[der Aufstieg im Inneren des auf einer Hügelkuppe errichteten Hindutempels.. irgendwie mystisch]
Am Samstag fuhren wir schon um 6.30 Uhr morgens in den 40 Kilometer entfernten Ort Osian. Dort gibt es einen alten Hindutempel, der Pilger aus der ganzen Gegend herbeilockt. Um kurz vor acht erreichten wir das kleine Dorf und stiegen die Treppen zu dem auf einem Hügel befindlichen Heiligtum herauf. Wieder einmal kamen wir in den Genuss eines preferential treatments.. ein Priester öffnete einen wohnzimmerartigen Raum, in dem wir eine Weile warten sollten. Anschließend wurden wir in den Tempel gewunken, wo sich schon Pilgerwarteschlangen gebildet hatten – Grund war die bevorstehende allmorgendliche (auf irgendeine Art besondere) Pooja, die um acht Uhr durchgeführt wird. An den Schlangen der Wartenden vorbei wurden wir ganz nach vorne, direkt vor das Götterbild geführt, was mir sehr unangenehm war. Als man mir offenbarte, dass ich einen Teil der Pooja ausführen sollte, lehnte ich das entschieden ab.. erstens weil ich von diesen Ritualen keine Ahnung habe, zweitens hätte ich mich total scheinheilig gefunden und drittens hatte ich den Eindruck, dass man einem der Pilger eine ziemlich große Freude bereiten könnte, indem man ihn an der Ausführung teilhaben ließ, wohingegen mir dieses Prozedere ja doch nur hohl erschien. So trat ich meine Sonderstellung an eine der wartenden Frauen ab und beschaute das Vorgehen aus der zweiten Reihe.. im Grunde handelte es sich um eine gewöhnliche, zeitlich verlängerte Pooja. Der Priester hielt verschiedene Ghee-Kerzen vor das Götterbild und bimmelte kontinuierlich mit einem kleinen Glöckchen, Sanyats Cousin Nimit musste 20 Minuten lang eine große Messingglocke läuten und die Pilger sangen Mantras im Hintergrund – eine sehr laute Angelegenheit. Das einzige special feature: Sanyat und die Pilgerfrau schwenkten je eine Art Staubwedel (eventuell aus Kamelhaar gefertigt?) vor dem Altar auf und nieder. Wie aus dieser sarkastischen und eventuell etwas respektlosen Schilderung hervorgeht, erschien mir diese Prozedur wieder einmal als eine etwas sinnentleerte Form der Verehrung. Aber.. vermutlich bedeutet sie diesen Menschen, die kilometerweit durch die pralle Sonne wandern, um verschiedene Tempel zu besuchen, doch irgendwie mehr. Ich frage mich nur, wie viel sie eigentlich über die Hintergründe und die Aussage ihrer Religion wissen.. und.. ist das überhaupt relevant?
[Parkora aur hari mirchi - Frühstück!!]
Nachdem die Zeremonie vorüber war, wurden wir auf eine als eine Art Büro oder genutzte Veranda geführt, wo wir vom Tempelmanager (falls man ihn so nennen kann), einem entfernten Bekannten von Sanyats Maamaa, zum Frühstück eingeladen wurden: Pakoras (frittierte Linsenmehlbällchen) und grüne Chilis. Lecker! Wobei mein Magen auf altbekannte Weise etwas empfindlich reagierte :) Danach geleitete uns einer der Priester, dessen Familienmitglieder seit über vier Generationen in diesem Metier tätig und für die Tempel in Osian zuständig sind, zu einem zweiten großen Gotteshaus in Osian, einem Jain-Tempel. Auf umständliche und sehr langwierige Weise erzählte er uns sodann die Entstehungsgeschichte der beiden Tempel:
Es waren einmal zwei Rajputenprinzen. Als der ältere der beiden seinem Vater auf den Thron folgte, verbannte er seinen Bruder aus seinem Königreich. Der jüngere Brüder gründete daraufhin in einiger Entfernung sein eigenes Reich, dessen Hauptstadt Osian war.. so gegen 800 n. Chr., glaube ich. Einige Zeit später heiratete dieser jüngere Rajput-König eine Prinzessin aus einem benachbarten Königsgeschlecht, welche daraufhin nach Osian kam. Weil es in Osian jedoch keinen einzigen Tempel gab, konnte die sehr religiöse Frau ihren Glauben nicht angemessen leben und trat deswegen in den Hungerstreik – sie kündigte an, so lange nichts zu essen, bis ein Tempel für die Kuldevi (Ahnengöttin) ihrer Familie gebaut werde. Zwar erklärte sich ihr Ehemann bereit, ihrem Wunsch nachzukommen – es herrschte jedoch Unsicherheit darüber, wo der Tempel errichtet werden solle. Nach einer Woche erschien der Prinzessin die Göttin im Schlaf und kündigte einen Ort und einen Zeitpunkt an, an welchem sie sich zeigen werde. Die Prinzessin informierte das gesamte Dorf (das damals anscheinend eine Einwohnerzahl von 380.000 Menschen gehabt haben soll) und zur besagten Zeit fanden sich alle Untertanen auf einem nahegelegenen Hügel, welchen die Göttin als Erscheinungsort gewählt hatte, ein. Jedoch war das Land von Kühen und Ziegen bevölkert, welche das Erscheinen für die Göttin erschweren würden – weswegen die Prinzessin die Hirten anwies, die Tiere auf möglichst geräuschlose Weise zu verscheuchen. Dies gelang und mit einem gewaltigen Erdbeben begann sich daraufhin eine Erdspalte auf der Hügelkuppe zu öffnen, aus welcher sich langsam eine weiße Göttergestalt erhob. Von dem plötzlichen Beben war jedoch das in der Nähe grasende Vieh so in Panik versetzt, dass es begann, sich in alle Richtungen zu zerstreuen. Die Hirten versuchten ihre Herde beisammen zu halten, indem sie den Tieren laut rufend hinterherrannten. Der dadurch erzeugte Lärm verärgerte wiederum die Göttin, welche ihr Erscheinen abbrach – die Götterstatue war nur halb aus dem Erdreich hervorgekommen, mit einem Bein war sie im Boden steckengeblieben. Für die Menschen von Osian stellte das jedoch kein Hindernis dar: Sie errichteten einen Schrein und bauten einen stufenförmig am Hang des Hügels aufsteigenden Tempel rund um das Götterbild und verehrten von diesem Tag an die Kuldevi ihrer neuen Herrscherin.
