Im Bus lasen wir uns ein bisschen Wissen über diese heiligste Stadt der Hindus an. Dem Durchschnittseuropäer ist vermutlich aus dem Religionsunterricht bekannt, dass Hindus nach Varanasi (oder Benares, wie es bei den Briten, die den Namen falsch verstanden, hieß) pilgern, um dort im heiligen Ganges zu baden.. oder um dort zu sterben und ihre Asche den Fluten zu überantworten. Diese Praktik wird als Möglichkeit angesehen, dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt zu entkommen und seine Seele mit dem brahman, der Weltseele, zu vereinigen.. Laut Reiseführer jedenfalls könne man in Varanasi die hinduistische Spiritualität besser erfahren als irgendwo sonst in Indien.. zugleich sei das Bild der Stadt aber überdurchschnittlich stark von Dreck und Verwesung, Scheiterhaufen, dem schwermetallverseuchten Fluss und der Enge der Altstadtgassen geprägt.. welche im Widerspruch zu goldverkleideten Tempeln, Seidensaris und Sitarmusik ständen. Außerdem sei Varanasi die Stadt der aufdringlichsten und hinterhältigsten Rikshafahrer überhaupt. Nach der Lektüre dieser Charakterisierung waren wir sehr gespannt, awestruck und fast ein wenig eingeschüchtert. Wir legten uns Pläne zurecht, wie wir uns gegen skrupellose Schlepper und aufdringliche Ramschhändler zu Wehr setzen wollten und sagten uns, dass die Stadt trotz und gerade wegen ihrer Lebensintensität ein einmaliges Erlebnis für uns werden sollte – wir dürften nur den Mut und die Neugier nicht verlieren. Im Nachtzug fand ich (vor lauter unterbewusster Nervosität? und vor lauter wuselnder Kakerlaken! eine lief mir übers Gesicht, Einiges!) dann allerdings kaum mehr als eine Stunde Schlaf.
Um 4.50 Uhr morgens kamen wir in Varanasi an. Ohne Probleme fanden wir eine Prepaid-Riksha in die Altstadt.. ich hatte schon einige Hotels herausgesucht, die wir abklappern wollten. Der Rikshafahrer geleitete uns zu jeder der Unterkünfte, zunächst waren wir ihm gegenüber sehr misstrauisch.. wollte er uns zu einem bestimmten Guest House führen, um Kommissionen zu kassieren? Wollte er später auf einer sehr viel höheren Entlohnung beharren, da er uns ja zeitaufwändig herumführen musste? Er erklärte, er wolle uns zu dieser nachtschlafenden Stunde (naja, es dämmerte bereits langsam in den verwinkelten Gässchen) nicht alleine herumwandern lassen. Und tatsächlich fuhr er uns anstandslos zu den von uns genannten Unterkünften und zeigte uns noch einige, die er kannte.. bis wir endlich, gegen 6 Uhr, ein standesgemäßes Zimmer gefunden hatten: mit Balkon auf den Ganges! Bettwäsche fast frisch!Wir legten uns zwei Stündchen schlafen, dann frühstückten wir im hoteleigenen Rooftop-Restaurant. Erst jetzt wurde uns klar, was das für ein seltsames Gebäude unmittelbar neben dem Guest House war, welches uns von unserem Balkon mit seiner ominösen Rampe und den langen Schornsteinen ein wenig die Sicht auf den Fluss verdeckte: ein Krematorium! Wie wir bei unserer Führung über unser Ghat (so heißen die auf den riverbanks befindlichen Treppenstufen, eine Badestelle) erfuhren, handelte es sich dabei um eine von nur zwei Verbrennungsstätten in ganz Varanasi! Es ist die jüngere der beiden, sie verfügt neben dem traditionellen Scheiterhaufen auch über das modernere Krematorium, in welchem neben der konventionellen Holzverbrennung auch ein elektrischer Ofen genutzt wird – zweitere Technik konnte sich bisher aber nicht wirklich durchsetzen, obwohl sie viel billiger ist. Der Typ, der uns das erzählte und scheinbar selbst ein Kremator(engehilfe?) war, erklärte uns auch, dass es üblich ist, dass (zumindest) der älteste Sohn des / der Verstorbenen mit dem Leichnam nach Varanasi pilgert, um der Verbrennung beizuwohnen und sich zu diesem Anlass die Haare abrasiert sowie ausschließlich in weißes Leinen gekleidet ist. Nach der Verbrennung wird die Asche des Verstorbenen sowie bei Männern der unverbrannte Brustkorb, bei Frauen die Hüftknochen, der Ganga überantwortet. Während wir den Erzählungen lauschten, beobachteten wir einige Männer, die im Wasser herumwateten und den von Asche (und anderen Schwebestoffen..) schwarz verfärbten Schlamm nach Goldzähnen, Schmuck und anderem verwertbaren durchsiebten..
