Um 17 Uhr schließlich fuhren wir in unserem tourist-Taxi 40 Kilometer in die Einöde hinaus, zu den Sam Sand Dunes. Dort ist das Kamelreiten a real big business, ausländische und indische Touristen werden in Scharen durch die Dünen gescheucht, vor allem zur Sonnenuntergangszeit herrscht Hochbetrieb. Wir wählten aus einer uns präsentierten Herde zwei Tiere aus – Carlos und Michael – und starteten zusammen mit jeweils einem „driver“ (Führer) pro Kamel in die Dünen. Schon nach einigen hundert Metern machten wir Bekanntschaft mit Vicky, einem uns cold drinks anbietenden Händler. Da wir Interesse an einem Bier bekundeten, folgte er uns etwa einen Kilometer weit – dabei musste er streckenweise durch den Sand und steil bergauf rennen, um mit den Kamelen Schritt zu halten.. und das mit einem Sack schwerer Glasflaschen auf dem Rücken! Nach 20 Minuten ließen wir uns im Sand nieder, um auf den Sonnenuntergang zu warten und unterhielten uns mit Vicky, der überraschend gut Englisch konnte. Ich war schon über das Schicksal der beiden 12- und 18jährigen Kameltreiber erschrocken.. es fühlte sich ekelhaft an, sich wie ein ignoranter Tourist von diesen.. Kindern herumführen zu lassen, wie weiße Sahibs thronten wir auf den Kamelen, sahen als lustiges Urlaubsabenteuer an, was ganz natürlich zum Leben der einheimischen rajasthanischen Bauern gehört und womit heute aus finanzieller Not auf irgendwie entwürdigende Weise Geld verdient werden muss. Noch mehr erschreckte mich aber Vickys Geschichte: Er hat bis zur 10. Klasse die Schule besucht, musste dann aber, obwohl er gerne ins College gegangen wäre, zu arbeiten anfangen, weil sein Vater die school fees für die weiterführende Schule nicht zahlen konnte. Zwar hört man solche Geschichten öfter, wenn man versucht, ein Gespräch mit sich aufdrängenden jugendlichen Verkäufern, Touristenführern oder Schleppern anzufangen.. Aber bei Vicky klang das.. so authentisch, for a change. Obwohl wir ihm schon eine Flasche Bier abgekauft hatten, blieb er bei uns sitzen und unterhielt sich mit uns, fragte über unsere Eltern und unser Studium. Er erzählte, dass er vier kleine Brüder hat und dass sein Vater, seit er wegen einer Dürre vor ein paar Jahren seine zehn Kamele verkaufen musste, große Probleme hat, ihre Schulgebühren zu bezahlen. Er sagte, er wäre gerne ein Ingenieur geworden und habe nach seinem Schulabbruch zwei Jahre lang in einem Hotel in Delhi gearbeitet. Mittlerweile sei er wieder hier und versuche, Touristen gekühlte Getränke anzudrehen – er hasse die Wüste. Ich fühlte mich merkwürdig, hatte ich doch zehn Minuten zuvor die hübsche Einöde dieser Landschaft gelobt. Mir erscheint das Schicksal dieses Vickys – der exemplarisch für viele andere steht – viel schlimmer als das der jungen Kamelführer oder anderer Kinder, die ich auf unserer Reise in ländlichen Gebieten beobachtet habe: Kinder, die weltvergessen auf dem Bordstein hocken und auf den Boden spucken, Kinder die mit räudigen Straßenhunden spielen.. ich glaube, dass solche Kinder zwar in der rückständigen, abgeschnittenen Welt des ländlichen Indiens gefangen sind, kaum Eindrücke von der der großen, offenen Außenwelt bekommen.. nie die Gelegenheit haben, all die Möglichkeiten wahrzunehmen, die sich ihnen irgendwo bieten könnten. Aber das ist nicht so schlimm, weil sie sich dieser Abgeschiedenheit nicht so bewusst sind.. sie wissen nichts von dem, was sie leider nicht denken dürfen. Sie haben keine Ahnung, dass es eine aufgeklärte Gedankenwelt, ein globales Wissensnetzwerk und regen Erkenntnisaustausch gibt. Sie werden nicht aufwachen aus ihrer geistigen Eingeschränktheit.. doch wenigstens werden sie sich dadurch nicht der ganzen Reichweite der sie umgebenden