Donnerstag, 14. Oktober 2010

Khajuraho

Am nächsten Morgen fühlten wir uns wie neugeboren.. frisch geduscht, ausgeschlafen und entspannt nach einer Nacht im schönsten Zimmer der Reise (vielleicht mit Ausnahme des Railway Officer Guest Houses in Jaisalmer): sauber, hell, wohlriechend und mit Balkon, von welchem aus wir einen Ausblick auf den ansprechenden Garten des Hotel Surya genossen. Wir schwebten sorgenfrei auf die Terrasse unserer neuen Residenz, um uns ein geniales Frühstück einzuverleiben. Khajuraho hat nur 20.000 Einwohner und wirkt daher sehr provinziell, ländlich-ruhig.. zugleich ist es wegen seiner bekannten, zum Weltkulturerbe gehörenden Tempelanlagen aber ein relativ touristischer Ort, weswegen man die entspannte Atmosphäre genießen kann, ohne zu sehr angestarrt oder belästigt zu werden. In Khajuraho fühlte sich unsere Reise erstmals wie ein richtiger Urlaub an..

[zum entspannten Gefühl trugen nicht zuletzt die Fahrräder bei, die wir uns für 100 Rupien ausliehen.. endlich konnten wir uns mal wieder selbstständig bewegen und die schöne Landschaft erkunden – unabhängig von Riksha-Wallas und Konsorten]

Den Vormittag verbrachten wir damit, die westliche der beiden Haupttempelanlagen zu erkunden. Sie umfasst 20 Tempel, welche zwischen 950 und 1050 n.Chr. von den Rajputenherrschern des Chandela-Geschlechts erbaut wurden, die damals von ihrer Hauptstadt Khajuraho aus über weite Teile Nordindiens herrschten. Sie gelten als Paradebeispiele der klassischen hinduistischen Architektur und beeindrucken durch ihre Fülle an Steinskulpturen, die tatsächlich jede Fläche der Bauten bedecken (einer der größten Tempel umfasst scheinbar 872 Figuren! wer die wohl gezählt hat..?). Alle Tempel sind in Ost-West-Richtung erbaut, der Eingang weist der aufgehenden Sonne entgegen. Jeder der Bauten verfügt über die selbe Grundstruktur: Ein Treppenaufgang führt durch eine kleine Vorhalle (mandapa) in die Haupthalle (mahamandapa) des Tempels, rund um die einem Altar entsprechende Kultzelle (haha, was für ein Wort), welche das Götteridol enthält, führt ein Gang, um das Umrunden (parikrama) des Heiligtums zu ermöglichen.

[auch die die Tempel umgebende Parkanlage war ein wahrer Genuss]


Auf den die Tempel umlaufenden Friesen stellt sich sehr eindrücklich das mittelalterliche Leben Indiens dar – die Skulpturen repräsentieren alle Bereiche des alltäglichen Lebens, von Bauern und elefantenreitenden Kriegern über Kühe und Tänzer bis zu Händlern und Göttern decken die Reliefs jede Sphäre ab.

[eine meiner Lieblingsszenen.. eine Ministerversammlung vor dem König]

[hihi :) ein fetter kleiner Halbgott.. oder Gottessohn.. oder dämonenartiges Wesen? jedenfalls ohne Nacken.. traditionell dazu da, das Tempeldach zu tragen]

