[Henni im Bus :) durch den durchgerosteten Boden konnte man auf die zahlreichen Schlaglöcher sehen, einzelne Sitzreihen waren herausgefault wie Backenzähne.. und von oben triefte der nicht abbrechen wollende Regen auf uns herab]
Auf der Fahrt kamen wir durch Viertel Agras, die einen halben Meter tief unter Wasser standen.. widerlich braune Fluten schwappten in Hauseingänge, die Brühe spritzte Meterhoch, wenn geisteskranke Motorradfahrer rücksichtslos vorüberrasten.. ein ertrunkenes Schwein dümpelte auf der Gegenfahrbahn herum. Unsere Informanten in Delhi berichteten von den höchsten Wasserständen seit Jahrzehnten, die Uni fiel für zwei Tage aus (gut für mich, da meine Abwesenheit weniger zu Buche schlagen würde :)).. ehrlich gesagt fühlte sich das Szenario ziemlich beunruhigend an. Zum Glück hörte es irgendwann auf zu regnen und wir verließen die überfluteten Gebiete, so dass wir uns ein wenig beruhigten. In Fatehpur Sikri selbst blieben wir glücklicherweise von größeren Regenschauern verschont, jedoch blühte uns ein anderes Übel (äh..ja, sehr blumig). Vom Busbahnhof aus marschierten wir durch ein megaschlammiges, dreckiges Viertel.. irgendwie war der erste Eindruck der Stadt gleich äußerst unfreundlich. Sofort gerieten wir in die Fänge eines selbsternannten Touristenführers, der noch hartnäckiger als gewöhnlich versuchte, uns irgendwo hin zu führen.. er verklickerte uns, er sei Schüler in einer Moschee und this is a holy place, you have to respect it, you cannot go there alone.. nachdem wir relativ deutlich klar zu machen versucht hatten, dass wir gerne alleine wären und gar nicht vor hatten, seine Moschee anzugucken, verfluchte er uns auf Hindi, seine Augen zeigten einen teuflischen Blick.. ich verstand nur, dass er sagte wir seien verrückt.. naja, glücklicherweise verschwand er dann, da wir uns in der einsamen, mit Müll übersäten Gasse doch recht unwohl mit ihm gefühlt hatten. Kurz darauf fanden wir den Weg zum Eingang der Festungsanlage Fatehpur Sikris.
Zunächst betraten wir einen ersten compound. Auch hier der ungute Eindruck: Dreck. Alles wirkte, als wäre ein Festival gefeiert und der zurückbleibende Müll noch nicht entfernt worden. Kurz darauf erfuhren wir, dass diese Vermutung den Tatsachen relativ nahe kam: Eine Woche zuvor hatten hier Tausende Muslime zusammen das Fastenbrechen (Eid) am Ende des Monats Ramadan begangen. Dass auch Tage später dieser scheinbar so heilige Bereich (zwei Moscheen und ein Grabmal, sowie der große Hof dazwischen) noch aussah wie sau, war doch sehr vielsagend.. besser wurde unsere Wahrnehmung dieses Ortes auch nicht gerade, als dann ein sogenannter government guide an uns herantrat, randomly mit einer Identity Card vor unserem Gesicht herumwedelte (oha, laminiert.. jaja, dieser Mensch muss einige Autorität haben!!) und meinte this is a holy place, you have to respect it, you cannot go alone (die alte Leier). Er ließ nicht von uns ab und da wir nicht ganz sicher waren, was nun stimmte und ob wir nicht die Missgunst Allahs auf uns ziehen würden, sollten wir uns seinen Anordnungen widersetzen, kämpften wir uns schleunigst durch Scharen unfassbar unfreundlichaufdringlicher Ramschhändler (und die respektieren den holy place?) wieder nach draußen. Dank meines Guidebooks fanden wir den Weg zu einem zweiten Festungs-compound, der eigentlichen Palastanlage. Dort entschlossen wir uns zu unserem Glück, einen tatsächlich im Auftrag des governments arbeitenden Touristenführer anzuheuern: den indischen Sean Connery. Er führte uns durch die Anlage und erzählte Interessantes.
[the Indian Sean Connery!]
