Montag, 30. August 2010

Rakhi in Jodhpur

Werte Leserschaft.. hinter mir liegt eine Woche Urlaub in Rajasthan, experiencing Indian (almost) everyday-life at its finest.. and at close quarters :) ich weiß nicht recht, wie ich aus dem Salat an Eindrücken und Erlebnissen eine einigermaßen verständliche Schilderung herstellen soll.. aber ich werde es versuchen.
Am Montagabend um 21 Uhr boardeten Sanyat und ich den Mandore-Express von Delhi nach Jodhpur. Da mein Rucksack spontan einen Schimmelanfall erlitten haben muss (den ich erst bemerkte, als ich das gute Stück nachmittags aus den Tiefen meines Schrankes hervorzerrte – oh Egersund!), reiste ich mit fremdem Gepäck..also.. mit einer fremden Reisetasche. Unser 3 AC-Abteil (d.h. ein Abteil mit drei übereinander befindlichen Betten) teilten wir unter anderem mit einer für das Europaparlament arbeitenden Portugiesin, ihrer britischen Freundin, einem grummeligen, rülpsenden indischen Rentner, sowie unzähligen Kakerlaken, die die beiden Touristen in eine in Anbetracht ihrer ziemlich umfangreichen bevorstehenden Indienrundreise nicht nachvollziehbare Panik versetzten. Gegen 23 Uhr, als die Mitreisenden die Betten ausklappten, um zu schlafen, begab ich mich mit Sanyat zur Tür unseres Waggons.. wir öffneten sie und reisten dort, gefährlich nah am Abgrund stehend. Der Vollmond beschien eine Landschaft, die nur mit dem Wort „vast“ zu beschreiben ist, wir waren umgeben vom Rattern und gelegentlichen Tuten des Zuges, die Haare vom Fahrtwind verfilzt. Ein irgendwie klischeehaftes Erlebnis der Freiheit einer Zugreise.. das in sicheren und sauberen deutschen Zügen nicht möglich wäre.


[die momentan aufgrund starker Monsoon-Regenfälle in ganz Nordindien außerordentlich grüne Landschaft Rajasthans]


Um 9 Uhr morgens erreichten wir Jodhpur und wurden am Zug von einem government employee, der irgendwie in den Diensten von Sanyats Vater steht, abgeholt.. und in einem schnieken Wagen zu ihm nach Hause kutschiert. Meine Denkstrukturen sind mittlerweile so stark indianisiert, dass ich beim Anblick einer weißen Box auf dem Dach des Autos fragte, ob jemand nach dem Einkaufen vergessen habe, seine Gulab Jamuns (eine fettigklebrige, ballförmige Süßigkeit, die gewöhnlich in weißen Plastikboxen verkauft wird) in den Kofferraum zu packen.. tatsächlich handelte es sich um ein verhülltes Blaulicht, das alle government cars auszeichnet. Unfassbar. Alles in allem kann man in Indien als Angehöriger der oberen Mittelklasse ein ziemlich luxuriöses Leben führen.. viel luxuriöser als in Deutschland. Sanyats Familie hat zum Beispiel zwei Köche und drei weitere Angestellte.. und durch allerhand Beziehungen und Bekanntschaften kommt man auch sonst sehr leicht in den Genuss eines gewissen preferential treatments.
Nach unserer Ankunft wurde uns zunächst ein vorzügliches Frühstück serviert, welches ein Vorgeschmack auf jede einzelne Mahlzeit der kommenden Tage sein sollte – hab noch nie so gutes Essen geschmeckt! Selbst der Blumenkohl war lecker! Danach unterhielt ich mich eine Weile mit Sanyats Großtante, der Deutschprofessorin aus Jaipur. Es war ein sehr merkwürdiges Gefühl, an solch einem ungewohnten Ort ein so perfektes Deutsch zu hören.. ein gepflegtes, etwas seniorenhaftes Hochdeutsch.. ein.. Oma-Oberhausen-Deutsch vielleicht :) und lustigerweise kennt diese Deutschprofessorin nicht nur etliche Profs der Uni Heidelberg, sondern auch einen Jurastudent unserer Uni, der vor 3 Jahren in Delhi studiert und einen Hindikurs bei ihr besucht hat. Ich hab vor einem halben Jahr im Akademischen Auslandsamt Heidelberg seinen Erfahrungsbericht über das Austauschsemester gelesen.. als ich erfuhr, dass wir mehr oder weniger dieselbe Person „kennen“, musste ich an diese Theorie denken, dass jeder Mensch mit jedem anderen Erdbewohner um maximal sechs Ecken herum bekannt ist..
Den Dienstag verbrachten wir dann mit dem Zelebrieren des Festes Rakhi. An diesem Tag danken alle Frauen ihren Brüdern (d.h. Brüdern i.w.S.: Cousins, Schwäger, Neffen..und teilweise werden auch deren Ehefrauen miteinbezogen) dafür, dass sie beschützt werden bzw. immer auf Unterstützung und Hilfe zählen können. Vollzogen wird dieses Dankesritual, indem der Bruder gebetsmäßig (in einer Pooja) verehrt wird, er bekommt einen Stirnpunkt aufgemalt (als eine Art Segen) und eine Süßigkeit in den Mund gestopft.. und schließlich wird ihm ein buntes Armband umgebunden. Sanyats Vater hatte gegen Ende des Tages mindestens 20 Bändchen am Handgelenk – u.a. seine vier Schwestern und deren Kinder kamen zu Besuch. Ich hab auch ein Band umgebunden bekommen.. von Sanyats Oma :) uah, unsere erste Begegnung war relativ lustig.. ich saß bei Sanyats Maamaa (Hindi für den Bruder der Mutter..) auf dem Sofa und beobachtete das allgemeine Wirrwarr, als plötzlich jemand von hinten seine Hand über meine Augen legte!! Das gesamte Wohnzimmer verstummte ungefähr und ich sah nichts mehr.. nach ein paar Sekunden löste sich die Hand.. die Besitzerin derselben, Sanyats Oma, starrte mich erstaunt an und fing dann an zu lachen.. sie hatte mich von hinten mit einer ihrer Enkelinnen verwechselt.. auch wenn mir jeder danach versicherte, dass zwischen uns ein Unterschied wie Schwarz und Weiß läge.


