wir den letzten Zug unserer Reise, welcher uns in heimische Gefilde (nach Delhi) tragen sollte.
1 Kommentar:
Hallo Vicky, fleissige Schreiberin! Ohrenschmerzen gut überstanden? Erinnert mich an ein ähnliches, wenngleich nicht annähernd abenteuerliches Erlebnis, das ich in meiner Jugend in Spanien hatte. Interrail - sommerheißes Zugabteil, alle Fenster offen, Doro sowieso angeschlagen wegen Weisheitszahngeschichten (ist's das vielleicht auch bei Dir?). Tierische Zahn- und Ohrenschmerzen wegen der ständigen Zugluft. Eine spanische Mamma behandelte mich mit Kopfschmerztabletten, die ich immer bis zu ihrer Auflösung in der Backentasche behalten sollte. Aufgelöst wurden die Tabletten im Alkohol. Ein andermal hatte ich solchen Dünnsch..s mit Bauchkrämpfen, dass ich nur noch mit waagrecht vorgebeugtem Oberkörper ins Krankenhaus schleichen konnte. Das wenigstens war in Spanien auf dem uns gewohnten Level.
Hoffentlich geht's Dir jetzt wieder einigermaßen gut. Und was Du in Indien alles lernst über die menschliche Gesellschaft und das Menschsein für jeden einzelnen?! - Da fragt man sich hier manchmal schon, warum es bei uns so viel zu jammern gibt und ob es sich wirklich schickt, Streitereien so weit zu treiben, dass sie das demokratische Miteinander in Frage stellen.
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