Donnerstag, 14. Oktober 2010

one night in Jhansi makes the hard man humble


Bereits um 11.30 Uhr desselben Tages setzten wir unsere All-India-Pilgrimage fort. Mit dem Zug verließen wir Agra in Richtung Madhya Pradesh.. die Fahrt war eine der schönsten der gesamten Reise: im luftigen Zweite-Klasse-Waggon saßen wir am Fenster, das Haar vom Wind zerzaust ließen wir uns die Sonne aufs Gesicht scheinen und lasen entspannt in unseren Reiseführern, voller Vorfreude auf die Tempel von Khajuraho, die wir uns am folgenden Tage anschauen wollten.

Um 15.30 Uhr erreichten wir Jhansi, eine Kleinstadt (500.000 Einwohner.. fast ein indisches Dorf) 170 Kilometer von unserem eigentlichen Ziel entfernt. Von dort wollten wir mit dem Bus weiter ins nicht ans Schienennetz angeschlossene Khajuraho fahren. Am Bahnhofsausgang stürzten sich Scharen von Riksha- und Taxi-Wallas auf uns, yes yes Khajuraho? Da ich nicht ganz sicher war, wie wir dort hinkommen sollten, zeigte ich ein wenig Interesse – yes, bus stand? Sofort wurde uns verkündet, heute fahre kein Bus mehr nach Khajuraho. Das wollten wir verständlicherweise nicht wahrhaben, doch im Tourist Info-Office im Bahnhofsgebäude bestätigte man diese grausame Tatsache – was nun? Im Zug war uns eine 30köpfige koreanische Reisegruppe (durch ihren intensiven Desinfiziermittelgeruch) aufgefallen.. einige verstreute Nachzügler selbiger wankten soeben unter großen Rucksäcken kaum sichtbar an uns vorbei. Panisch fragten wir sie, ob und wenn ja wie sie nach Khajuraho zu gelangen gedächten. Die Reiseleitung hatte einen Privatbus reserviert.. wie verängstigte Küken mischten wir zwei uns daraufhin unter die Koreaner, um den fortdauernden „yes M’am Taxi“-Schreien zu entkommen – waren dabei aber erfolglos, da nach wie vor 20 Wallahs an unseren Fersen hafteten und sich gleichermaßen unter die Reisenden mischten, wodurch sie die missbilligenden Blicke der Koreaner auf sich und uns zogen. Nur einer der Ostasiaten hatte Mitleid und versprach, sich bei der Reiseleiterin für uns einzusetzen. Nach zehn Minuten scheuchte dieselbe ihre Schützlinge mit der Autorität einer erbosten Glucke zu einem mittelgroßen Bus. Als sie uns erblickte, schrie sie uns an: „That’s our bus, our reservation!“ Verängstigt blieben wir stehen. Zu unserem Glück zog in diesem Moment der indische Busfahrer den Zorn der Reiseleiterin auf sich und wir blieben vor weiteren Attacken verschont. Kaum noch hoffnungsvoll lungerten wir eine Weile in der Nähe des Busses herum, doch als unser einziger Freund aus der Gruppe der Koreaner mit entschuldigendem Lächeln zu uns kam und uns mitleidig eine Flasche Wasser schenkte, wussten wir, dass wir keine Chance mehr hatten.. wie räudige Hunde trollten wir uns und ließen uns erschöpft in den Straßenstaub sinken.. nach wie vor umringt von aufdringlichen Dienstleistenden, die Preise vor sich hinbrabbelten, mit Kugelschreibern auf ihrer Hand exemplarische Berechnungen von Fahrtdauer und Transportkosten vorführten und ganz widerlich penetrant auf uns herabstarrten. Unsere nahegelegene nächste Idee also: per Taxi durch die Gala..Wildnis.. äh.. nach Khajuraho. Da wir keinesfalls mit einem randomly dahergelaufenen Fahrer auf ewig in die indischen Jagdgründe verschwinden wollten und auch den uns umzingelnden Taxiwallahs unter keinen Umständen die Genugtuung gönnen konnten, auf sie angewiesen zu sein, kam nur eines in Frage: ein prepaid-Taxi. Wir fragten also im Tourist Office nach einem solchen – stießen aber (erneut) nur auf gelangweiltes Desinteresse. Vor dem Bahnhof fanden wir kurz darauf eine Prepaid-Bude.. unbesetzt. Und davor lungerten einige der Verfolger-Typen herum, die uns, als wir uns dem Stand näherten, hämisch grinsend „Yes, prepaid taxi!