[Sanyats Großtante, die Deutschprofessorin aus Jaipur, bindet ihrem Schwager - Sanyats Vater - ein Armband um]

[der sonnenbebrillte Beobachter im Hintergrund ist Sanyats Onkel.. einer der zahlreichen Anwälte der Familie.. die Sonnenbrille trug er übrigens weniger aus Coolnessgründen (vermute ich) als vielmehr aus dem Anlass, uns nicht mit der zur Zeit grasierenden eye flu zu infizieren.. :) ]

Das indische Familienleben so kennenzulernen, war einmalig.. die Gastfreundschaft ist fast schon zu groß. Wo man auch hinkommt (und man kommt sehr oft irgendwo hin, denn man besucht sich gegenseitig viel häufiger als in Deutschland, ist mein Eindruck), man wird erstmal mit nasta (eigentlich das Wort für Frühstück..wird aber im Bezug auf alle möglichen Snacks verwendet) gefüttert.. ein Neindanke stößt auf taube Ohren. Geröstete Maiskolben, Nimbu Pani (Zitronenwasser.. also.. Limonade), Gulab Jamuns, Erdnüsse, Äpfel, Papaya, Laddus, Eis.. und alle Verwandten waren so neugierig und haben mich dauerhaft angelächelt.. wodurch ich mich aufgrund meiner Kommunikationsunfähigkeit teilweise sehr unwohl fühlte. Die meiste Zeit genoss ich es aber eher, Zeit in großen, vertrauten Menschenmassen zu verbringen. Am Samstag, dem vorletzten Tag unseres Aufenthalts, fand ein anderes Familientreffen in einem kleinen Park in Jodhpur statt. Zuerst saß ich mit Sanyat und seinen Cousinen und Cousins auf einem kleinen Hügel in der Nähe.. es wurde halblustig über die älteren Generationen geredet.. und über Themen wie wer wann verheiratet wird, uah war das weird! Nach einer Weile setzten wir uns zu den anderen Verwandten, die eine Art Sitzkreis gebildet hatten und zusammen Lieder sangen und verschiedene Singspiele spielten. Nach einer Weile kam es zu einer Runde von Individualperformances.. der Reihe nach sollte jeder etwas singen, während alle anderen andächtig lauschten. Ich war beeindruckt.. erstens sangen alle ziemlich gut, zweitens sehr selbstbewusst und voller Emotion.. ich fand es fast peinlich, zuzuhören.. das war so intim und irgendwie zeigt das so viel über die Leute und ich war doch nur ein fremder Eindringling. Schlimmer noch war allerdings das Gefühl, als ich an der Reihe war.. ich stammelte entschuldigend, ich könne ja kein Hindi und wollte passen.. aber ungefähr 30 Gesichter lächelten mich an und sagten Dinge wie „only two lines“ oder „in German“ und so. Ich war total überfordert und wäre am liebsten im Boden versunken und hab die ganze Zeit abgewehrt.. als man mich endlich enttäuscht in Ruhe ließ, war ich total verwirrt.. erstens kenne ich nicht den Text eines einzigen deutschen Volkslieds (oder wenigstens Schlagers).. abgesehn vielleicht von Alexander-Markus-Müll.. und zweitens wäre ich nie im Leben in der Lage gewesen, irgendwas vorzutragen. In dem Moment kam ich mir unmenschlich vor, weil ich nicht in der Lage war, ein Lied zu singen.. so eine natürliche Sache. Im Nachhinein ist mir nur ein einziges Lied eingefallen, das ich hätte vortragen können.. „mir hend dahoim an alde Grießbrei..