Freitagabends verließen Sanyat und ich Delhi wie mittlerweile üblichen in einem Volvo-Bus. Obwohl wir diesmal schlau genug gewesen waren, uns bei Buchung der Tickets zu informieren, welche der Vehikel denn NICHT über einen LCD-Bildschirm verfügen und unsere Reise entsprechend daran auszurichten, wurden wir enttäuschenderweise geupgraded und so blieben wir leider auch dieses Mal von schlechten, halbpornösen Polizist-mit-Schnorres-und-cooler-Fake-Ray-Ban-rettet-die-Nation-und-hat-nebenbei-ein-liebliches-Familienleben-Blockbustern nicht verschont. Kurz vor Mitternacht kamen wir bei Sanyats Onkel und Tante, Sanyam-Chacha und seiner Frau Deepa-Chachi, an. Da Chacha bis zu den letzten Parlamentswahlen Abgeordneter war, leben die beiden in einer Kolonie für (ehemalige) Members-of-Parliament direkt im Hinterhof des imposanten Legislativgebäudes. Nachdem mir ein voluminöser Willkommensblumenstrauß überreicht und Sanyat ein spätes Abendessen serviert worden war, begab man sich zu Bett. Relativ überraschend war für mich, dass ich in einem Doppelbett mit Sanyats Tante schlief, während Sanyat und sein Onkel im anderen Zimmer übernachteten. Manchmal ist Indien einfach so unkompliziert und natürlich.. da wird nicht lang gefremdelt. Da sich mein Hindi glücklicherweise ganz gut verbessert hat, konnte ich vor dem Einschlafen sogar noch eine kleine Unterhaltung führen, das war toll..
Am nächsten Morgen fuhren Sanyat und ich in die Stadt und begaben uns – wie sollte es anders sein? – erstmal zu einem renommierten Rollstuhlhändler. Sanyat wollte ein paar Modelle anschauen, da die Familie über die Anschaffung eines solchen Hilfsmittels für die des Laufens nicht mehr fähige Oma nachdenkt. Ich war erstaunt, dass es so wenig Bezugsquellen und Hersteller für Rollstühle zu geben scheint, obwohl die medizinische Versorgung im Land ja (wenigstens für diejenigen, die es sich leisten können) sehr gut ist. Die Preise in dem kleinen Familienbetrieb schienen mir auch vollkommen unglaubwürdig: einfache, zusammenklappbare Stühle ab 300 Euro, die chinesische Billigkopie ab 100 Euro.. und dabei waren diese Dinger ganz und gar nichts Ausgefallenes! Aus Geizgründen rückten wir also unverrichteter Dinge wieder ab..
..und spazierten auf Jaipurs Lebensader, der M.I. Road, Richtung Altstadt. Dort besichtigten wir den sich als durchschnittlich-bis-langweilig entpuppenden Hawa Mahal und aßen anschließend in Narco’s (since 1954) zu Mittag. Gegen 16 Uhr begaben wir uns dann zum eigentlichen place of interest dieses Wochenendes: dem Diggy Palace, einem mittelklassigen Hotel, dem Schauplatz des Jaipur Literature Festivals. Die fünftägige Veranstaltung gilt als Größte ihrer Art im südostasiatischen Raum. Letztes Jahr besuchten mehr als 30.000 Literaturinteressierte aus Indien und dem Ausland die Diskussionsrunden, Lesungen und Konzerte. In Anbetracht dieser Zahl wäre es angebracht, das Festival bald an einen anderen Ort zu verlagern.. der Hotelgarten, in dem verschiedene Podien und Zelte aufgebaut waren, war hoffnungslos überfüllt, zu Stoßzeiten war kaum ein Fortkommen möglich und der Gedanke an einen Sitzplatz eine reine Utopie.