“ entgegenschrien. Gezwungenermaßen ließen wir uns auf Verhandlungsgespräche ein.. komisch erschien uns, dass sie sich gegenseitig im Preis zu unterbieten versuchten (normalerweise ist der Vorteil von prepaid-Taxi, dass sie zu festgesetzten Tarifen verkehren) und auf meine Frage nach dem Betreiber des Prepaid-Services (normalerweise government oder wenigstens government-approved) Kärtchen zückten mit vielversprechenden Aufdrucken wie „Sai Baba Travels Jhansi“ o.Ä. – unsafe. Wie so oft rief ich darum in dieser vertrackten Situation Sanyat an, welcher nach kurzer Diskussion die Ausweglosigkeit der Lage anerkannte und meinte, er werde sich darum kümmern und in 15 Minuten nochmal anrufen. Wir verzogen uns daher in die Bahnhofswartehalle für Frauen, um vor weiterer Belagerung und Handflächenpreisberechnungsmythologie bewahrt zu sein. Kaum saßen wir untätig herum, bemerkten wir, dass wir hungrig waren und ich zog los, Essbares aufzutreiben. Während meiner Abwesenheit drang einer der Rikshawallas in den Wartesaal ein, obwohl dieser gewöhnlich ein Refugium der Abgeschiedenheit für Alleinreisende Frauen sein sollte! Während Henni von der Renitenz und beängstigenden Dreistigkeit dieser Typen schockiert mit unserem Gepäck in dem abgedunkelten Raum ausharrte, telefonierte ich, die Arme voller Moong-Dal- und Kreks-Packungen ein weiteres Mal mit Sanyat und es fiel mir ein Stein vom Herzen: Einer seiner als Reiseunternehmer tätigen Onkels hatte einen in derselben Branche aktiven Bekannten in Jhansi ausfindig gemacht, der uns gegen 18 Uhr ein Auto schicken könnte – erleichtert beschlossen wir, dieses Angebot anzunehmen und den ohnehin keineswegs sicher scheinenden Warteraum zu verlassen, um die verbleibenden eineinhalb Stunden für ein vernünftiges Mittagabendessen (auch als linner bekannt) zu nutzen. Durch einen Seitenausgang schlichen wir ganz schlau aus dem Bahnhofsgebäude und nahmen eine Riksha Richtung Stadt. Kaum waren wir losgefahren, hielt unser Gefährt jedoch plötzlich an und einer der stalking wallas setzte sich neben den Fahrer! Zunächst wollten wir protestieren doch das ließ man nicht zu und die Fahrt ging weiter.. der Verfolger-Walla fragte zum 100. Mal, ob wir ein Taxi bräuchten – Henrike verkündete wahrheitsgemäß und nicht ohne Genugtuung, dass wir bereits eines „fixed“ hätten und nun essen gingen. Dabei bemerkte sie für einen kurzen Moment einen wahnsinnigen Blick im mit vom Betelnusskonsum rot verfärbten Stummelzähnen entstellten Gesicht des Riksha-Wallas. Kurz darauf erhielt ich einen weiteren Anruf von Sanyat und war einigermaßen positiv überrascht, dass unserer Fahrer deswegen am Straßenrand anhielt und den Motor seines Vehikels abstellte, damit ich ungestört telefonieren konnte. Ich klärte mit Sanyat ab, dass das Taxi uns um 18 Uhr an dem von uns auserwählten Restaurant aufsammeln sollte. Anschließend setzten wir unsere Fahrt fort. Der Riksha-Walla mischte sich weiterhin mischte sich weiterhin auf unglaubliche Weise in unsere Angelegenheiten ein und wollte wissen, wann wir nach Khajuraho weiterfahren würden – halb entnervt, halb belustigt von der Dummheit dieser Person nannte ich ihm randomly eine beliebige Uhrzeit (17.30 Uhr) – wieder, so sagte Henni im Nachhinein, blitzte ein irrer Blick im Gesicht des Wahnsinnigen auf. Wenige 100 Meter weiter hielt unsere Riksha dann auf einmal in einer einödigen Wohngegend an. Endgültig fed up von der unfassbaren Unfreundlich- und Bedrohlichkeit dieser Idioten sprangen wir kurzerhand ab, zahlten und rannten, ohne uns noch einmal umzuschauen, auf das einzige Restaurant in Sichtweite zu, ein 5-Sterne-Hotel mit dazugehörigem Lokal. Verschwitzt und versifft ließen wir uns mit unseren ranzigen, von Betelnusssaftspuckflecken übersäten Rucksäcken im menschenleeren, klimatisierten Speisesaal auf Stühle niedersinken. Wir hatten noch nicht einmal eine Bestellung aufgegeben, da latschte doch tatsächlich der aufdringliche Riksha-Penner zur verspiegelten Tür herein – gefolgt vom blasierten Hotelportier, der uns fragte, ob der Fahrer von uns draußen abgestellt worden sei. Ich war mit den Nerven am Ende und schrie durch das gesamte Restaurant: „No, absolutely not! Goodbye! We don’t need you! You can tell him to go!