Am nächsten Morgen erhoben wir uns wieder einmal mächtig früh von unserem muffelnden Bett, um endlich jenes meistfotografierte Bauwerk der Welt (und wie misst man sowas?) zu besichtigen.. das Taj Mahal, welches um 1650 unter dem fünften Mogulherrscher Shah Jahan als Grabmal für eine seiner Ehefrauen errichtet wurde. Obwohl es erst 6 Uhr war, hatte sich schon eine beachtliche Schlange vor den Pforten des berühmten Grabmals gebildet.. naja, die Touristendichte hielt sich glücklicherweise noch soweit in Grenzen, dass wir doch wenigstens einige nette Fotos machen konnten.. dank schlussendlich aufreißender Wolkendicke war uns sogar ein wenig Morgenlicht vergönnt. Allgemein.. war der Besuch beeindruckend. Zugegebenermaßen war ich – im Gegensatz zur dank Erzählungen ihres Vaters höchst vorfreudigen Henni – zunächst ziemlich anti eingestellt.. diesem Gebäude gegenüber, das in Reisebüroschaufensterdekorationen so allgegenwärtig und so cheesy ist.. das irgendwie den Inbegriff der Pauschalindienreise darstellt. Doch diese irrational-trotzige Abneigung verschwand relativ schnell nach dem ersten Anblick des Taj Mahals! Es ist tatsächlich beeindruckend filigran, leicht und elegant.. trotz seiner Höhe von 58 Metern wirkt es nicht klobig oder protzig. Auch der Farbton des verwendeten Marmors ist sehr pleasing to the eye.. cremig. Die gesamte Gebäudekomposition strahlt eine beruhigende Harmonie aus, vermutlich dank der vollendeten Symmetrie, in welcher die einzelnen Bauten zueinander stehen. Um dieses Konzept der geometrischen Perfektion umzusetzen, ließ Shah Jahan neben dem Taj Mahal nicht wie sonst bei muslimischen Grabmalen üblich nur eine Moschee errichten, sondern gleich zwei. Nur eine der beiden weist Richtung Mekka, die andere wurde spiegelbildlich dazu erbaut und kann folglich nicht als Gotteshaus genutzt werden. Bis ins kleinste Detail sollte der Eindruck absoluter Symmetrie verwirklicht werden: Damit die Inschriften auf den vier Eingangstoren für den Betrachter aus der Ferne gleichmäßig erscheinen, verwendete man für die einzelnen Buchstaben proportional zur Entfernung des Betrachters eine unterschiedliche Größe – so wirkt es, als habe der gesamte Text dieselbe Schriftgröße. Insgesamt arbeiteten über 20.000 Menschen für 20 Jahre an der Fertigstellung dieses wahnsinnigen Projektes. Der Legende nach wurden fast 1000 Elefanten dazu eingesetzt, 2,5-Tonnen-schwere Marmorblöcke aus dem 300 Kilometer entfernten Makrana für den Bau heranzuschleppen. Um diesen gewaltigen Aufwand zu finanzieren, erlegte Shah Jahan den Bauern seines Reiches umfangreiche Sondersteuern auf. Diese enorme Mehrbelastung resultierte natürlich in reichlich Unmut in der Bevölkerung, welchen der machthungrige Sohn Shah Jahans, der sechste Mogulherrscher Aurangzeb, nutzte, um seinen Vater zu stürzen und selbst Kaiser zu werden.
Seinen heutigen Namen erhielt das Grabmal übrigens erst von den Briten, die das bis dahin Rauza-i-Munavara (beleuchtetes Grab) genannte Mausoleum in Anlehnung an den Namen der Verstorbenen – Mumtaz Mahal (Auserwählte des Palastes) – als Taj Mahal bezeichneten. Die Engländer entdeckten die nach dem Tod des letzten Mogulherrschers Aurangzeb in Vergessenheit geratene Anlage übrigens für sich, als sie die verwilderte Gartenanlage des Taj für ihre Saufgelage missbrauchten. Ein gewisser Lord William Bentinck kam in den 1830er Jahren auf die Idee, das Grabmal in Einzelteile zerlegt nach Großbritannien zu verschiffen, um es dort zu versteigern. Sein Plan scheiterte einzig an der mangelnden Kauffreude der britischen Kunstsammler.. die Kräne zum Abbau des Mausoleums standen indes bereits vor Ort und Stelle! Nicht weniger aussagekräftig auch die Reaktion des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Heinrich Lübke auf die Schönheit des Gebäudes: Nachdem er im Rahmen eines Staatsbesuchs in den 50er Jahren das Taj Mahal besichtigt und seiner Bewunderung vor versammelten Journalisten Ausdruck verliehen hatte, wandte er sich scheinbar zu seiner neben ihm stehenden Frau um und sagte: „Wilhelmine, Sauerland bleibt Sauerland.“

[nach unserer Besichtigung frühstückten wir in einem nahegelegenen Rooftop-Restaurant mit ansprechendem Blick auf das Taj Mahal und einem der vier Zugangstore.. Banana-Porridge und Cheese-Parathas mit Milk Coffee.. Zitat Henni: "daheim hätte ich jetzt Frühstück in der Wartburg zwischen den versifften Bierflaschen vom Vortag.. hier hab ich grüne Papageien und Blick auf das Taj Mahal!" - im Bild hat sich außerdem eine Taube versteckt, findest du sie?]
1 Kommentar:
Hallo Vicky,
vielen Dank auch für Deine Postkarte! Ist schon vor vier Tagen angekommen. Viele Grüße, Doro
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