Weltberühmt aber ist Khajuraho für seine einen Teil dieser allumfassenden Darstellung des menschlichen Lebens bildenden erotischen Skulpturen, die einen Großteil der Tempelaußenseiten bedecken. Dargestellt sind verschiedenste Formen von sexuellen Handlungen und alle möglichen Stellungen.. mit Liebe zum Detail. Die Harmonie und Leichtigkeit der Figuren, die diese Steinbilder wie alle anderen Skulpturen Khajurahos ausmacht, wirkt hier besonders ansprechend. Und der Offenheit der Bildhauer war bei ihrer Arbeit offenbar keine Grenzen gesetzt. Zitat Reiseführer: „Oft ist ein zweiter Blick erforderlich, um herauszufinden, wer mit wem und wie.“ Das steht natürlich in ziemlichem Widerspruch zur heutigen körperfeindlichen Sexualmoral der indischen Gesellschaft – wir fühlten uns teilweise relativ unwohl, wenn wir uns die eine oder andere Formkunst genauer anschauten und dabei von einer Gruppe 30jähriger männlicher Inder beobachtet wurden.. oder wenn uns zuvorkommende Museumsaufpasser ungefragt erklärten „here they starting the sex..“. Dieser Gegensatz von damaliger und heutiger Haltung zur Sexualität ist dadurch zu erklären, dass sich heutzutage scheinbar eine sehr orthodoxe Form des Hinduismus mit ihren Sitten und Werten in der Gesellschaft durchgesetzt hat, gemischt mit dem von den Engländern importierten puritanischem Viktorianismus. Dahingegen sind die Skulpturen Khajurahos Zeugnisse des frühen Hinduismus, der stark von den vorarischen Fruchtbarkeitskulten der indischen Ureinwohner beeinflusst war. Viele der heutigen hinduistischen Riten gehen auf die Religionen der von den Ariern unterworfenen ursprünglichen Bevölkerung des indischen Subkontinents zurück – so zum Beispiel die Verehrung des Schöpfergottes Shiva in Form eines Steinpenisses (lingam). Die körperliche Vereinigung wurde im damaligen hinduistischen Glauben weniger als körperlicher Akt, sondern vielmehr als Form der Gotteserfahrung, als eine Art der tiefen Versenkung und Meditation angesehen und als divine act of creation verehrt. Deswegen zeigen die Gesichter der Liebenden von Khajuraho allesamt einen friedlichen Ausdruck der Entspannung und Weltentrücktheit. Wie allerdings zum Beispiel das Abbild eines „Reitermannes, der die Liebe zu seinem Pferd allzu wörtlich nimmt, während die umstehenden Personen entsetzt die Hände vors Gesicht schlagen“ zu dieser Auffassung des Geschlechtsaktes passt, bleibt unverständlich.. (abgesehen davon konnten Henni und ich diesen im Reiseführer so ansprechend angepriesenen Tierliebhaber trotz dreimaliger Umrundung des betreffenden Tempels leider Gottes nicht finden). Vielleicht ist hier doch die Erklärung einschlägig, die sittenstrenge Inder konstruieren, um die obszönen Darstellungen mit ihrem Moralempfinden zu vereinbaren: Die erotischen Skulpturen befänden sich an den Außenwänden der Tempel, um das Gotteshaus vor Blitzeinschlägen zu schützen (!?).. oder auch: Die Skulpturen dienen dazu, dem Gläubigen vor Betreten des Tempels vor Augen zu führen, welchen fleischlichen Lüsten er zu entsagen habe..

["Alter.. Einiges!" - "Einiges, Alter!"]

Am Nachmittag fuhren wir mit unseren bikes zur etwas jüngeren östlichen Tempelgruppe, welche sich allerdings als weniger perfektionistisch gearbeitete, weniger ansprechende Entsprechung der westlichen herausstellte. Dafür kamen wir in den Genuss, durch die saftiggrüne Landschaft zu radeln, da die Anlage etwas außerhalb Khajurahos liegt. Einen Anlass zum scharfen Bremsen bot unsere zweite Begegnung mit unserem koreanischen Freund Theo, der sich hocherfreut über das Wohlergehen seiner „lost in Jhansi“-Bekanntschaften und zeigte.

["Tempel.. mmhmm.. davorne, zweiter Feldweg links.."]

[die östliche Tempelgruppe]

[auch Henni versuchte sich darin, sich als Tierliebhaberin in meditativer Versenkung und Verehrung des in allen Wesen existenten göttlichen Lebens der Erleuchtung zu nähern]

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