Sonntag, 22. August 2010

Keoladeo National Park, Bharatpur

Am Freitag war es endlich soweit – Amélie und ich verließen zum ersten Mal Delhi. Gegen 13 Uhr machten wir uns auf den Weg zum Roten Fort, um einen Bus nach Agra zu suchen.. nachdem wir uns zur Haltestelle durchgefragt hatten, mussten wir feststellen, dass der einzige Bus in Richtung Agra dort morgens um fünf abfährt. Einige hilfsbereite Menschen verfrachteten uns daraufhin in eine Riksha und schichten uns zum Sarai Kale Khan Busbahnhof im Westen der Stadt. Dort kamen wir gerade rechtzeitig, um in einen abfahrtbereiten Bus zu steigen.. und weil der conductor uns scheinbar mochte, durften wir in der allerersten Reihe sitzen: direkt hinter dem Fahrer war ein großes Bett eingebaut, auf dem der Zweitfahrer und der conductor sich gemütlich breit machten.. daneben war eine kleine Sitzbank, auf der Amélie und ich uns niederließen und von wo aus wir eine hervorragende Sicht hatten.. im Laufe der Fahrt wurde der Bus immer voller und so wurde der Raum zwischen Windschutzscheibe, Fahrer und Bett/Bank bald von zwei Müttern mit vier kleinen Kindern, einigen Eimern Farbe, einem Sack ungeklärten Inhalts und zwei Fässern mit der Aufschrift „inflammable“ (nice!) ausgefüllt. Unsere Busreise war sehr lustig.. der Fahrer legte laute indische Musik auf und fuhr mit ziemlichem Affentempo – was nicht verhindern konnte, dass wir für die Strecke Delhi-Agra (200 km) fast sieben Stunden brauchten. So scheiterten dann auch unsere Pläne, noch am selben Abend einen weiteren Bus ins fünfzig Kilometer entfernte Bharatpur zu nehmen. Stattdessen stiegen wir – mangels großartiger Möglichkeit und Energie, noch aufwendig verschiedene Unterkünfte zu vergleichen – in einem Luxushotel 200 Meter vom Taj Mahal (habe noch keinen Blick drauf geworfen!! das werden wir dann tun, wenn du bald kommst, Henni ;)) ab, wo irgendwie jeder Deutsch sprach.. „Na was is los hier? Hast du Hunger?“ ääähm.. ja, danke. Immerhin konnten wir uns dank des vorhandenen Fernsehers von indischem MTV (scheinbar gibt es einen Sender, wo ausschließlich Musikvideos mit Shah Rukh Khan gespielt werden?!) in den Schlaf lullen lassen – nur um am nächsten Morgen um fünf von komischem Geboller unmittelbar vor unserem Fenster geweckt zu werden. Kommentar Amélie: „La paix!“ Als wir um 6 Uhr dann tatsächlich aufstehen mussten, öffnete ich das Fenster und plapperte gerade etwas wie „I bet there were some monkeys who made all the noise.. but actually I don’t see any..“ als ich plötzlich 20 cm von meinem Gesicht entfernt sehr wohl einen Affen auf einem von außen am Fenster befestigten AC-Kasten sitzen sah! Kreischend sprang ich rückwärts, was auch die verschlafene Amélie dazu veranlasste, panisch Richtung Badezimmer zu rennen.. zum Glück hatten wir Gitter vor dem Fenster, was unsere Angst jedoch im ersten Moment nicht kleiner machte :D weil es noch kein Frühstück gab, latschten wir im Sonnenaufgang ein bisschen durch das muslimische Viertel, das direkt an das Taj Mahal grenzt.. lauter kleine bunte Häuschen, eher heruntergekommen, eine Menge Ziegen und Dreck.. und die Menschen dort können von sich behaupten, direkt neben dem bekanntesten Gebäude der Welt zu wohnen!

Blocksatz[eine Dhaba, ein Roadside-Restaurant]

[mein Lieeeblingsfoto :) im muslimischen Viertel in Agra]