Chancenungleichheit bewusst. Im Gegensatz dazu weiß der Vicky-Typ genau, was ihm entgeht, welche Chancen ihm genommen sind. Ohne seine Schuld ist er zu einem Leben unterhalb des ihm Möglichen verdammt. Er hatte einen kurzen Einblick in die Weite des Lebens.. und genauso hatte er einen kurzen traurigen Blick in seinen Augen, als wir ihm erzählten, dass unsere Eltern als Ingenieure, Forscher, Buchhalter, Ärzte arbeiten.. dass wir, genau wie er, 21 Jahre alt und auf eigene Faust in einen fremden Kontinent gereist sind. Sein Gesicht versteinerte fast, als ich ihn nach dem Grund für sein gutes Englisch fragte und ob es keine Stipendien für Schüler wie ihn gebe (scheinbar nicht). Ein irgendwie ekeliges Gefühl bemächtigte sich meiner, als wir auf dem Kamelrücken durch die sich schnell über die Wüste legende Dunkelheit zurückritten. Vermutlich auch bedingt durch den Konsum von Bier nach einem langen Tag in der prallen Sonne breitete sich eine melancholische Welttraurigkeit in mir aus, merkwürdig weitreichende Gedanken über Determinismus und Fatalität schwirrten in meinem Kopf herum.
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4 Kommentare:
Hallo Vicky, ich glaube nicht, dass die armen Kinder am Straßenrand weniger tief nachdenken könnten. Nur können sie es nicht in Worte fassen und äußern. Auch ist noch lange nicht erwiesen, ob unsere Weltoffenheit, Vernetztheit usw. uns mental auf eine höhere Stufe zu heben mag. Ich wage es zu bezweifeln.
hmm. also.. was ist denn eine mental höhere Stufe? ich ..weiß nicht. die Kapazität zu denken, ist bestimmt angeboren.. auch die Denkweise und Denktiefe besteht zu einem gewissen Grad an sich, isoliert von der Außenwelt. aber ich glaube schon, dass sich die Art zu denken sehr verändern kann durch äußere Denkanstöße, Einsichten, Hilfestellungen, Eindrücke.. und wenn man nie ..mit weiterreichenden Gedanken in Berührung gebracht wird, besteht bestimmt zumindest eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass man lange auf einer geistigen Stufe verbleibt, die Gedanken sich mangels neuer Anstöße im Kreis drehen.. ? also.. ob diese Kinder mental auf einer anderen Stufe stehen als Kinder in der Großstadt..weiß ich ja nicht.. ich glaube nicht, dass sie unglücklicher sind.. nur.. haben sie weniger die Wahl als andere.. wobei das auch unsicher ist..ob man überhaupt die Wahl haben will..? blubb,meine Gedanken wandern auch im Kreis herum..
Hallo Vicky, der anonyme Kommentar war von mir, habe voll schusselig vergessen meinen Namen einzugeben. Ja, natürlich lernt man gerade, wenn man studieren darf usw., immens viel hinzu. Wichtig ist dabei aber m.E., dass man parallel zum wachsenden Wissen auch kritisch bleibt, ja, kritischer wird. Es ist wird dabei ja auch zunehmend schwer, die Geister zu unterscheiden, und das, was hinter ihren jeweiligen Äußerungen als Absicht steckt, zu erkennen und zu bewerten.
Herzlich grüßt Dich Deine Doro
Hallo Vicky,
vielen Dank für den interessanten Artikel. Das führt einem zumindest kurzzeitig vor Augen, zu welch privilegierten Minderheit man doch gehört. Und all das nur, weil wir Glück hatten, zum richtigen Zeitpunkt, im richtigen Land in die richtige Familie geboren zu werden.
Diese Erkenntnis und die damit verbundene Einsicht, dass der eigene Erfolg nicht nur sich selbst, sondern auch seinem sozialen Umfeld zuzuschreiben ist, kann vielleicht der erste Schritt sein, ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeit in der Welt und der eigenen Verantwortung dafür zu entwickeln. Und das Wissen über die Möglichkeiten, diese Ungerechtigkeiten zu verkleinern können uns eventuell etwas Trost spenden.
Liebe Grüße aus Paris,
Alexander
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