Die Bekanntschaft mit diesem ..Touristenführer machten wir übrigens dank eines Hotelangestellten, der uns dann ganz selbstlos ein bisschen durch die Gassen geleitete..um uns nach 10 Minuten bei einer der berühmten Varanasi-Seidenspinnereien zu droppen.. dort sahen wir uns mehr oder weniger gezwungen, auf weichen Kissen Platz zu nehmen, während ein tüchtiger muslimischer Geschäftsmann mannigfaltige Seidentücher, Paschminaschals, Angorawollseidensonstwasgemische und Brokatstoffe vor uns auftürmte.. ein Gewebe farbenprächtiger und feiner und weicher als das nächste. Natürlich endete das Ganze damit, dass wir Einiges an Geld zurückließen.. naja.. schön sind die Sachen jedenfalls schon.
Nachdem wir schlussendlich den Klauen der geschäftstüchtigen Hotelmenschen und Kaufleute entkommen waren, begaben wir uns auf unsere erste selbstständige Entdeckungstour durch die Gassen Varanasis. Vermutlich wird Benares aufgrund seiner engen Altstadt als dreckig und heruntergekommen beschrieben: Es gilt, sich seinen Weg durch die von Pilgern und Anwohnern stark frequentierten Gässchen zu bahnen, dabei Rücksicht zu nehmen auf die allgegenwärtigen, verstopften Kanäle der offenen Kanalisation und massige Kühe, die sich gemächlich zwischen den krummen Häusern voranschieben und dabei mit ihren Flanken links und rechts fast die Mauern berühren, sodass man sich regelrecht an ihnen vorbeischlängeln muss. Müllhaufen zieren hier und da das Bild und Ausscheidungen verschiedenster Lebewesen erfordern die ständige Höchstkonzentration des flanierenden Passanten.
[ein schöner kleiner Shiva-Tempel]
[Unser Mittagessen nahmen wir in einem kleinen, einfachen Restaurant ein – Thali für sagenhafte 35 Rupees! Und so unfassbar lecker.. Man beachte im Hintergrund den Sadhu und die Fotos, die vermutlich den Eigentümer des Lokals in seinen jungen Jahren zeigen.]
Am Nachmittag begaben wir uns randomly auf eine kleine Bootstour, um die Ghats vom Wasser aus anzuschauen. Leider war der Anblick weit weniger imposant als erwartet.. wegen des sehr hohen Wasserspiegels (Monsun..) waren etwa 85 Treppenstufen von der braunen Brühe des Ganges verdeckt und damit nicht zu sehen. Für gewöhnlich ist es möglich, auf den Treppenstufen am Fluss entlang und damit von einem Ghat zum nächsten zu laufen.. nicht so jedoch während unseres Aufenthaltes, wo wir jede einzelne Badestelle separat anschauen mussten.
[von den meisten Ghats sind wegen der Hochwasser nur wenige Stufen zu sehen]
[auch dieser Tempel steht halb unter Wasser.. von anderen schaut sogar nur noch ein Teil des Daches aus der trägen Brühe! rechts im Bild sieht man übrigens den Rauch, der von der älteren der beiden Verbrennungsstellen aufsteigt.. sie besteht aus einem großen, auf einer Art steinernen Turm gelegenen Scheiterhaufen.. Tag und Nacht werden hier Leichen verbrannt, etwa 50 am Tag]
Später geriet ich an einen der zahlreichen Brahmanen-Priester, die unter bunten Sonnenschirmen auf den Treppenstufen der Ghats sitzen und Weihen aller Art für die Pilger durchführen. Er winkte mich zu sich und ich war irgendwie erfreut, dass er mir scheinbar die für mich fremde Religion mit ihren Riten näherbringen wollte.. ich setzte mich also auf seinen kleinen Holzpodest, woraufhin der Guteste begann, alle möglichen Phrasen zu brabbeln, die ich nachsagen musste. Er fragte nach dem Namen meines Vaters, meiner Mutter.. malte mir einen roten Punkt auf die Stirn, drückte mir welke Rosenblätter und Zuckerkügelchen (Prasad, Opfergaben anderer Pilger, die von Priestern verteilt werden) in die Hand.. und streckte dann seine aus, um nach Geld zu fragen.. den Betrag (horrend) nannte er auch gleich! Das lässt einen dann doch ein wenig an der Ernsthaftigkeit dieser Religion zweifeln.. ich gab dem Typen Trinkgeld und begab mich hinfort.
1 Kommentar:
Ein Dienstleister eben! Gibt's in allen Religionen, nur eben in verschiedenen Ausprägungen, und die Bezahlung erfolgt z.B. bei uns auf etwas subtilere Art.
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