Einige Jahrhunderte später kam ein Weiser der dem Jainismus zugerechneten Osho-Sekte in das Dorf. Er muss dort good vibrations gespürt haben, denn kurzerhand fasste er den Plan, die Einwohner des Ortes zu seinem Glauben zu missionieren. Er band eine giftige Schlange um einen Ball und sandte diesen in die Gemächer des jungen Prinzen von Osian. Wie er es geplant hatte, wurde der Prinz gebissen und erlag bald der Wirkung des Gifts. Der Thronfolger wurde für tot erklärt und Vorbereitungen für seine Bestattung getroffen – zu diesem Zeitpunkt trat der Jain zum Rajput-König und bot an, seinen Sohn zu heilen. Gelinge ihm dies, so sollten alle Menschen Osians dem Jainismus beitreten. Der König willigte ein und der Weise heilte den Prinzen durch den Biss einer weiteren Schlange. Daraufhin trat der König mitsamt seiner Untertanen dem Jainismus bei. Bald jedoch stand man vor einem ähnlichen Problem wie wenige Jahrhunderte zuvor: Eine Religionsgemeinschaft benötigt einen Tempel. So begannen die Menschen mit dem Bau einer Gebetsstätte. Doch was immer des Tags errichtet wurde, fiel in der Nacht in sich zusammen. Nach einer Woche vergeblicher Bemühungen wandten sich die Bewohner Osians ratsuchend an den Weisen. Dieser begab sich des Nachts zum Tempel der Kuldevi und konsultierte sie. Die Göttin war in der Tat verantwortlich für die einstürzenden Bauten und zeigte sich erzürnt darüber, dass neben dem ihren ein anderer Tempel in Osian errichtet werden sollte. Durch geschickte Überzeugungskunst gelang es jedoch dem Jain, die Kuldevi dazu zu bringen, den Bau eines zweiten Tempels zu akzeptieren, solange die Bewohner Osians auch sie weiterhin ausreichend verehren würden. Im Folgenden gelang nun die Errichtung des Jain-Heiligtums, woraufhin wieder einmal die Frage nach einem Götterbild aufkam. Erneut fragte der Weise die Kuldevi um Rat, welche sich bereit erklärte, binnen sieben Tagen eine Statue zu erschaffen. Nötig sei dazu, dass die Kuh des Königs zum Grasen täglich auf eine bestimmte Wiese geschickt werde. Der Anweisung wurde Folge geleistet und bald beobachteten die Bewohner Osians, dass aus dem Euter der Kuh Milch auf den Boden tropfte und versickerte, sobald sie die besagte Weide erreicht hatte. Nach einigen Tagen ward die Neugierde der Menschen so groß, dass sie an der entsprechenden Stelle zu graben begannen und im Erdreich tatsächlich auf ein Götterbild stießen. Da jedoch die sieben Tage noch nicht vergangen waren, war es noch unfertig und seine Oberfläche von unregelmäßigen Narben und Tumoren übersät. Die naiven Bewohner Osians gedachten deswegen, die Statue zu reinigen und dadurch die Oberfläche zu glätten – dieser Versuch führte jedoch dazu, dass Unmengen an Milch und Blut aus der halbfertigen Gestalt austraten. Die Kuldevi war über die Ungeduld der Menschen so erzürnt, dass sie all jenen, die dem Jainismus beigetreten waren, befahl, Osian binnen weniger Tage zu verlassen. Voller Angst flohen die meisten Bewohner, diejenigen, die zurückblieben, starben. So schrumpfte Osian der Legende nach zu dem kleinen Dorf zusammen, das es heute ist, da nur die Bewohner, die dauerhaft und einzig die Kuldevi verehrt hatten, weiterhin dort lebten. Eine sehr verfilmungstaugliche Geschichte, meiner Meinung nach. Unlogisch ist jedoch, dass der Jaintempel nach wie vor in Osian steht und auch benutzt wird – wenngleich es merkwürdige Beschränkungen der Götterverehrung gibt: Wird ein Kind dort „getauft“, muss es Osian am selben Tag verlassen. Opfergaben, die nach dem Tempelbesuch an die Pilger verteilt werden, dürfen hingegen nicht über die Grenzen der Stadt hinausgetragen werden. Alles sehr.. intricate.
2 Kommentare:
werden diese Sagen, Mythen, Geschichten schriftlich oder nur mündlich weitergegeben? Sehr blumig und bilderreich. aber vielleicht sind die alttestamentarischen Erzählungen für außenstehende auch so exotisch anmutend.
Und Sanyats Familie ist nun Jain oder Hindu? Oder beides?
Und Kamelreiten ist wiederholungswürdig? Nicht seekrank geworden?
Ist diese Wüste sehr lebensfeindlich?
.... tausend Fragen zu deinen Geschichten aus tausendundeiner Nacht....
klingt zieeeemlich cool ;D
viele Grüße von der Oma O... sie würde auch gern mitlesen und freut sich für dich...
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