Der Bauherr der Festung war Akhbar, der dritte Mogulherrscher. Er kam vom damaligen Regierungssitz in Agra nach Sikri, um einen auf einem nahe dieser Ortschaft gelegenen Felsen lebenden heiligen Einsiedler um einen männlichen Nachfolger zu bitten. Nachdem dieser Wunsch in Erfüllung gegangen war, errichtete er auf ebenjenem Felsen ein Grabmal für den mittlerweile verstorbenen Sufi und seine Festungsanlage, um sie zur Hauptstadt seines Reiches zu machen. Er nannte die Anlage Fatehpur, Stadt des Sieges. Bei der Besichtigung des Palastes kommt man nicht umhin, einen gewissen Respekt für Akhbar, den genialen Analphabeten zu entwickeln. Er war ein toleranter, vielseitig interessierter Herrscher, der, da er selbst nicht lesen konnte, sich täglich in seiner 80.000 Bücher umfassenden Bibliothek vorlesen ließ.. aus Werken aller Religionen. Auf Grundlage dieses enormen Wissens entwickelte er sogar seine eigene Religion, in der er die Vorzüge der verschiedenen Glaubensgruppen zu vereinen gedachte: „Din-il-Illahi“, Religion Gottes. Nicht nur diese dem Säkularismus nahekommende Haltung führte zu einer einzigartigen Freiheit und zu anhaltendem Frieden während seiner von 1556 bis 1605 währenden Herrschaft. Auch seine geschickte Heiratspolitik, durch die er verschiedene Herrschergeschlechte in das Mogulreich einband, wird ihm zu Gute gehalten, da es ihm dadurch als einzigem Mogulherrscher gelang, das nordindische Reich anhaltend zu stabilisieren. Diese Regierungsweise spiegelt sich in den Gebäuden seines Palastes wider: Zunächst besichtigten wir den Palast für Jodhbai, eine seiner Frauen.. durch die Heirat mit dieser rajasthanischen Prinzessin etablierte er ein gutes Verhältnis mit den Rajput-Königen Rajasthans, welchen er eine Quasistatthalterschaft zugestand. Ihre Gemächer sind stark von den typisch hinduistischen Architekturmerkmalen (religiöse Symbole..) geprägt.. interessant auch der Zugang zu ihrem Palast: Der Zugang ist nicht gerade, sondern verwinkelt angelegt, so dass von außen nicht in den Innenhof geschaut werden kann. Danach schauten wir die Gemächer einer türkischen Prinzessin an, die mit Traubenornamenten und an christliche Kirchen erinnernden (vielleicht gothischen?) Fensterbögen verziert waren. Insgesamt umfasste Akhbars Harem über 5000 Frauen, darunter 100 Abessinierinnen und einige Amazonen aus Russland.. der Legende nach benötigten sie jeden Tag mehr als 500 Kilo Quark für ihre Gesichtsmasken!! Akhbar hatte an sich einen ziemlich.. royalen Lebensstil: Er trank ausschließlich Gangeswasser, aß am liebsten Sahneeis und Obst aus Kashmir. Im Innenhof des Palastes befand sich ein (lebens?)großes Pachisi-Brett (Mensch-Ärgere-Dich-Nicht), auf dem nicht mit gewöhnlichen Figuren gespielt wurde (langweilig), sondern mit exotischen Sklavinnen, die tanzend von einem Feld zum anderen ziehen mussten. Finanzieren konnte er seinen Lebensstil durch Steuereinnahmen.. beim Außenhandel mit Europa kassierte er bis zu 30 %, er hatte ein kaiserliches Monopol auf die Ausfuhr von Seide und Edelsteinen. Bewohnt war der vollausgestattete Fatehpur-Palast übrigens nur für 15 Jahre.. weil Akhbar mit langwierigen Feldzügen beschäftigt (auch eine im Gegensatz zur friedlichen Herrschaftspolitik stehende Eroberungsfreudigkeit machte ihn so erfolgreich) und ohne ihn alles ein wenig unorganisiert war, brach die Wasserversorgung in Fatehpur zusammen und der Herrschaftssitz wurde nach Agra zurückverlegt.
1 Kommentar:
Hallo Vicky, zu der Bauweise für die türkische Prinzessin habe ich jetzt mal was beizutragen: Die Architektur und Ornamentik in den europäischen Kirchen haben wir aus dem Orient. Genauer: von den Armeniern, den ersten Erbauern christlicher Kirchen. Habe ich auf meiner Reise durch Ostanatolien gelernt, beim Besuch einer der ältesten Kirchen auf ehemals armenischem Gebiet.
Hast Du gut beobachtet. Architektur als Geschichts- und Kulturbuch.
Gruß Doro
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