Gegen halb acht befanden wir uns endlich am Busbahnhof und machten uns auf die Weiterfahrt nach Bharatpur, welches wir gegen zehn erreichten. Bharatpur liegt in Rajasthan, was uns auch dadurch deutlich wurde, dass die auf den Straßen zu sehenden Fuhrwerke plötzlich nicht mehr von Ochsen oder Pferden gezogen wurden, sondern von Kamelen.. die für diese Aufgabe irgendwie zu groß und schlaksig wirken. Eigentlich wollten wir uns im Keoladeo-Nationalpark, dem Ziel unserer (viel zu zeitaufwendigen) Reise, mit einigen französischen Bekannten Amélies treffen. Diese hatten sich aber am Tag zuvor durch den Verzehr eines Straßen-Samosas (leichtsinnig?!) eine Lebensmittelvergiftung zugezogen und schliefen noch. Wir besuchten sie an ihrem Krankenlager und es wurde Trost gespendet (allerdings nicht von mir, da ich mich, aufgrund der ausschließlichen Verwendung eines zu schnellen Französisch, außer Lage sah, mit irgendjemandem zu kommunizieren)… und so kam es, dass Amélie und ich erst gegen halb eins am Nationalpark waren. Dort diskutierten wir an der Kasse so lange herum, bis wir als Studenten der Delhi University für 20 statt 200 Rupien durchgelassen wurden. Wir entliehen zwei Fahrräder, wimmelten jegliche government-approved-bird-guides ab und traten dann endlich in die Pedale. Das Wetter war ideal, windig-wolkig und durch vorangegangene Regenfälle schön abgekühlt. Wir radelten auf Feldwegen durch die Savannen- und Sumpflandschaft.. und durch ein Meer aus Schmetterlingen, die rund um uns von den Pflanzen und den Kuhfladen aufstoben :) Im Zentrum des 30 Quadratkilometer großen Parks befindet sich eine ..Wasserlache, die um 1730 vom damaligen Herrscher Bharatpurs, Suraj Mal, als Reservoir angelegt wurde. 1899 ließ der von britischen Möglichkeiten des Zeitvertreibs begeisterte Prinz Harbhanji das Gebiet in eine Entenjagd umwandeln und den See vergrößern. In der Folgezeit lockte das Feuchtgebiet immer mehr Vögel, auch Zugvögel aus Europa und Russland, an – heute beherbergt er mehr als 140 Arten an Wasservögeln und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Amélie und ich sahen auf unserer Safari vor allem riesige Pfauen (die bei unserem Anblick auf plumpe Weise von bodennahen Ästen hüpften, um mit einem dumpfen Aufprall im hohen Gras zu verschwinden), nervende Affen, Kühe und grunzende Wasserbüffel, erschreckend große Sambar-Hirsche und allerlei blau und schwarz und weiß leuchtende Vögel, wie z.B. Bulbuls (Nachtigallen). Besonders toll war auch das Rudel Hyänen-Babies.. Zum Glück nicht zu Gesicht bekamen wie die indische Kobra, Phytons und sonstige Vipern.







4 Kommentare:

Doro hat gesagt…

Hallo Vicky
Antwort auf Deine Mail: ich Dich auch!
Bernd und ich haben heute nacht beide Geschichten von Vicky geträumt wie aus 1001 Nacht. Mit einer solchen Geschichte sehen wir Dich eventuell für die nächsten Tage in Jodphur konfrontiert. Wir wünschen Dir interessante Erlebnisse mit der Gastfreundschaft einer vornehmen indischen Familie und sind schon auf Deine nächsten Berichte gespannt. Dieser Bericht hier vom Nationalpark ist auch sehr interessant! Es grüßen Dich herzlich Bernd und Doro

Anonym hat gesagt…

Hallo Vicky, die Wolken über Eurem Nationalpark sehen aus wie bei uns. Sind das denn nun Monuswolken oder "normale"? Wenn das Monsunwolken sind, dann hieße das, daß bei uns in Europa monsunähnliche Wolken über den Himmel toben?
Bekommt Ihr eigentlich von der Überschwemmungskatastrophe in Pakistan etwas mit? Ist dieses Naturextrem wirklich so schlimm - oder wird das von der pakistanischen Politik und unseren Medien aufgebauscht? So kommt man ja vielleicht leichter an Spendengelder und fällt nicht anderen Gruppierungen anheim??? Wäre doch auch mal interessant zu wissen. Wünsch Euch noch viele interessante Eindrücke. Tausende Grüße Caddi

Anonym hat gesagt…

Hallo liebes Töchterlein,
Deine Beschreibungen sind so lebendig und begeisternd. Ich fühle mich, als wenn ich dabei wäre. Vielen Dank für diesen Genuß. Wäre gern auch dort.
Liebe Grüße von PAPA

Vicky hat gesagt…

hallo allesamt, danke fuer eure anteilnahme :) befinde mich nun zur zeit tatsaechlich in jodhpur und habe.. one hell of a journey :) teilweise 1001-nacht-like.. teilweise auch nicht.. und die gastfreundschaft ist echt unermesslich! weiteres folgt dann..nach meiner rueckkehr nach delhi..falls ich je zurueckkehre ;) was die fragen betrifft.. pakistan scheint die zahl der flutopfer tatsaechlich etwas verfaelscht zu haben,das berichten jedenfalls indische medien..die sind aber total anti-pakistan biased..also auch nicht vertrauenswuerdig. die regenwolken ueber dem nationalpark sind tatsaechlich monsunwolken.. zur zeit regnet es in nordindien immens, in delhi ist diese woche teilweise die uni ausgefallen (gut fuer uns da wir ja eh schwaenzen) und selbst die wueste rund um rajasthan ist ganz gruen..

bis bald bald!
vicky