“ oh Mann. Beeindruckend auf eine positivere Weise war die Begegnung mit Sanyats Großmutter väterlicherseits. Sie ist 79 und seit drei Monaten so gelähmt, dass sie nicht mehr sprechen und nur noch liegen kann. Ihre Augen sind aufgrund einer Krankheit ganz hell, fast blau, ihr Haar weiß und ganz klein und zierlich lag sie in einem viel zu großen Bett. Die ganze Familie, eine Psychotherapeutin, der Koch und die maid kümmern sich um sie und versuchen, sie zum Reden zu bringen.. vergeblich. Nur mit Sanyats Vater redet sie.. und teilweise mit Sanyat. Ich konnte gar nicht glauben, dass sie überhaupt spricht.. bis ich einmal dabei war, als Sanyats Vater ein Mantra in Sanskrit gesungen hat.. da ist irgendetwas in ihr erwacht und sie hat mit einer lange nicht benutzten Stimme auch ein paar Verse zitiert, obwohl ihr fast der Atem ausging. Mir ist es kalt den Rücken heruntergelaufen und ich hatte den Gedanken, dass Glaube eine wirklich sehr starke Macht über Menschen haben kann. Bhaiji (bhai heißt Schwester, ji ist ein Ausdruck des Respekts.. so wird die Großmutter in der ganzen Familie genannt) ist eine sehr gläubige Jain (ich wusste bis zu diesem Besuch gar nicht, dass Sanyats Familie Jain ist..) und hat dieses Gebet mehr als 50 Jahre lang täglich gesprochen.. sie isst und trinkt noch heute nicht nach 18 Uhr abends.. als sie 65 war hat sie ein Jahr lang nur jeden zweiten Tag gegessen.. der Jainismus ist eine Religion der Willensstärke. Und dieser Wille scheint noch immer so stark zu sein, dass er sogar die körperliche Schwäche überwindet.. Das einzige andere Wort, das ich von ihr gehört habe, war, als Sanyat zum ersten Mal in ihr Zimmer gekommen ist.. doodh.. Milch. Obwohl sie sich nicht mehr bewegen kann, ist sie – wieder typisch für die rajasthanische Gastfreundschaft – stets um das leibliche Wohl aller Menschen im Haus besorgt und wollte erstmal wissen, ob Sanyat Milch zum Frühstück hatte. Mich hat sie immer mit großen Augen angeguckt und eines Tages an ihr Bett genickt.. Sanyat sagte mir, ich sollte meinen Kopf senken.. ich tat wie mir geheißen und beugte mich ganz nah zu ihr herab.. und sie legte ihre linke Hand, die sie noch mühsam bewegen kann, auf meinen Kopf, um mich zu segnen. Das war so eine rührende Geste.. und ich konnte wieder nichts sagen außer Danke :-/

[Sanyats Tante bindet ihrer Schwägerin ein Armband um.. daneben sitzt der Bruder dieser Tante, gleichzeitig Ehemann der genannten Schwägerin.. da er auch der Bruder Sanyats Mutter ist, ist er für ihn ein Maamaa]

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das hört sich wunderbar an. Ich habe auch überlegt und mir ist bis jetzt kein Lied eingefallen, das annähernd passend sein könnte und bei dem ich nicht nach zwei Wörtern erstmal überlegen müsste, Weihnachtslieder wären wohl das einzige...aber klar, sing' mal alleine "Oh Tannenbaum" vor versammelter Mannschaft und noch einer Deutschsprechenden Person :)
Grießbrei, hätte ich jetzt durchaus Lust drauf...

Prisca

die Mama hat gesagt…

Hallo Vicky, wenn das wirklich so peinlich war, dass du nichts singen konntest... irgendwas und seis von grönemeyer oder udo lindenberg... oder ein kinderlied wie la le lu,
oder weihnachtslied... eigentlich schon komisch, mir fällt sonst auch nix ein jedenfalls nicht so ganz spontan....

aber aufregende und hoch interessante geschichte, bin schon gespannt, mehr zu hören und sehen.

Alexander hat gesagt…

Wie schön, dass du uns so innig an deinem Leben teilhaben lässt, die Geschichte war wieder einmal so wunderbar geschrieben :). Dankeschön!

Mir ist gerade Schillers Ode an die Freunde eingefallen, aber das ist wahrscheinlich zu schwierig und die kann man wahrscheinlich nur schwer gänzlich zitieren. Aber faszinierend, dass die Familie so zusammenkommt und singt. Berührend.