“ und sofort wurde der Guteste hinauskomplementiert. Das vorzügliche Essen, das uns daraufhin serviert wurde (gefüllte Tomaten auf Jaipur-Art), konnten wir nicht genießen, sondern stopften es nur geistesabwesend in uns hinein, so schockiert und beängstigt waren wir von der Aufdringlichkeit dieser Menschen! Unsere Teller waren erst halb geleert, da betrat erneut der Portier das Restaurant und hielt uns einen Zettel entgegen. Auf diesem stand „VIP Travels“ und ein Name.. scheinbar wartete ein Tourist Taxi inklusive Fahrer vor dem Hotel auf uns. Wie war das möglich? Es war erst halb sechs und hatte ich überhaupt den Namen unseres Restaurants schon durchgegeben? Weil ich mindestens fünfmal mit Sanyat telefoniert hatte, war ich unsicher und verwirrt und rief ihn ein weiteres Mal an – er wusste nichts von unserem Aufenthaltsort und gab mir stattdessen die Nummer des Reiseunternehmers, damit ich persönlich mit diesem abmachen könne, wo wir abgeholt werden sollten. Unfassbar! Scheinbar hatte der geisteskranke Riksha-Walla einen hinterhältigen Plan ausgeheckt, um uns in sein Gefährt zu locken! 17.30 Uhr.. das war die Zeit, die ich ihm genannt hatte! Ob es ihm bei der ganzen Aktion um unser Geld ging (die Kosten für die Fahrt nach Khajuraho entsprechen bestimmt dem Monatsgehalt eines Rikshafahrers) oder um etwas anderes, bleibt unklar.. wir waren jedenfalls verstörter als je zuvor! Ich machte daher dem Portier, der von der uns erfassenden Panik relativ verwirrt war, klar, dass er den vermeintlichen Taxifahrer keinesfalls hereinlassen sollte. Dann telefonierte ich mit Mister Khan von Khan Travels.. der war nett und besorgt und erklärte uns, er werde einen Fahrer namens Rajkumar (haha, das heißt Prinz) um 18 Uhr zu unserem Hotel schicken. Der Fahrer werde ein blaues Hemd tragen.. bis dahin sollten wir im Sicheren bleiben und keine Angst haben. Als unser Wagen schließlich vor dem Hotel stand, wurden wir von den um unser Wohl sehr besorgten Hotelangestellten hinauseskortiert wie zwei blasse Prinzesschen. Unser verstaubtes Gepäck wurde im Wagen verstaut, wir sanken auf mit weißen Leinentüchern bespannte Komfortsitze nieder. Auf dem Beifahrersitz saß ein Gesandter des Reisebüros, der sich nach unserem Befinden erkundigte und uns aufzumuntern versuchte. Er erzählte, „man“ sei so besorgt um uns, dass sein Chef (Mr. Khan) ihn zweimal zum Bahnhof geschickt hatte, wo er vergeblich nach uns gesucht hatte, bis dann unser Aufenthaltsort bekannt geworden sei.. peinlich! Ich glaube, da wurde von Delhi aus ziemlich Druck aufgebaut.. Jedenfalls entspannten wir uns daraufhin in unserem uns von der feindlichen Kleinstadtaußenwelt abschirmenden faradayischen Käfig und der Reisebüroangestellte stieg bald aus. In unserem luxuriösen Vehikel begannen wir daraufhin die letzte Etappe unserer Anreise nach Khajuraho.. wir verließen Jhansi und fuhren dem Sonnenuntergang entgegen.


2 Kommentare:

Leo hat gesagt…

ganz schön starker Tobak :D!
n richtiges spannendes Abenteuer

grüße

Anonym hat gesagt…

Heiliger Strohsack! Ob es geholfen hätte, wenn ihr zu dritt gewesen wärt? Das ist ja eine alte Faustregel beim Reisen, sagt man! Gut, dass es Sanyat gibt!
Gruß