[in der Altstadt begegneten wir einem ganz besonders netten rice papad wala, der mich, nachdem er gesehen hatte, wie ich seine Transportmethode bewunderte, seinen mit frittierten Reissnacks gefüllten Kopfkorb tragen ließ .. die Dinger schmecken übrigens gut, wie Krabbenchips]
An diesem ersten Nachmittag hörten wir uns eine Diskussion mit dem Titel „Out of West“ an. Was man sich unter diesem Thema vorstellen musste, wussten wir nicht ganz, jedoch wurden wir von (zumindest vermeintlich) hochkarätigen Redner wie z.B. Orhan Pamuk gelockt. Dieser hatte sich den Leitgedanken „Out of West“ einfallen lassen, welcher unter den Diskutanten nun für einige Verwirrung sorgte. Manche der allesamt berühmten, mir jedoch vollkommen unbekannten Autoren bezogen ihn darauf, wie sie trotz ihrer nicht-westlichen Herkunft für ein westliches Publikum über Probleme in ihren Heimatländern schreiben.. Orhan Pamuk riss das Wort irgendwann an sich und monologisierte mal für 20 Minütchen darüber, was er sich unter dem Titel vorgestellt hatte (dass nicht-westliche Literatur von westlichen Kritikern, welche auf westlichen Standpunkten beharren und ihre westliche Perspektive nicht abwerfen können, nur in Relation zu westlichen Werken gelesen wird.. oder so). War irgendwie nicht soo besonders prickelnd.. eine richtige Diskussion kam jedenfalls nicht zustande.
Zu Abend gab es daheim herrliches Mattar Sabzi und Patar Ghobi.. Erbsen und Sauerkrautgemüse. Der aufmerksame Leser darf sich an dieser Stelle an einen schicksalshaften Abend im Sangla-Camp erinnern, an welchem ich nach ebensolcher Kost von den grässlichsten Bauchschmerzen, die je ein Mensch durchgehen musste, geplagt wurde.. auch dieses Mal sollte mir das Essen nicht wohl bekommen. Ursache dafür war die Gastfreundschaft von Chachi, welche solch übertrieben Ausmaße angenommen hat, dass das Essen dem Gast nicht zu dessen Freude angeboten wird, sondern mehr zur eigenen Pflichterfüllung. Der Gastgeber (für gewöhnlich: die Gastgeberin) zwingt ihren Opfern so lange hausgemachte Cashewplätzchen und Gemüsereis aus, bis diese eine gewisse Menge an Nahrungsmitteln vernichtet haben – dann erst kann sie ihre Soll als geleistet und sich als ordnungsgemäße Gesellschafterin ansehen, auf das Wohlsein der rücksichtslos gemästeten Person kommt es absolut nicht mehr an. So wurde auch mir an diesem Abend Schaufel für Schaufel von schwerverdaulichen (doch zugegebenermaßen schmackhaften) Speisen auf den Teller gehäuft und ich in meiner Manipulierbarkeit hab das alles (widerwillig zwar) gegessen.. mir war schon klar, wo das enden würde.. nach einem erfolglos unternommenen Versuch eines Verdauungsspaziergang um die rajasthanischen Ministerien und einigen wichtigen offiziellen Besorgungen im Empfangszimmer Chachas begab ich mich mit einer gräulichen Gewissheit zu Bett..
2 Kommentare:
Hallo Vicky, ich lese Deine Einträge immer mit sehr großem Interesse und Vergnügen. Sie sind so geschrieben, dass man beinahe immer selbst bei Deinen Unternehmungen dabei ist und andererseits weiß, dass es nur kleine Pixel aus einem immensen Land sind, dessen Vielfalt, Buntheit und Andersartigkeit wir uns von hier aus wahrscheinlich gar nicht richtig vorstellen können. Unsere Kommentare "sehr interessant" "toll" ... usw. müssen Dir immer etwas dürr erscheinen. Ich hoffe, dass es Dir immer gut geht und dass Dir Deine Wanderschaft zwischen den Welten vorwiegend und vor allem Glück bringt. Herzliche Grüße!
Ungeachtet der wie immer begeisternden Reisebeschreibung entnehme ich Deiner Preisangabe über den Rollstuhl, dass die Inder ob doch so trauriger und billiger Lebensumstände doch gegenüber den Chinesen so viel teurer zu sein scheinen. "Billigkopie" allein kann den Mehrpreis sicher nicht beschreiben, denn auch im Solarmarkt stellen wir fest, dass die Inder über die Chinesen schimpfen, ob des niedrigen Preises und der angeblichen geringen Qualität. Qualität ist m.E aber auch in Indien im Durchschnitt nicht höher als in China, damit stellt sich die Frage nach dem gewerblichen Wettbewerb dieser beiden Vielmenschen-Billig-Staaten. Was macht China schon besser oder warum sind die Inder nicht in der Lage, so preiswert anzubieten und den Weltmarkt mit Qualität bei niedrigen Herstellkosten zu erobern? China war im übrigen nach der Literatur Weltweit das erste Land, welches Qualitätsmassstäbe staatlich fest gelegt hat. Vor 5000 Jahren schon für Waffen und Besen. (Quelle: Quality guru Dr. Joseph M. Juran aus Rumänien)
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